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Zu Besuch bei der tz: Christian Ulmen.

Tatort-Star im Interview

Christian Ulmen: „Ich schäme mich dauernd“

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München - Er ist Tatort-Star (Weimar), Regisseur, Produzent und überhaupt ein ziemlich umtriebiger Typ: Christian Ulmen. Das neue Werk des 41-jährigen Hamburgers: Jerks, was übersetzt so viel heißt wie „Trottel“. Wir trafen Ulmen zum Interview.

Im Mittelpunkt der Serie, die ab Donnerstag beim Streamingdienst Maxdome verfügbar ist (ein Abo kostet 7,99 Euro/Monat), stehen Ulmen und Fahri Yardim (Tatort Hamburg), die von einer peinlichen Situation in die nächste geraten. Erzählt wird schlüpfrig, manchmal derb, weil aber alles auf den Punkt gespielt ist, ist es sehr lustig.

Herr Ulmen, „Jerks“ läuft zunächst bei Maxdome. Damit liefern Sie die erste eigenproduzierte ­Serie eines deutschen Streaminganbieters. Ist Ihnen so was wichtig – Erster sein?

Christian Ulmen: Das ist das Allercoolste überhaupt. Wie die erste Landung auf dem Mond. Wenn wir scheitern, scheitert Deutschland. Kann man so sagen, oder?

Mindestens.

Ulmen: Ja. Zumal wir schneller sind als die amerikanischen Streamingdienste wie Net­flix oder Amazon mit ihren deutschen Serien. Wir sind die Antwort auf Trump.

Aber jetzt mal im Ernst: Ist das die Zukunft für Sie als Fernsehmacher – die Erstveröffentlichung bei einem Strea­mingdienst, dann die Ausstrahlung im klassischen Fernsehen?

Ulmen: Das ist nicht die ­Zukunft, das ist die Gegenwart. Man munkelt, dass mehrere Millionen Menschen diese Streamingdienste nutzen, Zahlen werden ja nicht veröffentlicht. Da kann man nicht mehr von einer visionären Geschichte für die Zukunft sprechen.

Im Mittelpunkt von „Jerks“ stehen Sie und Fahri Yardim als beste Freunde. Sie spielen sich selbst, wie Sie in peinliche Fremdschäm-Situationen reinstolpern. Für wen ist die Serie gemacht?

Ulmen: Für alle Menschen ab 16 – außer meinen Eltern.

Warum das?

Ulmen: Na ja. Es ist schon schwierig, wenn das eigene Kind, von dem man sich mal erhofft hat, dass es Arzt wird oder die Tagesthemen moderiert, auf einmal in einer Fernsehserie sitzt, in der es um Masturbationskurse für Frauen geht. Mit so was hatte meine Mutter nie etwas zu tun – zumindest hat sie nie drüber gesprochen.

Aber Ihre Mutter weiß, dass es die ­Serie gibt?

Ulmen: Ja, das schon. Aber ich habe meinen Eltern klar gesagt: Das ist nicht für euch gemacht.

Was den Reiz reinzuschauen vermutlich erhöht.

Fahri Yardim und Christian Ulmen spielen die Hauptrollen in „Jerks“ – sich selbst.

Ulmen: Inzwischen nicht mehr. Ich habe ja schon ein paar Sachen gemacht, die in eine ähnliche Richtung gingen. Und jedes Mal hat meine Mutter die ganz klare Mahnung an mich gerichtet, dass jetzt wirklich das Ende meiner beruflichen Existenz erreicht sei. Meine Mutter kommt aus einer Generation und einem Umfeld, wo Reputation viel galt. Relevant war, was die Nachbarn denken könnten. Und ich glaube nicht, dass meine Mutter sich ausmalen möchte, was die Nachbarn sagen, wenn die sehen, dass ihr Sohn im Fernsehen etwas mit der präzisen Benennung von weiblichen Geschlechtsteilen zu tun hat. Deswegen wird sie es nicht anschauen.

Sie und Fahri Yardim sind auch im Privatleben eng befreundet. Wie lange kennen Sie sich?

Ulmen: Seit Kindertagen. In einem Hamburger Judo-Kurs habe ich irgendwann in den 80er-Jahren den kleinen Fahri kennengelernt.

Und das war gleich Liebe auf den ersten Blick?

Ulmen: Ja, ich war stärker als er. Darum mochte ich ihn. Ich war ein eher unsportliches Kind.

Was macht diese Freundschaft heute aus?

Ulmen: Man ist nicht beleidigt, wenn man sich jahrelang nicht sieht. Die Definition von Freundschaft über Zeit findet bei uns nicht statt. Immer nur über Nähe. Und die bleibt, auch wenn man sich nicht sieht.

Eine typische Männerfreundschaft?

Ulmen: In meinen Augen gibt es so etwas nicht. Ich versuche, nicht in solchen Kategorien zu denken. Ich finde das sogar gefährlich.

Inwiefern?

„Tatort“-Kollegin Nora Tschirner hat auch in „Jerks“ einen Auftritt.

Ulmen: Wir fangen gerade wieder an zu strukturalisieren und zu pauschalieren. Die Ausländer. Die Flüchtlinge. Die Männer. Die Frauen. Ich kenne so viele Frauen, die sich so benehmen, wie die Herrenmagazine es Männern zusprechen. Und ich kenne Männer, die springen auf den Tisch, wenn sie eine Spinne sehen. Die Leute sind mehr als ihr Geschlechtsteil.
Sie geraten in der Serie in ziemlich viele peinliche Situationen und spielen das hinreißend gut. Weil Ihnen selbst gar nichts peinlich ist oder weil Ihnen eher viel peinlich ist?
Ulmen: Man kann so etwas nur spielen, wenn man sich selbst schämt.

Wann schämen Sie sich?

Ulmen: Dauernd. Sobald ich das Haus verlasse, ist mir das Leben unangenehm. Ich frage mich, ob ich rieche. Oder auch die Situation jetzt gerade.

Jetzt gerade?

Ulmen: Fahri hat das neulich so schön in einem Interview gesagt: Man weiß gar nicht, ob der Journalist, der einen interviewt, Bock dazu hat. Oder ob er vom Chef gezwungen wurde. Ich stelle mir vor, heute Morgen in Ihrer Konferenz ging es darum, tolle Interviews zu verteilen – und Sie haben Ulmen bekommen. Was weiß ich, ob Sie das wollten. Allein der Gedanke daran ist mir unangenehm.

Das ist Koketterie.

Ulmen: Selbstverständlich, aber traurigerweise überwiegend wahr. Ich gehe aus dem Grund übrigens auch in keine Talkshow. Ich hasse es, in Gruppen zu sprechen.

Fahri Yardim und Sie sind beide „Tatort“-Stars. Warum haben Sie da eigentlich nicht schon gemeinsame Sache gemacht?

Ulmen: Das hatten wir gar nicht selbst zu entscheiden. Wir wurden ja beide als Schauspieler eingekauft für die jeweiligen Produktionen. Aber tatsächlich würde ich mich freuen wie ein Kind, wenn Fahri mal als Kollege aus Hamburg zu uns nach Weimar kommt und uns unterstützt, wenn Nora mal nicht kann oder krank ist. Das wäre schön.

Interview: Stefanie Thyssen

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