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70 Gäste bei Hugendubel-Lesung

Boris Becker: Köstliches Wortgefecht mit Journalistin

München - Boris Becker kam am Donnerstag anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Buches nach München, sprach über Raab und Pocher. Zu seiner Lesung am Abend kamen allerdings nur 70 Fans.

Boris Becker wird immer unser Held sein. Was den Sport angeht. Dieser Wille, diese Konzentration. Boris wird immer unser tragischer Held sein. Wie ein Mann sich so demontieren kann. Kennen Sie jemanden, der die Tennislegende nicht peinlich findet? Wir kennen jetzt zumindest einen: Boris selbst. Am Donnerstag stellte Becker mit seinem Co-Autor Christian Schommers die Autobiografie Das Leben ist kein Spiel im Verlagshaus Langen Müller beim Isartor vor (Herbig Verlag, 288 Seiten, 19,90 Euro). Der Versuch einer Zusammenfassung:

Ein Band Shakespeare steht im mächtigen Schrank hinter dem Schreibtisch, an dem Becker und sein Mit-Schreiber, Christian Schommers, Platz nehmen werden. Noch ist es nicht so weit. Unser Auge schweift träge die Regale entlang: Jaroslaw Iwaszkiewicz heißt ein Autor, sein Buch Ruhm und Ehre.

Und dann geht’s los. Kamera-Alarm! Foto-Furioso! Ein Interview des Schreibers mit dem Schreiber. Schommers befragt Boris. Der will Aufklärungsarbeit in Deutschland leisten, sagt er. Weil ja viele Menschen gar nicht so genau wissen (ich ergänze innerlich: wissen wollen), was er so im fernen London alles tut.

Beruflich, als Geschäftsmann. Zuvor übrigens gibt sich Verlegerin Brigitte Fleissner-Mikorey empört und schockiert – ob der Häme, die nach Erscheinen des Buchs über den einstigen Tennishelden ausgeschüttet wurde. „Wie kann man einen Menschen auf so unterirdische Art angehen?“, fragt sie rhetorisch. Ich seufze innerlich. Distanz zum Geschehen muss ja auch nicht schaden – schließlich hat Boris ja seine Ex-Damen ausführlich beschrieben und was sie alles so gemacht haben. Babs-Prügel inklusive. O-Ton Becker: „Das Kriegsbeil ist längst eingegraben.“

Das sagt er nur einmal, mehrmals hingegen „Das können Sie mir glauben“. Warum das Buch? „Es ist mein Recht, das zu tun, was ich für richtig halte“, gibt er zum Besten. „Ich lasse mir nicht mehr alles gefallen.“ Den Lästerern Raab und Pocher ist er gar dankbar, weil sie den Buchverkauf ankurbeln. „Ich mag die beiden Jungs“, sagt er. Was man so twittert, solle man nicht so bierernst nehmen. Raab bezeichnete Becker als "sagenhaften Entertainer", auch für Pocher fand er warme Worte und zeigte sich "dankbar", ihn unter seinen Twitter-Followern zu wissen.

Bierernst nimmt er allerdings Beleidigungen: „Weil mich Menschen, die mich nicht kennen, verurteilen. Das ist eine Unverschämtheit. Ich bin fast 46, in den besten Jahren, das muss man mal respektieren.“ Oh je. Ich bin bald 45, aber das muss keiner respektieren. „Im Alter“, sagt Becker manchmal und meint seines. Das klingt schon fast philosophisch, wie der olle Grieche, der in der Tonne hockte. Der hat allerdings selten etwas geäußert, das für die Tonne war. Das Gefühl beschleicht mich, je länger, desto stärker: Becker glaubt tatsächlich, er hätte Weisheiten mitzuteilen. Er glaubt wirklich, ein Denker zu sein. Und: Er wirkt nicht, als ob er zur Selbstkritik in der Lage wäre.

