"Erbärmlich": Kachelmann-Anwalt kritisiert Gericht

Mannheim - Verteidiger Johann Schwenn hat nach dem Freispruch für seinen Mandanten Jörg Kachelmann scharfe Kritik an der Staatsanwaltschaft geübt.

Sein Mandant sei “aufs Schäbigste“ behandelt worden, sagte er am Dienstag. Das Urteil sei nicht anders zu erwarten gewesen.

Seidling sagte weiter, das Gericht sei überzeugt, die juristisch richtige Entscheidung getroffen zu haben. Eine Befriedigung verspüre das Gericht jedoch nicht. “Wir entlassen den Angeklagten und die Nebenklägerin mit einem möglicherweise nie mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht - ihn als potenziellen Vergewaltiger, sie als potenzielle, rachsüchtige Lügnerin.

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Deutliche Kritik übte Seidling an den Medien und den Blogs im Internet. Sowohl die Persönlichkeitsrechte des Angeklagten als auch die der Nebenklägerin seien “mit Füßen getreten“ worden. Mit Befremden reagierte die Strafkammer auf ein Presseorgan, das im Internet zur Abstimmung über das Urteil im Fall Kachelmann aufgerufen hatte. Nach den Vorbemerkungen ging Seidling auf Kachelmanns einzige Aussage ein, die er beim Haftrichter gemacht hatte. Diese seien in Bezug auf seine Beziehung zu der Radiomoderatorin unwahr gewesen. Er hatte ausgesagt, es habe nie Pläne für ein gemeinsames Heim gegeben. Das sei durch die Beweisaufnahme widerlegt. Tatsächlich wurde die Einrichtung für das Haus im Schwarzwald besprochen. Kachelmann habe die Frauen “manipuliert“ und “seismografisch geführt“, sagte Seidling in der Urteilsbegründung. Die Kammer war auch überzeugt, dass er in der fraglichen Nacht seine zahlreichen Parallelbeziehungen eingestand und von psychischen Problemen berichtete.

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Allerdings habe auch die Frau teilweise die Unwahrheit gesagt. So habe sie die Flugtickets mit dem Namen Kachelmanns und der einer anderen Frau schon viel früher erhalten. Sie hatte auch Kontakt zu der Nebenbuhlerin aufgenommen, was sie aber der Polizei über Monate verschwieg. Diese Lügen in Teilbereichen “hatten in der Beweiswürdigung eine nicht unerhebliche Bedeutung“, so der Richter. Allerdings mache das nicht ihre gesamte Aussage von vorn herein unglaubwürdig. Es müssten dann aber alle weiteren Beweismittel sorgfältig geprüft werden. Die Verletzungen der Frau und das Messer “seien aber als Beweise für die Schuld oder Unschuld nicht geeignet“.

Die Spurenlage könne in die eine wie in die andere Richtung gedeutet werden. Für die Strafkammer stehe deshalb nicht fest, dass es zu einer Straftat gekommen war, als Kachelmann die Wohnung der Nebenklägerin in der Nacht im Februar 2010 verließ.

Die Staatsanwaltschaft kündigte an, sie werde in der kommenden Woche prüfen, ob sie Revision einlege. Sie hatte dem 52-jährigen Schweizer besonders schwere Vergewaltigung seiner Ex-Freundin vorgeworfen und eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten gefordert. Kachelmanns Verteidigerin Andrea Combé sagte, sie sei sich ganz sicher, dass eine Revision keine Chance hätte.

Das Urteil war von den Zuschauern im Gerichtssaal mit Jubel und einem Aufschrei aufgenommen worden. Kachelmann und die Nebenklägerin hatten den Freispruch mit unbewegten Gesichtern verfolgt.

Von Ursula Knapp und Norbert Demuth

Rubriklistenbild: © dpa

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