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Die Münchner Milliardärin Susanne Klatten (Foto) fiel 2007 auf den Charme des Schweizer Gigolos Helg Sgarbi herein.

Anklage im Fall Klatten

Dem Gigolo wird der Prozess gemacht

München – Helg Sgarbi soll die Milliardärin Susanne Klatten, 46, mit intimen Fotos erpresst haben. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Schweizer Gigolo erhoben. Der Prozess beginnt wohl im März. Klatten steht ein Nervenkrieg bevor.

Als Susanne Klatten im August 2007 das Holiday Inn in Schwabing betritt, ahnt sie nicht, dass die nächsten Stunden ihr Leben auf den Kopf stellen werden. Sie ist die reichste Frau Deutschlands, ihre Familie, die Quandts, kontrolliert BMW, aber jetzt geht Klatten ins Zimmer 629 im unscheinbaren Hotel an der Leopoldstraße, um ihren Liebhaber zu treffen, den Schweizer Helg Sgarbi. Eine verhängnisvolle Affäre. Denn aus dem Nachbarzimmer filmt jemand das Paar beim Liebesspiel, vermutlich Sgarbis Komplize Ernano Baretta. Pikante Aufnahmen, mit denen Sgarbi wenig später Millionen von Susanne Klatten erpressen will.

Das jedenfalls glaubt die Münchner Staatsanwaltschaft, die jetzt Anklage erhoben hat gegen Sgarbi. Die Ermittler werfen dem 43-Jährigen versuchte Erpressung und vollendeten Betrug in mehreren Fällen vor. Es geht auch um die Frau eines Möbelherstellers, von der Sgarbi 2,1 Millionen Euro erpresst haben soll, und um zwei weitere Frauen. Der Prozess soll im März beginnen. Offen ist, ob Susanne Klatten im Gerichtssaal auf ihren Ex-Lover treffen wird. Sollte er gestehen, dürfte ihr eine Aussage erspart bleiben. Sgarbi, der im Untersuchungsgefängnis Stadelheim sitzt, schweigt bisher zu den Vorwürfen, aber nicht gegenüber Medien: Er werde sich bei der Verhandlung „gegebenenfalls noch umfassend äußern“, erklärt er.

Dafür redet Klatten. Groß sei er gewesen, sagt sie den Ermittlern. Schlank. Und so liebenswürdig. Nett und zuvorkommend. Im Juli 2007, im Hotel Lanserhof in Innsbruck, spricht Sgarbi die Milliardärin an. Klatten will ausspannen in der Erholungs-Oase. Schlafen und lesen. Sich massieren und fallen lassen. Das nutzt der sprachgewandte Beau aus. Er umgarnt sie mit seinem eingeübten Charme. Susanne Klatten lässt sich betören.

Die Affäre

Die Milliardärin ist fasziniert von dem Gigolo. Sie treffen sich wieder, in der Schweiz, in Frankfurt, in München. Dort wohnt Klatten, sie ist verheiratet, Mutter dreier Kinder, eine Top-Managerin mit „normalem Leben“, wie Freunde sagen. „Ich verspürte eine große Nähe zu ihm“, zitiert der Corriere della Sera aus den Protokollen der italienischen Polizei. Klatten lässt sich treiben. Sie schreibt ihm Briefe. Von Sgarbis niederträchtigem Plan ahnt sie nichts.

Der tischt ihr eine rührselige Geschichte auf: Er habe in Italien das Kind einer Mafia-Familie angefahren. Nun brauche er Geld, dringend. Den Gangster-Bossen müsse er zehn Millionen Euro zahlen, er habe aber nur drei. Klatten hilft ihm: Sie gibt ihm die restlichen sieben Millionen Euro.

Die Erpressung

Zur Geldübergabe treffen sie sich in der Tiefgarage des Holiday Inn. Sie übergibt ihm sieben Millionen Euro in 200-Euro-Scheinen. Der Koffer, heißt es, ist so schwer, dass Klatten ihn nicht alleine tragen kann. Bald darauf ist die Affäre vorbei – zumindest der amouröse Teil. Am 2. November 2007 ruft Sgarbi wieder an. Dieses Mal erzählt er keine Geschichte. Dieses Mal stellt er eine Forderung: 40 Millionen Euro will er haben. Sonst will er verfängliche Aufnahmen aus dem Hotelzimmer publik machen. Susanne Klatten soll Sgarbi auf 14 Millionen Euro heruntergehandelt haben.

