Folk-Ikone Joan Baez geht auf Deutschlandtournee

San Francisco - Joan Baez hat sich schnell ihrer Schuhe entledigt. Mit nackten Füssen plaudert die legendäre Folk-Sängerin und Ikone der Friedensbewegung in einem Jazz-Café im kalifornischen Palo Alto über Barack Obama, neue Songs und ihre bevorstehende Konzertreise nach Deutschland.

"Sie sind smarter", flüstert die 67 Jährige mit vorgehaltener Hand, als dürften dies ihre amerikanischen Fans nicht hören. Das deutsche Publikum sei immer treu gewesen, habe ihre Lieder richtig verstanden und sich für ihre Songs begeistert. "Sie sind wirklich klug und auch ein bisschen jünger", meint die zarte Frau mit den kurzen, grauen Haaren über ihre Konzertbesucher in Germany.

Tourneestart ist am 2. Juli in Bochum. "A Special Evening With Joan Baez" führt die Sängerin nach Dresden, Stuttgart, Trier, Magdeburg, Berlin und Hamburg. Sie reist auch nach England und zum Jazz Festival nach Montreux. Ihr erster öffentlicher Auftritt im Club 47, einem Folk-Club in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts, liegt 50 Jahre zurück. Beim Woodstock-Festival im August 1969, wo sie ihr trotziges "We Shall Overcome" sang, wurde "die Muse des Flower-Powers" als Headliner gefeiert.

Neben ihren Klassikern will Baez in Deutschland auch Songs von ihrem neuen Album spielen, das Anfang September auf den Markt kommt. Es ist ihr erstes Studioalbum seit "Dark Chords On A Big Guitar" aus dem Jahr 2003. Der CD-Titel "Day After Tomorrow" hat nichts mit Roland Emmerichs Katastrophenfilm über schmelzendes Eis und Flutwellen zu tun. Baez hat ihr Album auf den von Tom Waits geschriebenen Titelsong getauft, in dem die Ängste und der tägliche Überlebenskampf eines Soldaten besungen wird. "Der Krieg im Irak oder in Afghanistan war sicher der Anstoß, aber wenn ein solches Lied richtig gut ist, dann geht es eigentlich um alle Kriege", meint Baez über den "starken und universalen" Waits-Song.

Baez sang schon immer für die Einsamen und Entrechteten der Welt, wider den Krieg und für die Liebe. Beim "Civil Rights March" in Washington marschierte sie 1963 neben Martin Luther King, 1979 gründete sie eine Menschenrechtsorganisation, während der ersten "Intifada" trat sie im Westjordanland und im Gaza-Streifen auf, 1989 unterstützte sie die "Samtene Revolution" in Prag. Sie engagierte sich in Chile, Argentinien, Kambodscha, Vietnam und Sarajevo. Viele Jahrzehnte führte sie die Friedensbewegung mit ihren Protestsongs an.

Doch in diesem Jahr stellte sich Baez zum ersten Mal öffentlich hinter einen US-Präsidentschaftskandidaten, Barack Obama. "Das heißt schon etwas, denn vorher habe ich mich nie für Parteipolitik stark gemacht, geschweige denn einen Kandidaten unterstützt". Im Gegensatz zu Hillary Clinton "von der alten Schule" bringe Obama einen "ganz frischen Wind", von dem sie sich einen "Wachruf" für die Nation verspricht. Sogar ihr 38 Jahre alter Sohn, der sich noch nie für Politik interessierte, habe Spenden für Obama gesammelt, begeistert sich die Sängerin.

Texte schreibt Baez schon lange nicht mehr, weil es "zu anstrengend" ist. Die Folk-Ikone, die 2007 mit dem Grammy für ihr Lebenswerk geehrt wurde, interpretiert lieber die Songs von Kollegen, die sie "wirklich bewegen". Für ihre neue CD wählte sie unter anderem Lieder von Elvis Costello, Patty Griffin und Steve Earle. Mit 67 Jahren sei alles "ein wenig schwieriger", sagt sie lachend. "Die ersten 15 bis 20 Jahre fiel mir das Singen total leicht, dann folgte eine Phase der Ernüchterung, in der ich merkte, 'oh mein Gott, ich muss wie jeder andere in der Welt üben, wie schrecklich'". Nun werde es jedes Jahr schwieriger. Schon ihr erster Gesanglehrer habe sie gewarnt, dass am Ende alles der Schwerkraft unterliegt. "Das ist eine schreckliche Vorstellung, aber leider wahr. Auch Stimmbänder werden schlaffer", lacht sie und verdreht dabei die Augen.

Baez, die mit ihrer 95 Jahre alten Mutter bei Palo Alto lebt, grinst auch noch bei der obligatorischen Frage nach Bob Dylan, ihrem früheren Kampfgefährten und Geliebten. Eine Antwort bleibt sie wie immer schuldig. Über ihn will sie nicht sprechen. Bereitwillig verteilt sie dagegen Autogramme, als Café-Gäste mit einem erstaunten "Ist das wirklich Joan Baez?" über die Sängerin herfallen. "Das ist doch rührend. Nein, das finde ich gar nicht störend", versichert sie. "Aber es überrascht mich jedes Mal, vor allem, wenn sie so begeistert sind".

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