Amerikas neuer "Jahrhundertprozess"

- Santa Maria/New York - Die kalifornische Kleinstadt Santa Maria, wo Michael Jackson am Freitag erstmals wegen des Vorwurfs des Kindesmissbrauchs vor Gericht erscheinen muss, ist an Kamerateams gewöhnt. Hollywood hat in dem sonnigen Ort inmitten des gleichnamigen Weintals hochkarätig besetzte Kassenschlager gedreht. Doch kein Filmstar bescherte Santa Maria, das unweit des angeblichen Tatortes Neverland-Ranch liegt, jemals einen derartigen Medien- und Fanauftrieb.

<P>Zu hunderten werden nach Angaben des Jackson-Bruders Jermaine treue Anhänger aus aller Welt in Buskarawanen anrollen. Möglichst in Hörweite des Gerichts am Schnittpunkt von Miller und Cook Street wollen sie dagegen protestieren, dass ihrem Idol der Prozess gemacht wird. "Alles Lüge, Michael ist rein wie ein Kind", sagt eine etwa 30-jährige Italienerin im Gasthaus "Royal Copenhagen Inn", dem Hauptquartier der Fanbewegung unweit von Santa Maria.</P><P>Kein Fernsehsender und keine Illustrierte will auf die Bilder vom ersten Gerichtstermin im Verfahren "Das Volk des Staates Kalifornien gegen Michael Jackson" verzichten. Als "König" mag der Sänger und Tänzer, der einst als größter Popstar der Welt galt, ausgedient haben. Den Titel "New King of Pop" vergab das Magazin "Rolling Stone" an Justin Timberlake. Doch als mutmaßlicher Kinderschänder ist Jackson aus Sicht der Medien eine Sensation. Mehr als acht Jahre nach dem Doppelmord-Verfahren gegen den Ex-Footballstars O.J. Simpson hat Amerika einen neuen "Jahrhundertprozess".</P><P>Dabei ist das, was sich Freitag im Verhandlungssaal 9 des abgeriegelten Strafgerichts von Santa Maria abspielen wird, nicht einmal der Beginn des Prozesses. Es geht lediglich darum, dass Jackson - wie von der US-Prozessordnung vorgeschrieben - zur längst bekannten Anklage des sexuellen Missbrauchs eines 13-jährigen Jungen in sieben Fällen vor Gericht erklärt, ob er sich schuldig oder unschuldig bekennt.</P><P>Mehrfach hat der 45-Jährige seine Unschuld schon öffentlich beteuert. "Bevor ich einem Kind wehtun würde, würde ich mir die Pulsadern aufschlitzen", sagte er. Jackson-Voyeure werden seinen kurzen Auftritt vor Gericht vermutlich gar nicht live am Bildschirm erleben. Richter Rodney Melville hat die Anträge von 38 TV-Stationen auf Übertragung aus dem Gericht abgelehnt.</P><P>Doch allein das Drumherum sorgt für Bilder, die um die Welt gehen. Jackson wie er hineingeht. Jackson wie er herauskommt. Wie wird er angezogen sein? Ernsthaft wurde in einer Talk-Show diskutiert, ob bedeckte Kleidung als Schuldbewusstsein und ein grelles Outfit als Auflehnung gedeutet werden könnten.</P><P>Wie und wann es nach der Anhörung Jacksons weitergeht, muss Richter Melville entscheiden. Er hat den Ruf eines fairen und sachbezogenen Juristen. Doch Experten rechnen damit, dass sich Staatsanwalt Tom Sneddon und Verteidiger Mark Geragos noch eine Weile mit Anträgen und Gegenanträgen - zum Beispiel zur Auswahl der Jury - bekriegen.</P><P>Im neuen "Jahrhundertprozess" dürfte es Momente geben, in denen der Kampf zwischen den beiden Juristen zur eigentlichen Show wird. Der hoch bezahlte Geragos, zu dessen Kundschaft Hollywoodstars wie Winona Ryder und Robert Downey Jr. gehören, will zeigen, dass er für seine Mandanten sämtliche Register zieht.</P><P>Sneddon schleppt scheinbar eine alte Rechnung mit sich herum. 1993 hatte er vergeblich versucht, Jackson in einem ähnlichen Fall hinter Gitter zu bringen. Damals kam es nicht zum Prozess. Nachdem Jackson an die Eltern des Kindes Millionen von Dollar zahlte, zogen sie die Anzeige zurück.</P><P>Dieser Ausweg ist durch eine Änderung im kalifornischen Strafgesetz versperrt worden. Sneddon hatte darauf gedrungen. Dennoch ist sein Sieg ungewiss, zumal sich die Anklage im wesentlichen auf die Aussage des heute 14-jährigen Jungen stützt. Doch selbst wenn er verliert, könnte der Staatsanwalt bald zu den Gewinnern gehören.</P><P>Das zeigt der Rückblick auf den Fall O.J. Simpson, den Sneddon genau studiert hat. Staatsanwältin Marcia Clark kämpfte damals Monate lang wie eine Löwin. Die Geschworenen sprachen Simpson dennoch vom Vorwurf des Doppelmordes frei. Sneddons Kollegin Clark unterschrieb kurz darauf den Vertrag für ein Buch über den Prozess. Honorar: Vier Millionen Dollar (3,16 Mio. Euro).</P>

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