Holocaust-Forscher Raul Hilberg mit 81 Jahren in USA gestorben

New York/Burlington/Frankfurt/Main - Der US-amerikanische Politologe und Autor Raul Hilberg, einer der international bekanntesten Holocaust-Forscher, ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Der gebürtige Wiener erlag am Samstag in einem Hospiz in Williston im US-Bundesstaat Vermont einem Lungenkrebsleiden, obwohl er nie geraucht hatte. Das teilte die Universität von Vermont auf ihrer Internetseite mit. "Wir trauern um unseren Autor", erklärte der S. Fischer Verlag am Montag in Frankfurt.

Der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler galt als einer der wichtigsten Historiker bei der Aufarbeitung der NS-Zeit. Er schrieb eines der wenigen Standardwerke über den Holocaust, das in einer dreibändigen Fassung unter dem Titel "Die Vernichtung der europäischen Juden" auch in Deutschland vorliegt. "Nach der Lektüre von Hilbergs überwältigender Monografie, die sich vor allem auf Dokumente und Zeugenaussagen stützt, kennt der Leser die furchtbare Vergangenheit von Grund auf", schrieb die Wochenzeitung "Die Zeit" bei Erscheinen der deutschen Taschenbuchausgabe 1990.

Der Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel würdigte den amerikanischen Kollegen als großen Historiker und guten Freund: "Raul Hilberg war in allem unbestechlich und sehr unabhängig." Die Universität von Vermont, an der Hilberg von 1956 bis 1991 gelehrt hatte, hob seine Leidenschaft und seinen internationalen Einfluss hervor. "Die gesamte Universitätsgemeinschaft ist traurig über den Verlust dieses großen Wissenschaftlers, aber getröstet durch sein Vermächtnis an Schriften und Forschungsergebnissen, das er denen hinterlässt, die eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit verstehen wollen", erklärte Präsident Daniel Mark Fogel.

Hilberg, am 2. Juni 1926 in Wien geboren, wuchs zunächst dort auf. 1939 flohen seine aus Galizien stammenden jüdischen Eltern mit ihm über Frankreich und Kuba nach Amerika. In den USA studierte er unter anderem bei dem Politikwissenschaftler und Juristen Franz Neumann, der aus Berlin hatte fliehen müssen. Die meisten Verwandten der Familie Hilberg kamen im Holocaust um.

Als Mitglied der 7. US-Armee kehrte Hilberg 1944 nach Nazideutschland zurück und entdeckte 1945 in der ehemaligen NSDAP-Zentrale in München die in Kisten verpackte Privatbibliothek Adolf Hitlers - der Beginn seiner lebenslangen Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus. "Als die Nürnberger Prozesse vorbei waren und ein paar Leute schuldig gesprochen, wollte niemand mehr darüber reden", sagte er einmal. "Aber ich war getrieben von dem Wunsch zu wissen, was passiert ist."

Nach der mehrfachen Erweiterung seiner grundlegenden Studie über die Judenvernichtung veröffentlichte der Historiker 1992 das Buch "Täter, Opfer, Zuschauer", 1994 seine Autobiografie "Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines Holocaust-Forschers" und 2002 die Studie "Die Quellen des Holocaust". 1999 erhielt Raul Hilberg für sein Lebenswerk den Marion-Samuel-Preis der Stiftung Erinnerung, 2002 den Geschwister-Scholl-Preis, und 2006 wurde ihm das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Die Universität von Vermont gründete 1992 zu seinen Ehren ein Zentrum für Holocaust-Studien. Hilberg hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.

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