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Im Takt: Willy Heide 2001 beim Standkonzert an der Bavaria. 1985 hatte er es eingeführt, nun ist er „Ehrendirigent“.

Vom Hendlsalzer zum Wiesn-König

München - Einst steckte er Hendl auf den Spieß, später wurde er zur Wirte-Legende: Der kleine Großgastronom Willy Heide (1,56 Meter) hat eine imposante Karriere hingelegt. Er hat 73 Jahre Wiesn-Erfahrung – und wird heute 90 Jahre alt.

Der Jubilar sitzt in seinem kleinen Büro, wie an jedem Tag. Am Morgen ist Willy Heide wieder die Treppe hinaufgestiegen, vom Gastzimmer der Wirtschaft „Heide-Volm“ in Planegg hoch in den ersten Stock. Das Oktoberfest ist hier oben allgegenwärtig, die Wände hängen voller Wiesn-Fotos. Auf dem Schreibtisch ein Zettelberg: Der Computer hat hier noch nicht Einzug gehalten.

Am Bürostuhl baumelt ein Paar Boxhandschuhe. „Ein Geschenk“, sagt Willy Heide. Ohne Bedeutung. Und doch haben sie Symbolcharakter. Nicht so sehr, wenn es um den Menschenfreund Willy Heide geht, der seinen Gästen gerne die Hände schüttelt. Mehr für den Willy Heide, der sein Leben hart gearbeitet hat. Sich durchboxte. Und so vom Wirtssohn zum Wiesn-König aufstieg.

Die Karriere als Wirt, ja fast als Wiesnwirt, war vorgezeichnet. Der kleine Willy tut seinen ersten Schrei einen Steinwurf von der Theresienwiese entfernt. Er wird am 30. Oktober 1919 geboren, im Gasthaus „Passauer Hof“ an der Trappentreustraße auf der Schwanthalerhöhe. Wo einst das Gasthaus der Eltern stand, rollen heute täglich zigtausende Autos über den Mittleren Ring.

Die Geschichte seiner Geburt hat er schon oft erzählt, noch immer lächelt er dabei spitzbübisch. Die Eltern hatten damals auf der Schwanthalerhöhe auch einen Straßenausschank. Statt eines Kunden stand auf einmal die Hebamme vor der Tür und sagte kurz: „A Bua is.“ Der Vater, Georg Heide, ließ vor lauter Schreck die Teller fallen. Und spendierte Freibier.

90 Jahre ist das her, und Willy Heide blickt zurück auf ein zwar „arbeitsreiches, aber zufriedenes Leben“. Er ist noch Wirt vom „Heide-Volm“, führte als Wiesn-Wirt bis 2001 das Bräurosl-Zelt. Bundesverdienstkreuz, Bayerische Verdienstorden, die Plakette München leuchtet – Heide ist oft ausgezeichnet worden. Aber besonders stolz ist er, dass er – wie sein Vater Georg – Ehrenbürger der Gemeinde Planegg wurde. Und dass dort eine Straße nach ihm benannt ist, „und das schon zu Lebzeiten“.

1931 zog die Familie nach Planegg, um das alteingesessene Gasthaus „Zum Volm“ zu übernehmen. Es ist ein eiskalter Wintertag im Januar mit viel Schnee, als Willy Heide mit dem Schlitten – Auto haben sie keines – am Volmberg ankommt. Mit Fleiß bauen die Eltern die Wirtschaft zum Ausflugslokal auf.

Der Papa ist der unumstrittene Chef, bis er stirbt, 1971 mit 81 Jahren. Und er ist Willys „großer Lehrmeister“. Ölporträts von Vater und Mutter hängen noch heute über Heides Tisch, er spricht von den „geliebten Eltern“. Doch es sind harte Lehrjahre, von den Eltern bekommt der Sohn nichts geschenkt. Gemeinsam arbeiten sie am Erfolg des „Heide-Volm“, das auch als Tanzlokal das Publikum anzieht. Max Greger spielt hier, auch Hazy Osterwald und Hugo Strasser.

1936 ist ein Schicksaljahr: Die Pschorr-Brauerei überträgt den Heides die Leitung des Bräurosl-Zeltes. Und der kleine Willy, noch keine 17, arbeitet zum ersten Mal auf der Wiesn im Zelt seines Vaters. Der junge Mann fängt in der Küche an. Als Tellerwäscher und Hendlsalzer. „Die Wiesn ist ein Stück meines Lebens geworden“, sagt Heide. 73 Jahre Wiesn-Erfahrung – das ist rekordverdächtig.