Fünf Wochen später erhält Klatten eine DVD, angeblich mit den Aufnahmen. Einen Monat später, am 14. Januar, soll die Geldübergabe stattfinden. Wieder in einer Tiefgarage. Dieses Mal in einem Einkaufszentrum in Volp in Tirol. Klatten schaltet die Polizei ein. Die Spezialeinheit „Cobra“ nimmt Sgarbi in Tirol fest. Die Beamten schnappen auch Ernano Baretta. Er gilt als Drahtzieher. Später durchsuchen 80 Polizisten Barettas Villa in Italien. Sie finden 1,6 Millionen Euro, beschlagnahmen Häuser und Autos. Die Marken: Ferrari, Lamborghini, Rolls-Royce.

Der Drahtzieher

Baretta, 63, sitzt in Italien in Untersuchungshaft, dort wird gegen ihn ermittelt. Offenbar hat Sgarbi ihn vergöttert – wie viele andere auch. Baretta ist Sektenführer: Er manipuliert Menschen. Seine Anhänger sagen, sie hätten gesehen, wie er über Wasser gehe. Wenn er Menschen heile, fließe Blut – aus Wundmalen wie bei Jesus.

Baretta kam als Gastarbeiter in die Schweiz. Seit den Neunzigern schart er Jünger um sich: Sie glauben, der Hilfsarbeiter sei das „Werkzeug Gottes“. Seine Anhänger folgen ihm in die Abruzzen, nach Pescosanonesco. Die Männer schickt Baretta zum Arbeiten auf den Bau. Mit den Frauen hat er Sex und lässt sie in seinem Hotel schuften. Ein Luxusobjekt, in dem sich Betuchte erholen. Helg Sgarbi ist für anderes ausersehen: Mit seinem Charme soll er reichen Damen Geld aus der Tasche ziehen. Seit 2001 sei das so gegangen, heißt es.

Der Frauenflüsterer

Sgarbi soll ein begnadeter Verführer sein – und ein gnadenloser dazu. „Der Helg gab jedem das Gefühl, etwas Besonderes zu sein“, erzählte ein Ex-Kollege dem Spiegel. „Der hat dich in Sekundenschnelle gescannt und deine Schwachstellen erkannt. Und dann erklärt: Ich weiß, wie ich dir helfen kann.“

Sgarbi kommt 1965 mit dem Nachnamen Russak auf die Welt. Er wächst großbürgerlich auf, auch in Brasilien. Dort lernt er über seinen Vater, einen Top-Manager, jene weltläufige Geschmeidigkeit, die ihm später die Tür zur Gesellschaft öffnet. Er studiert Jura, arbeitet bei einer Schweizer Bank, dann in der Hightech-Branche. Bald darauf zieht es Russak, der den Namen seiner Frau Sgarbi annimmt, ins Ausland – Nord- und Südamerika. Zurück in der Schweiz trifft er Baretta. Der macht ihn zum Frauenfänger.

Das Opfer

Susanne Klatten ist nicht das erste Opfer von Sgarbi, er hat sogar schon eine Bewährungsstrafe kassiert. Susanne Klatten ist aber das bekannteste Opfer. Und sie riskiert viel. Ausgerechnet sie, die die Öffentlichkeit meidet, zeigt ihren Erpresser an. Sie weiß um die möglichen Folgen. Aber ihr Ehemann Jan unterstützt sie. „Es war unsere einzige Chance“, sagt sie der Financial Times Deutschland. „Anders geht das ewig weiter. Und das hält man nicht aus. Man muss sich wehren.“

Klatten kennt das. „Ich habe häufig den Fehler gemacht, mich Menschen zu öffnen, die das Vertrauen nicht verdient haben“, sagt sie. „Dann wird man zum Opfer. Das tut weh. Und ich frage mich hinterher: Wie konnte das passieren?“ Sie will nicht „im Maß des Geldes“ gemessen werden. „Das verletzt mich.“ Sie trägt ihren Reichtum nicht zur Schau. Unauffällig ihre Kleidung: Caprihosen, Ballerinas, Blazer, kaum Schmuck. Ihre Villa mitten in Schwabing ist geschützt durch hohe Mauern, aber nicht allzu luxuriös. Besucher sagen, das Haus sei „absolut unspektakulär“ eingerichtet. Keine große Kunst an den Wänden.

Noch etwas schmerzt: dass jeder teilhaben kann an der Amour fou. Die Münchner Behörden haben nicht geplaudert – dafür der Anwalt von Baretta. Angeblich bietet er sogar Fotos an, für 25 000 Euro.

Die Folgen

Es hat auch wehgetan, als die Vernehmungsprotokolle im Internet standen. Klatten: „Man muss sich davon distanzieren, einen Schutz aufbauen.“ Am Anfang habe sie jeden Bericht gelesen, später nichts mehr. „Das geht mir zu nahe. Ich bräuchte ein dickes Fell, aber das habe ich nicht.“ Den Prozess gegen Scarbi wird sie dennoch managen, irgendwie.

von Bettina Link

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