Gags und Pointen am laufenden Band

- München - Er war sein Leben lang Perfektionist, und so plante und probte der schon von schwerer Krankheit Gezeichnete auch seinen letzten öffentlichen Auftritt akribisch bis ins kleinste Detail, mobilisierte die letzten Kräfte, auf dass es "ein unheimlich starker Abgang" werde.

Rudi Carrells emotionale, ein Millionenpublikum bewegende Dankesrede bei der Verleihung der "Goldenen Kamera" im Februar dieses Jahres in Berlin wurde so zum letzten Triumph eines ganz Großen. Bis zuletzt arbeitete der Showmaster und Fernsehproduzent danach an seiner Autobiografie. Am Freitag nun ist Carrell, wie erst gestern bekannt wurde, 71-jährig seinem Krebsleiden erlegen.

Mit dem gebürtigen Niederländer, der eigentlich Rudolf Wijbrand Kesselaar hieß und seinen markanten Akzent stets ostentativ zur Schau trug, starb der letzte Repräsentant der Frühzeit des Unterhaltungsfernsehens - und zugleich der einzige, der sich bis zum Anbruch des digitalen Zeitalters ganz oben behaupten konnte.

"Kommt da noch eine Pointe - oder ist mein Hörgerät ausgefallen?"

Carrell bei Proben zu "7 Tage, 7 Köpfe"

Seinen Beruf gelernt hatte der lange Dürre aus Alkmaar "von der Pike auf" - unter Umständen, die die Frage beantworten, warum Carrell wie ein Besessener ackerte. Als 18-Jähriger sprang er für seinen Vater ein, der als Alleinunterhalter seine Familie nur mit Mühe durchbrachte. Schlechte Vorstellungen konnten sich da schnell existenzbedrohend auswirken, und so spielte der Bursche mit dem professionalisierten Dauerlächeln stets, als ginge es ums Ganze. Einige Jahre tingelte Carrell als Zauberkünstler, Bauchredner und Puppenspieler durch die Lande, bis er schließlich Ende der Fünfzigerjahre den Sprung ins niederländische Fernsehen schaffte.

Ein Auftritt beim Festival von Montreux (Schweiz) im Jahr 1964 machte deutsche Fernsehverantwortliche auf das Talent aus dem Nachbarland aufmerksam. Ein Jahr später begann mit der "Rudi Carrell Show" (ARD) die Erfolgsgeschichte des Entertainers in Deutschland. Sie erreichte einen ersten Höhepunkt mit der Show "Am laufenden Band" (1974-1979), mit der er zum König der Samstagabende avancierte.

Nur knapp zwei Jahre dauerte danach die (Bildschirm-)Pause, dann feierte Carrell mit "Rudis Tagesshow" im Ersten ein furioses Comeback - und bewies damit erneut seinen Instinkt für geniale Konzepte. Von der simplen Technik der Collage aus Originalbildern und dazu kontrastierenden Kommentaren profitieren die vielen (mehr oder weniger) humorigen Wochenrückblicke der Privaten bis heute.

Nicht nur die Quote dieser Reihe, die mit Unterbrechungen bis 1987 lief, ist legendär, sondern auch die durch sie ausgelösten diplomatischen Verwicklungen. Eine Folge der Reihe enthält eine Sequenz, in der der damalige Staatschef des Iran, Ayatollah Khomeini, per raffinierter Schnitttechnik mit Dessous beworfen wird. Nach heftigen Protesten rang sich Carrell zu einer Entschuldigung durch.

Noch zwei Volltreffer bescherte der Showmaster dem öffentlich-rechtlichen Senderverbund, bevor er zu RTL abwanderte - die Kuppelshow "Herzblatt", die 1988 startete und bis heute läuft, sowie eine Neuauflage der "Rudi Carrell Show" (1988-1993), in der so manche Träne floss, wenn Carrell vermeintlich unerfüllbare Wünsche in Erfüllung gehen ließ.

Nach dem Wechsel zu RTL drohte Carrells Ruhm zunächst zu verblassen. Sendungen wie "Die Post geht ab" und "Rudis Urlaubsshow" liefen mehr schlecht als recht, erst mit "7 Tage, 7 Köpfe" (1996 - 2005) kehrte der Erfolg zurück. Das Konzept dieses ritualisierten Komikerstammtischs offenbart, auf welches Kriterium der späte Carrell nicht setzte - Spontaneität. Der akribische Arbeiter war (nicht nur bei "7 Tage, 7 Köpfe") als Chef gefürchtet, was er bei den Proben ("Kommt da noch eine Pointe - oder ist mein Hörgerät ausgefallen?") für nicht erfolgversprechend hielt, fand keine Gnade.

Wie kaum ein anderer Riese des Showbusiness verschonte Carrell auch Kollegen nicht mit Kritik, "vergaß", wenn es ihm um die Sache ging, jede Konvention. So prognostizierte er zuletzt vor zwei Jahren öffentlich, dass Komikerin Anke Engelke mit ihrer Late Night Show scheitern werde. Die Empörung war groß, doch am Ende behielt der Routinier Recht. Einer müsse ja aussprechen, wenn etwas nicht funktioniere, erläuterte er dazu in einem Interview.

Carrells Maxime war der maximale Erfolg beim Zuschauer, ihm ordnete der Arbeitssüchtige, der bis zum Ausbruch seiner Krebserkrankung sechzig Zigaretten am Tag rauchte, alles unter. Selbst das bevorstehende Ende münzte er noch in flotte Sprüche um. "Damit", so entschuldigte er beispielsweise bei seiner denkwürdigen Rede im Februar die dünn gewordene Stimme, "kann man in Deutschland immer noch Superstar werden."

Ein Profi durch und durch, offenbarte Carrell Gefühle stets nur dann, wenn seine großen und kleinen Fans ihn hatten wissen lassen, "dass ich ihnen Freude bereitet und sie zum Lachen gebracht habe". Dies sei für ihn "das Größte". Zuletzt jedoch hatte der sonst so kühle Niederländer eine unerwartet warmherzige Liebeserklärung für seine deutsche Wahlheimat parat: "Es war eine Ehre, in diesem Land und vor diesem Publikum Fernsehen machen zu dürfen."

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