Das Gehirn der Rockmusik

- München - Ein höheres Töchterchen verlumpt und verludert allein in der Gosse - immer abwärts geht es, "wie ein rollender Stein". So schlicht könnte man den Text jenes 40 Jahre alten Songs verstehen, den das Musikmagazin "Rolling Stone" zur besten Single aller Zeiten kürte: "Like A Rolling Stone", erstes Stück des Albums "Highway 61 Revisited". Ganz so einfach wollen es viele Kritiker und Fans aber nicht sehen - schließlich stammt es aus der Feder von Bob Dylan. Und dem eilt der Ruf voraus, ein großer Dichter zu sein.

"Like a rolling stone" war der musikalische Bruch

Der amerikanische Kulturkritiker Greil Marcus hat allein diesem Lied jüngst ein über 300 Seiten dickes Buch gewidmet. Für einen wie Marcus versteckt sich in einem sechsminütigen Rocksong die ganze Welt. Anderen geht genau das ziemlich auf den Keks - wie jede Dylan-Zeile mit Bedeutung aufgeladen wird. "Die beste Musik spricht die Seele an, nicht den Verstand", meint der englische Popliterat Nick Hornby. Die Dylan-Verehrung sei "in gewisser Weise antimusikalisch" - weil "sie uns weismacht, das Herz würde nicht zählen".

Der Meister selbst schlägt in die gleiche Kerbe, will nicht allzu ernst genommen werden - oder zumindest nicht zuviel verraten. Seine Philosophie? "Ich trinke keine harten Schnäpse." Laut Bluesgitarrist Mike Bloomfield haftete dem Junitag 1965, an dem in New York "Like A Rolling Stone" eingespielt wurde, wenig Magie an: "He, Moment mal, Leute: die vier Takte vor C, es-Moll mit Quartvorhalt, es-Moll 7, dann ein Takt As mit Vorhalt und dann As... okay? So sollte es klingen!" Trotzdem steht fest, dass der Mann, der im Mai 1941 als Robert Allen Zimmerman in Minnesota geboren wurde, mit einigen seiner Kompositionen nicht nur die Musik, sondern eine ganze Generation geprägt hat.

Kaum volljährig verließ das schmächtige Bürschchen die Bergarbeiterstadt Hibbing und landete bald im New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village. Mit Mundharmonika und lässigem Auftreten, aber ohne Verstärker zog der Folkmusiker Dylan durch die Clubs. Und traf mit schräger Stimme und anfangs noch eindeutigen Texten den Nerv einer aufbegehrenden Jugend.

Das hymnische "The Times They Are A-Changin’" schweißte Schüler und Studenten in aller Welt zusammen, die der Glaube verband, die Welt völlig neu gestalten zu können. Als die frühen Protestsongs um 1968 ihre stärkste Wucht entfalteten, war ihnen Dylan freilich längst um Meilen enteilt.

Die elektrische Gitarre in "Like A Rolling Stone" markiert den musikalischen Bruch - vom Folk zum Rock. Inhaltlich, so Marcus, löste sich der krauslockige Barde vom Image des naiven Weltverbesserers und konfrontierte die rebellische Jugend mit ihrem möglichen Scheitern. Anders gesagt: Mit dem Album "Highway 61 Revisited" wandelte sich der engagierte Protestsänger zum unergründlichen Rockpoeten.

In der Ballade "Desolation Row" beispielsweise zieht ein bizarrer Reigen merkwürdiger Gestalten - der barmherzige Samariter, der sich kostümiert, oder Einstein, als Robin Hood verkleidet - vorbei, ehe die Verflossene erfährt, dass der Sänger keine Briefe mehr erhalten möchte. Mit derartigen Bildern lässt der scheue Dylan die Welt allein und baut sich seine eigene. Diese loten selbsternannte Dylanologen (das gibt es wirklich) bis in den verstecktesten Winkel aus.

Doch der Meister, die Zigarette im Mundwinkel, verschließt sich. Wovon seine Songs handeln? "Das ist mir zu hoch, Mann", antwortet er. "Ich gehe einfach raus und singe sie."

Bleibt die Ahnung, dass das Pokerface, "His Bobness", trotzdem auf der inneren Suche ist. Seine Muse, die Folk-Lady Joan Baez, überließ er ihrem Schicksal als Stimme der Linken. Nacheinander wurde er Buddhist, Christ, fundamentaler Jude. Seiner ersten Ehe mit Sara Lowndes entstammt Jakob Dylan, mittel erfolgreich mit der Band "The Wallflowers".

Noch heute berufen sich Folksänger auf Dylan, der einst in die Fußstapfen des Tramps Woody Guthrie gestiegen war. Professoren nominieren ihn für den Literatur-Nobelpreis. Niemand will ohne ihn. Dylan pflanzte dem Rock das Gehirn ein und brachte sogar den Punk in die Spur. "He not busy being born is busy dying", singt er - wer sich nicht ständig neu erfindet, stirbt. Dazu gehört seine "Neverending Tour", die ihn morgen nach München führt. Auf dem 1997er Album "Time out of mind" heißt es: "It’s not dark yet but it’s getting there." Noch ist es nicht dunkel. So lange rollt der Stein weiter.

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