Die Frau seines Lebens

- München - Es trat die Situation ein, die Franz Beckenbauer immer befürchtet hatte: Dass er nicht bei seiner Mutter sein könnte in der Stunde ihres Todes. Der Weltreisende in Sachen Fußball weilte in Südafrika, als er die traurige Nachricht erhielt: Seine Mutter Antonie war gestern Vormittag, 92-jährig, in einer Münchner Klinik gestorben. Noch im alten Jahr war sie eingeliefert worden nach einem Schwächeanfall, doch zwischenzeitlich wurde vermeldet, sie sei auf dem Weg der Besserung.

Antonie war das Herz des Beckenbauer-Clans. "Mein Vater ist ja oft schwer zu erreichen; wenn ich was von ihm will, ist es am besten, ich rufe bei der Oma an", sagte Kaiser-Sohn Stefan Beckenbauer, "denn bei der Oma meldet er sich jeden Tag." So war es: Aus jedem Winkel der Welt erkundigte sich Franz Beckenbauer nach dem Wohlergehen der Mutter, zu der er stets ein innigeres Verhältnis pflegte als zum strengen Vater Franz, der stolz auf die eigene Postlerlaufbahn war und dem Filius vom Berufsfußballertum stets abriet. Seiner Mutter vertraute sich Franz jun. auch an, als er mit 17 eine Kollegin bei seinem Arbeitgeber, der Allianz-Versicherung, geschwängert hatte. Und Beckenbauer erzählte gerne von den fast kultigen Gesprächen, die es bis zuletzt gegeben hatte: "Immer, wenn ich vor einem Besuch bei ihr anrief, fragte meine Mutter: ,Bub, was willst du essen?’"

Antonie Beckenbauer stand für eine Eigenschaft, die alle Welt am großen Franz schätzte: Dass er bodenständig blieb, nicht abhob. Die Mutter war auch ein Teil seines Lebens, den der Fußball-Schaffende der Öffentlichkeit nur wohlüberlegt zugänglich machte. Der Schriftsteller Torsten Körner, der im vorigen Jahr eine Beckenbauer-Biographie veröffentlichte ("Der freie Mann"), erzählt, dass ihm erst Franz selbst den Zugang verschaffte. Ansonsten gab es mal eine "Bild"-Story über Franz mit seiner alten Dame am Küchentisch - und dann natürlich den nicht zu umgehenden Auftritt zu den Feierlichkeiten von Beckenbauers 60. Geburtstag rund um den 11. September 2005.

Hochschwanger durchs zerbombte München

Antonie Beckenbauer war quasi der Stargast bei der großen ZDF-Gala für den Kaiser. Die Moderatoren Thomas Gottschalk und Günther Jauch geleiteten die Frau, die den Deutschen ihren bekanntesten Bürger geschenkt hatte, auf die Bühne in der Münchner Messe. Unbefangen erzählte sie dort von ihrem Leben. Sie ging schwer, hinterließ aber den Eindruck, durchaus rüstig durch den Alltag in der Schwabinger Stauffenbergstraße 69, wo sie wohnte, zu kommen: "Ich mache daheim in meiner Wohnung fast alles selbst. Nur alle zwei Wochen kommt eine Zugehfrau. Vorhänge waschen und aufhängen, das tue ich nicht mehr." Und sie gewann Sympathien, als sie sagte, dass ihr die Popularität des Franz gar nicht so sehr imponiere: "Auf den Walter, meinen anderen Buben, bin ich genauso stolz, der ist auch ein ordentlicher Mensch geworden."

Ja, für Fußball hat sich Antonie Beckenbauer interessiert - schon bevor sich abzeichnete, dass der Familienname mal zum Allgemein-Begriff werden würde. "Ich war fußballnarrisch", erinnerte sie sich gegenüber Torsten Körner an einen besonderen Moment: 1954, als die deutsche Weltmeister-Mannschaft aus der Schweiz per Zug auf Triumphfahrt durch Deutschland ging, nahm sie Walter, 13, und Franz, 9, an die Hand, pilgerte mit ihnen zum Münchner Hauptbahnhof. Zu Fuß. Das Zehnerl für die Trambahn sparte sie.

Mit der Straßenbahn war sie am 11. September 1945 zur Entbindung gefahren, in die Maxvorstadt zur gynäkologischen Haas-Klinik. Die Linie ging aber nur über zwei Stationen, die Gleise waren zerbombt. Weiter kam sie zu Fuß und mit Hilfe eines US-Militärjeeps. An Schwierigkeiten war sie aber gewöhnt im Leben: Ihr Vater fiel im Ersten Weltkrieg als Soldat - da war sie drei. Als junge Frau wurde sie - nach einer Lehre bei der Lebensmittelkette "Backdi" - Verkäuferin im Kaufhaus Uhlfelder. Es gehörte einer jüdischen Familie, der Antonie Beckenbauer als Angestellte die Treue hielt, bis das Haus nach der Pogromnacht am 10. November 1938 geschlossen wurde.

Nach der Heirat mit Franz Beckenbauer bezog man zwei Zimmer in der Wohnung der (Schwieger-)Eltern, der Mann begann als Aushilfssortierer bei der Post, arbeitete sich hoch zum Posthauptsekretär. In Giesing, am Bonifatius-Platz, war man sozialdemokratisch ausgerichtet. "Niemand in unserer Familie hat die Nazis gewählt." Im Krieg, als München bombardiert wurde, suchten Verwandte Zuflucht bei ihr. Sie nahm alle auf und erinnerte sich an eine besondere Begebenheit. Fliegeralarm, alle in den Keller! Sie hatte gerade Spinat auf den Herd gestellt, es blieb keine Zeit mehr, den Deckel auf den Topf zu setzen: "Als wir zurückkamen, war der Spinat ganz schwarz vor Ruß und Staub." Nach dem Krieg, als Nahrung knapp war, fuhr Antonie Beckenbauer mit dem Rad öfter mal 30 Kilometer hinaus aufs Land, um bei Verwandten Brot, Eier, Gemüse, Milch, Speck zu bekommen. Es waren Tauschgeschäfte: Sie brachte dafür Kleidung, Wäsche, Bücher.

Hupfauf - das war übrigens der Mädchenname von Antonie Beckenbauer. In der Schule musste der immer mit angegeben werden, Sohnemann Franz erntete dafür Spott: "Ich habe mich oft geschämt. Ich weiß noch, dass ich oft ausgelacht wurde in der Klasse."

Es hat natürlich nichts an der tiefen Liebe von Franz Beckenbauer für die wichtigste Frau in seinem Leben geändert. Torsten Körner fiel es auf: "Wenn man mit Franz Beckenbauer über seine Mutter spricht, wird die Stimme des ansonsten wenig rührseligen Mannes weicher, ja, zärtlicher, wobei auch sein Dialekt eine Rolle spielt. Er sagt: ,Mei Muatter', und darin klingen Intimität, Wärme und Verbundenheit an, Untertöne, die im Hochdeutschen nicht so gut zu hören sind."

Einen Wunsch hatte Antonie Beckenbauer noch: die WM 2006 zu sehen. "Als wir sie im Jahr 2000 gekriegt haben, dachte ich mir: Das erlebst du nicht mehr. Jetzt bin ich der WM doch nahe gekommen", sagte sie im September 2005. Sie hätte es fast geschafft.

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