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Am Samstag versuchen wieder einige junge Kandidaten ihr Glück vor den berüchtigten Juroren ­Dieter Bohlen, Nina Eichinger und ­Volker Neumüller.

DSDS: Warum tun sie sich das an?

München - Mit jeder Staffel steigt die Zahl der DSDS-Bewerber, trotz der berüchtigten Jury und obwohl die RTL-Castingshow nur für ganz wenige ­Talente ein Karriere-Sprungbrett war.

Im Interview erklärt der Medienwissenschaftler Norbert Bolz (Professor an der TU Berlin) die Anziehungskraft von Deutschland sucht den Superstar.

Herr Bolz, was verleitet die Menschen dazu, bei Dieter Bohlen vorzusingen? Allmählich müsste doch jedem klar sein, dass man dort eher vorgeführt als entdeckt wird.

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Prof. Dr. Norbert Bolz: Selbstverständlich weiß das jeder. Die jungen Leute haben es zigfach gesehen und sind ja generell mit allen Wassern der neuen Medien gewaschen. Es überrascht also niemanden – und es schreckt auch niemanden ab. Denn meines Erachtens geht es um etwas ganz Anderes. Nämlich darum, eine Art Existenzbeweis zu führen, dadurch, dass man ins Fernsehen kommt. Das ist das Entscheidende! Keiner der Bewerber erwartet ernsthaft, Superstar zu werden. In die Fußstapfen der zwei, drei Leute zu treten, die tatsächlich durch DSDS berühmt geworden sind – dieser Traum dient allenfalls noch als fantastischer Überbau. Aber er genügt, um eine neue Volkskrankheit immer wieder auszulösen, nämlich den Größenwahn.

Casting-Shows: Was wurde aus den Gewinnern?

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Volkskrankheit Größenwahn?

Bolz: Ich glaube, dass gerade Jugendliche stark dazu neigen, ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Jeder traut sich zu, Schauspieler zu sein oder Sänger oder eine interessante Persönlichkeit. Diese Kombination aus Exhibitionismus und einem gewaltigen Voyeurismus auf der Zuschauerseite – das hält Sendungen wie Deutschland sucht den Superstar am Laufen.

Sind die Lust an der Selbstdarstellung und die Selbstüberschätzung erst in unserer Zeit zu Massenphänomenen geworden?

Spätestens, wenn sie sich um eine Lehrstelle oder einen Arbeitsplatz bewerben.

Bolz: Ganz genau. Heute genügt es nicht mehr, etwas gut zu können, man muss es auch ­darstellen können. Die Performance zählt. Und Castingshows haben ja genau diesen Charakter, dass man ihnen sagt: „Hier, du hast jetzt drei Minuten. Und die entscheiden darüber, ob du eine Null bleibst oder berühmt wirst.“

Wird im Zuge dieses Selbstmarketings der Schein wichtiger als das Sein?

Bolz: Solche Fernsehsendungen suggerieren in der Tat, dass nicht das Können der ausschlaggebende Faktor ist, sondern die Selbstdarstellung.

Andy Warhol hat 1968 gesagt: „In der Zukunft wird jeder für 15 Minuten weltberühmt sein.“ Hatte er vielleicht so etwas wie DSDS im Sinn?

Bolz: Andy Warhol hat das damals als eine Art Kunstphilosophie der neuen Medien verkündet, damals hatte seine These noch etwas Avantgardistisches. Heute ist sie triviales Alltagswissen geworden. Die Jugendlichen von heute haben ihre Warhol-Lektion gelernt.

Wie kann man Kindern und Jugendlichen vermitteln, dass ein Auftritt in einer Castingshow nicht so erstrebenswert ist, wie sie vielleicht glauben?

Bolz: Die meisten Pädagogen meinen, die Kinder hätten falsche Vorstellungen über das, was ihnen in so einer Sendung widerfährt, und dann würden sie hinters Licht geführt und gequält. Aber dazu sind die Kinder viel zu raffiniert, die machen das sehenden Auges. Im Grunde ließe sich dagegen pädagogisch nur angehen, indem man Kindern wieder eine Relation zwischen Leistung und Erfolg plausibel macht. Aber das ist verdammt schwer. Weil die Massendemokratie der neuen Medien immer stärker den Eindruck erweckt, man könne erfolgreich sein, auch ohne wirklich etwas zu können.

Was ist mit den Kandidaten, die hinterher jammern, Bohlen habe ihr Leben zerstört?

Bolz: Die sind besonders ­clever, weil sie wissen, dass man mit so einer Heuchelei erst recht in die Zeitung kommt.

Interview: Ingo Wilhelm

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