Ob er denn wüsste, dass ihn alle meine Freunde und Bekannten, die ihn als Sportler verehrten, ihn mittlerweile peinlich finden? Er sich selbst demontiert hat?, will ich wissen. „Ich kenne Ihren Freundeskreis nicht“, returniert Becker knallhart. „Ich habe auch Freunde, die sind offen und ehrlich und direkt. Das Problem mit dem Polarisieren habe ich, seit ich 17 bin.“ Wenn er in Deutschland weile, lächelten ihn die Menschen an und sagen: toller Mann!

Der Blick schweift übers Bücherregal. Henry Jaeger, Die bestrafte Zeit.

Wortgefecht mit Journalistin

Den dramaturgischen Höhepunkt verdankt das Pressegespräch jener Passage, die eine Spiegel Online-Dame stellt.

Die Dame: „Haben Sie keine Angst, mit dem Buch und den Aussagen über Ihre Ex-Frauen Ihre Kinder zu verletzen?“

Becker: „Haben Sie Kinder?“

Die Dame: „Es geht nicht um mich, sondern um Sie.“

Becker: „Sie haben mich etwas Persönliches gefragt, deshalb will ich auch eine persönliche Frage an Sie stellen.“

Die Dame: „Nein, habe ich nicht.“

Becker: „Das erlebe ich immer wieder, dass Frauen ohne Kinder solche Fragen stellen.“

Herr Bieber von der tz mischt sich ein: „Würden Sie mir die Frage beantworten? Ich bin zwar keine Frau, aber habe zwei Kinder, die bei der Mutter leben.“

Becker: „Ich glaube nicht, dass ich meine Kinder verletzt habe.“

Boris Becker stellt seine zweite Biografie vor

Boris Becker stellt seine zweite Biografie vor

Später wird Becker erzählen, dass es sein Traum ist, seine ganzen Familien am Sonntag zum Frühstück um einen großen Tisch zu versammeln. Harmonie. Ob da das Buch hilft?

Zwischenzeitlich wird’s sonniger, da sich die Fragen auf Rückhand-Slice-Niveau bewegen. Boris erzählt, dass er die deutsche und besonders die bayerische Mentalität liebt, die ehrlich, offen und gerade heraus sei. Dass er auf dem Oktoberfest gerne „ein Maß und ein Hähnchen“ verspeist. Das sei wie zweites Weihnachten.

Dann wieder Serve- and-Volley: Ob er denn so gar nichts bereue in seinem Leben? „Jeden Tag bereue ich meine Fehler. Dass man im Alter glaubt (da ist es wieder, das Alter …), alles zu wissen, und dann holt einen das Schicksal wieder ein. Aber ich habe nie das Gefühl, mich verstecken zu müssen. Zudem bin ich bekannt dafür, zu provozieren und zu bestimmten Jahreszeiten den Mund aufzumachen.“ Wie jetzt. Im Herbst. Wie kann man provozieren, wenn man nichts zu sagen hat? Mein Blick schweift ins Regal: Ber­nard Jakoby: Keine Seele geht verloren.

Nur einmal wird die Stimme des Autors verdächtig leise. Wir ahnen die mentale Becker-Faust. Er wird mit Lothar Matthäus und seinen Frauen verglichen. Das verbittet sich Becker. Lothar, denken wir uns, ist schließlich kein Intellektueller. Und lässt uns nicht an seinen Gedankenflügen teilhaben. Im Gegensatz zu Becker. Das können Sie mir glauben. Oder auch nicht.

Matthias Bieber

Boris Becker bei Hugendubel

Das Boris-Buch schlug zwar gleich auf Platz zwei der Bestsellerlisten ein. Bei seiner Lesung am Donnerstagabend im Hugendubel am Stachus war die Zahl der Gäste allerdings überschaubar. Nur rund 70 Boris-Fans waren bereit, zehn Euro Eintritt zu bezahlen, um den Ex-Tennis-Star zu sehen. Wie schon zuvor sprach er über seine Ex-Frauen, Stefan Raab, Oliver Pocher - und natürlich die Gründe, mit 45 Jahren schon die zweite Biografie zu veröffentlichen.

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