Zwischendrin trifft er sein Lebensglück: Franziska Niederer, die Nachbarstochter, noch heute strahlen Willy Heides blaue Augen, wenn er von ihr spricht. Wie im Arbeitsleben verfolgt er hartnäckig sein Ziel, bis die Tochter eines Braumeisters ihn erhört: „Ich bin ihr so lange nachgestiefelt, bis es geklappt hat.“ 1952 wird geheiratet, noch im selben Jahr kommt Sohn Georg zur Welt.

1985 stirbt seine „Fanny“, für Heide „der größte Schicksalsschlag in meinem Leben“. 1985 wird er Wiesnwirte-Sprecher, der Wirt der Wirte, als Nachfolger des legendären „Wirte-Napoleons“ Richard Süßmeier. Heide ist kein so lauter Sprecher wie sein Nachfolger Toni Roiderer. Er ist ein Mann der leisen Worte. Als Süßmeier einst frech erklärt, wie man aus einem Hendl drei halbe macht und damit einen Eklat auslöst, sagt Heide nur: „Das war ned so geschickt.“

Als Wirte-Sprecher legt er mächtig los: Er erfindet das Standkonzert unter der Bavaria, bei dem seither alle Wiesn-Festkapellen am mittleren Wiesn-Sonntag aufspielen. Münchner Prominente schwingen den Taktstock. Doch einer gibt den Ton an: Willy Heide. Er ist „Ehrendirigent auf Lebenszeit“. 2001 übergibt er das Festzelt an seinen Sohn Georg.

Fixtermin im Kalender von Willy Heide: Er pilgert vor der Wiesn nach Maria Eich in Planegg. Mit einer fast lebensgroßen Kerze unterm Arm kommt er jedes Jahr zur Wallfahrtskirche und bittet um eine friedliche Wiesn. Auslöser für diese Tradition war 1980 das Oktoberfest-Attentat, bei dem 25 Menschen starben.

Heide ist ein Wiesn-Riese – bei 1,56 Meter Körpergröße. Immerhin: Sein Vater maß einen Zentimeter weniger. „Zusammen sind wir gerade einmal drei Meter hoch“, sagt Heide. Doch immer zur Wiesn-Zeit wächst Willy Heide um 28 Zentimeter: Dann holt er seinen riesigen Gamsbart heraus und steckt ihn an den Trachtenhut. Es ist ein Erbstück vom Großvater, das er in Ehren hält. Einmal, so erzählt er, hat ihm ein Amerikaner sogar 25 000 Mark geboten. Doch Heide blieb eisern und verkaufte nicht.

Arbeit, die Wiesn und die Tiere – diese drei Säulen bestimmen das Leben Heides. Er ist Präsident der Münchner Tierparkfreunde, seine Patenkinder in Hellabrunn sind zwei Giraffen, ein Orang-Utan, ein Schimpanse und ein Löwe. „Die Viecherl liegen mir sehr am Herzen. Sie sind immer ehrlich“, sagt er. Besondere Wünsche zum Geburtstag hat er keine. „Mit 90 Jahren hat man alles. Und das Einzige, was ich mir wünsche, kann man sich nicht kaufen: Gesundheit.“ Ein Leben lang waren Schäferhunde seine Begleiter. Zuletzt hatte „Igo“ sein Körbchen in Heides Büro. Doch das Tier starb im August an einem Tumor. Ein schwerer Schlag. „Er fehlt mir sehr.“

Es wird Abend. Willy Heide verlässt wie jeden Tag sein Büro im ersten Stock. Sperrt umsichtig ab. Niemand außer ihm soll sein Reich betreten. Dann steigt er die Treppe hinunter in den Wirtssaal, geht von Tisch zu Tisch, hält ein Schwätzchen mit den Gästen. Das Gasthaus ist sein Lebenselixier. So soll es bleiben. Einer wie Willy Heide denkt mit 90 Jahren nicht ans Aufhören. „Ich würde verrückt werden, wenn ich den ganzen Tag in meiner Wohnung sitzen müsste.“ Sagt’s und grüßt den nächsten Gast. „Mein Wohnzimmer ist mein Wirtshaus“, sagt er. So einfach ist das.

Stephanie Ebner

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