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Nach dem Stimmbruch setzte Hein Simons seine flacher verlaufende Karriere fort, ohne mit dem Schicksal zu hadern.

Früherer Kinderstar

Für immer zwölf: Heintje wird 60

München - Er ließ die Bundesrepublik kollektiv aufschluchzen: Zum 60. Geburtstag von Hein Simons alias Heintje.

Nein, es hängt ihm nicht zum Hals heraus, das beteuert er immer wieder. Seit Jahrzehnten. Es ist wohl tatsächlich so: Hein Simons hat seinen Frieden damit gemacht, in den Köpfen der Menschen der kleine Heintje geblieben zu sein, der so rührend die „Mama“ besungen hat, bis die Bundesrepublik kollektiv aufschluchzte. 1967 war das, und während auf den Straßen erste Studentenunruhen, Hippies und psychedelische Rockmusik eine neue Ära im Land einläuteten, eroberte der damals zwölfjährige Niederländer die Hitparaden.

„Mama“ war die meistverkaufte Single des Jahres. Nur scheinbar ein Widerspruch. Allen, die verunsichert waren von den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen, denen bot Heintje ein wenig Halt und Orientierung. Wo Heintje sang, war die Welt in Ordnung. Ein akkurat frisierter Sohn, der seine Mutti tröstet, den Zusammenhalt der Familie beschwört – so einen Buben wollten damals viele gerne zuhause haben, während der eigene Nachwuchs, womöglich mit unziemlich langem Haupthaar, gerade gegen den Vietnamkrieg oder für Mao Tse-tung demonstrierte und eine Kommune der bürgerlichen Familie vorzog.

Außerdem hatte Heintje diesen leichten holländischen Zungenschlag, den die Deutschen – Gott allein weiß weshalb – unwiderstehlich finden. Heintje war eine Projektionsfläche der Sehnsucht, und sein Entdecker, der auf den großartigen Namen Addy Kleijngeld hörte, bediente das Segment außerordentlich geschäftstüchtig. Nach dem Muster von „Mama“ warf Heintje neue Lieder auf den Markt und eroberte mit seiner glockenhellen, bemerkenswert kräftigen Stimme dreimal hintereinander den ersten Platz der deutschen Hitparade. Auch in seiner holländischen Heimat hatte Heintje Erfolg, aber zum Superstar wurde er in Deutschland.

Heintje wurde in Deutschland auch zum Filmhelden

Schnell wurde er auch zum Filmhelden. Mit den „Lümmel von der ersten Bank“- Klamotten und Melodramen lockte er Millionen ins Kino. Und wäre Heintje für immer zwölf geblieben, hätte das noch sehr lange so weitergehen können. Aber mit 16 Jahren und nach gut 40 Millionen verkauften Tonträgern ereilte ihn die größte anzunehmende Katastrophe für einen männlichen Kinderstar: der Stimmbruch. Singen konnte er noch immer, aber er klang eben wie viele andere auch. Und auch der Welpeneffekt, der Großmütter, Mütter und Töchter für Heintje einnahm, nutzte sich ab, spätestens als er anfangen musste, sich zu rasieren.

An diesem Punkt beginnt die eigentliche, die beindruckende Strecke von Heintjes Karriere. Denn der hadert nicht mit seinem Schicksal, verfällt nicht in Depressionen, wird nicht drogensüchtig oder verschleudert sein Geld. Nein, er macht einfach weiter in dem Wissen, von nun an eben kleinere Semmeln backen zu müssen. Er nennt sich fortan Hein Simons und singt deutsche Schlager. Nicht mit der überwältigenden Resonanz wie zuvor, aber immerhin: Er veröffentlicht weiterhin Platten und taucht immer mal wieder in Fernsehsendungen auf. Natürlich muss dann immer erklärt werden, dass der Herr in Wahrheit der kleine Heintje sei, und Simons macht das jedesmal mit viel Geduld mit. Erklärt, dass es eine schöne Zeit war als Kinderstar, er jetzt aber eben andere Dinge mache, die auch sehr schön seien. Das Publikum nickt dann regelmäßig und denkt insgeheim: Hoffentlich singt er gleich „Mama“.

Am Mittwoch wird Heintje 60

Am Mittwoch wird Hein Simons tatsächlich 60 Jahre alt und ist doch im nationalen Gedächtnis immer der Zwölfjährige geblieben. Bis heute hat er treue Fans, die großzügig darüber hinwegsehen, dass Hein Simons überhaupt keine Ähnlichkeit mehr mit Heintje hat. Und für den Mann scheint das in Ordnung zu sein. Jedenfalls lädt er jedes Jahr seine treuesten Fans zum Sommerfest auf sein belgisches Anwesen ein, auf dem er bereits seit über 40 Jahren lebt. Da gibt es Musik, Bratwürste, Anekdoten und dezente Werbung für seine neuen Projekte – Simons veröffentlicht immer noch regelmäßig Platten. Mal auf Niederländisch, mal auf Deutsch.

In den Schlagzeilen war der Sänger nur einmal, als er sich im vergangenen Jahr nach 33 Jahren Ehe von seiner Frau trennte. Oder sie sich von ihm, ganz genau weiß man das ja nie. Ansonsten lebt der dreifache Vater ein offenkundig zufriedenes Leben und widmet sich neben dem Gesang seinen Pferden, seiner wahren Leidenschaft. Er kann es sich leisten. Geld habe er immer sehr konservativ angelegt, hat Simons einmal erklärt. Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen. Hätte nicht gepasst, wenn Mamas Liebling in windige Anlagen oder Steuersparmodelle investiert hätte. Er ist halt ein guter Junge, der Heintje.

Von Zoran Gojic

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