Gracia singt Siegel nieder

- Berlin/München - Am Ende siegt wohl doch immer der Massengeschmack, jedenfalls in der Popmusik. Siegel-Routine gegen Bohlen-Schule, alte "Song Contest"-Tradition gegen zeitgenössisches Fernsehcasting. Mit einer Strategie, die auf Gewohntes setzt und jedes potenzielle Risiko vermeidet, lässt sich immer eine Mehrheit finden. Und so war das Unerwartete nicht die Musik, sondern die Qualität der Moderation, hieß die eigentliche Überraschung des Abends nicht Gracia Baur, sondern - Reinhold Beckmann. Souverän, unaufgeregt und mit viel trockenem Humor führte der ARD-Talker am Samstag in Berlin durch den deutschen Vorentscheid. Vermied Längen, demonstrierte mit flapsigen Bemerkungen, so über die im "Green Room" wartenden Künstler ("Sind die jetzt alle zappelig oder haben sie schon einen sitzen?"), dass allzu viel Respekt vor den Stars nie gut aussieht

<P class=MsoNormal>Mit dem bekennenden und dennoch distanzierten "Grand Prix"-Fan scheint der verantwortliche Norddeutsche Rundfunk (NDR) den Geeigneten gefunden zu haben - nach dem brav-spießigen Axel Bulthaupt und den anbiedernd-impertinenten Jörg Pilawa und Sarah Kuttner, mit denen Contest-Guru Jürgen Meier-Beer die Show im vergangenen Jahr mit Gewalt auf jugendlich trimmen wollte. Dagegen hat sich das runderneuerte Konzept der Qualifikation für das Finale bewährt - auch wenn die Quote (3,51 Millionen Zuschauer nach fast sechs Millionen 2004) die Verantwortlichen nicht gerade jubilieren lässt. Und Stefan Raab jetzt wohl in sich hineinlachen wird. Kein antiquiertes</P><P class=MsoNormal>Bei Ellen ten Damme half auch keine nackte Haut</P><P class=MsoNormal>Schlager-Einerlei mehr und keine Parodien ("Wadde hadde dudde da?"), jedenfalls keine freiwilligen, sondern Interpreten, die Akzente setzen, indem sie - jedenfalls einige von ihnen - selbstbewusst auf der neuen deutschen Rockwelle surfen.</P><P class=MsoNormal>Dass sich die Vertreter dieser Kategorie unter den insgesamt zehn Bewerbern um die Publikumsgunst am Ende nicht durchsetzen konnten, hatte zumeist weniger mit den Titeln zu tun als mit den sängerischen Möglichkeiten der Interpreten - und damit, dass sich allzu Banales in der Muttersprache eben schlecht kaschieren lässt. Villaine alias Vera Viehöfer hat keine große Stimme, dito "Königwerq"-Frontfrau Dania König. Dafür ist die von Udo Lindenberg ("Husch husch ins Körbchen, zum Schmusen und zum Poppen") gepushte Ellen ten Damme mit ihrem naiven Antikriegslied "Plattgeliebt", jedenfalls was den Irakkonflikt angeht, nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Da half auch keine Akrobatik - und in diesem Fall auch keine nackte Haut. Vergeblich mühten sich ferner (trotz Unterstützung durch Heinz-Rudolf Kunze) ein christlicher Verein junger Männer namens "Allee der Kosmonauten" sowie Stefan Gwildis, dessen Beitrag "Wunderschönes Grau" - vom sehr speziellen Sujet, dem Wetter, abgesehen - musikalisch fast ein wenig zu anspruchsvoll war, um eine echte Chance zu haben.</P><P class=MsoNormal>Der Rest war "gut durchhörbar", ein bisschen Country ("Murphy Brothers") und viel fetter, bombastischer Rock, hymnisch, mit viel Pathos - und bei "Orange Blue", weil das alleine noch nicht reichte, sogar mit brennenden Kerzen präsentiert. Am Ende setzte sich - im äußerst knappen zweiten Wahlgang - aber doch Gracia Baur, Ex-Kandidatin der Sendung "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS), gegen Ralph Siegels Schützlinge Nicole Süßmilch und Marco Matias ("A Miracle of Love") durch. Schwarzes Leder gegen weißen Satin, sexy gegen Abendkleid, die "junge Cher" (so Experte Thomas Hermanns) gegen "Berliner Anmut und portugiesisches Temperament" (Beckmann). Ironie des Schicksals, dass "Grand Prix"-Veteran Bernd Meinunger zu beiden Titeln den Text schrieb.</P><P class=MsoNormal>Ruslana kupferte bei sich selbst ab</P><P class=MsoNormal>Erfolgreiche Popmusik hat eben mit Mode zu tun, mit dem, was gerade "in" ist, weshalb nicht nur Stargast Ruslana, Siegerin beim Vorjahresfinale in Istanbul, mit ihrem aktuellen Titel hemmungslos bei sich selbst abkupferte, sondern auch der diesjährige britische Wettbewerbsbeitrag verdächtig (süd-) osteuropäisch klingt.</P><P class=MsoNormal>Gracia zeigte sich "sehr, sehr, sehr überrascht" und "überwältigt", und es kann davon ausgegangen werden, dass auch das finale Missgeschick, das im Freudentaumel nach der Bekanntgabe des Ergebnisses wegplatzende Bustier, nicht geplant war. Ein Hauch von "Nipplegate" als popularitätssteigernder Gag wäre doch des Guten zu viel gewesen.</P><P class=MsoNormal>Ob sich die Sängerin am 21. Mai in der ukrainischen Hauptstadt Kiew auch international durchsetzen kann, dann ohne massive Unterstützung der heimischen Fanclubs, bleibt offen. Der Titel, mit dem sie antritt, heißt übrigens "Run And Hide". Frei übersetzt "Lauf weg und versteck Dich" . . .</P>

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