Englisches Theaterstück über Willy Brandt

- London - Willy Brandt als Bundeskanzler steht im Mittelpunkt des englischen Theaterstücks "Democracy", das vom Königlichen National Theater in London uraufgeführt wurde. Das Publikum nahm die Premiere am Dienstagabend im ausverkauften Cottesloe, der Studiobühne des Theaters, begeistert auf.

<P>Der renommierte britische Dramatiker Michael Frayn hat "Democracy" geschrieben. Die Handlung setzt ein, als Willy Brandt 1969 als erster Sozialdemokrat zum Bundeskanzler gewählt wird und endet, als die Mauer im November 1989 fällt, die Demokratie ihren Siegeszug im Osten Europas beginnt. Frayn legt seinen Szenen die These zu Grunde, diese Entwicklung habe Willy Brandts Entspannungspolitik eingeleitet. Von 1969 bis zu seinem Rücktritt 1974 bestimmte Brandt als Bundeskanzler die deutsche Politik.</P><P>Auf den ersten Blick wirkt "Democracy" wie ein Dokumentarstück, tatsächlich aber ist es ein Ideendrama. Willy Brandt (1913-1992) steht für das Prinzip des Vertrauens - die DDR repräsentiert das Misstrauen, sie will wissen, wie weit Brandt es ernst meint - und lässt Günter Guillaume Brandt ausspionieren. Die beiden politischen Prinzipien bedingen sich wechselseitig - und es ist Willy Brandt zu danken, dass er dem Vertrauen zum Durchbruch verhilft. Aber auch Günter Guillaume beharrt in Frayns Stück auf seinem Anspruch, zum Wirksamwerden der Entspannungspolitik beigetragen zu haben. Nicht zuletzt seine Berichte haben die tonangebenden Politiker im Osten von der Ernsthaftigkeit des westdeutschen Engagement überzeugt.</P><P>Michael Frayn bleibt selbst dem von Brandt inkarnierten Prinzip treu, verteufelt in seinem Stück niemanden. Der Dramatiker breitet auch die üblichen Rivalitäten zwischen Politikern aus - das ist eben der Durchschnitt. Den übersteigt Brandt, das macht ihn zum überragenden Mann. Selbst Brandts Entscheidungsschwäche deutet Frayn noch als eine Facette der Fähigkeit des Politikers, selbst in scheinbar ausweglosen Lagen Kompromisse zu finden: Brandts Schwächen erscheinen in London als seine Stärken - und vice versa.</P><P>Michel Blakemore stellt seine Uraufführungsinszenierung ganz in den Dienst des Stücks - allerdings gelingt es ihm nicht immer, die Stofffülle zu bändigen. Überdies ist ihm ein Besetzungsfehler unterlaufen. Roger Allam spielt Willy Brandt überzeugend, ohne eine äußerliche Ähnlichkeit anzustreben; Helmut Schmidt (Glyn Grain) ist ein Kronprinz, der ungeduldig mit den Hufen scharrt; aber David Ryall hat mit Herbert Wehner die falsche Rolle bekommen, er spielt, als solle er Churchill darstellen.</P><P>Im Nachwort zu seinem Stück weist Frayn darauf hin, dass noch immer das Deutschlandbild vieler Briten von der nationalsozialistischen Zeit bestimmt wird. Frayn plädiert dafür, diese Vorstellung fast sechzig Jahre nach Kriegsende zu revidieren. Mit seinem Stück über die Entspannungspolitik und Willy Brandt unterstützt der britische Meisterdramatiker sein Plädoyer durch (s)einen konkreten, überzeugenden Vorschlag.</P>

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