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Spürt nach seinem Comeback einen Respekt, den er so nicht kannte: der südafrikanische Sänger und Komponist Howard Carpendale.

Howard Carpendale: "Der Druck ist weg"

München - Howard Carpendale trägt Socken zum Interview - von Glamour keine Spur. Ein Anflug von Verbissenheit verflüchtigt sich schnell wieder. Dann spricht der 65-Jährige über eine Zeit, in der ihm bestimmte Dinge zu viel geworden waren.

Howard Carpendale, 65, begrüßt Journalisten in gemütlicher Freizeitkleidung und in Socken – von Glamour keine Spur. Er hat gerade sein neues Album „Das Alles bin ich“ herausgebracht, wirkt aber sehr entspannt. Erst als ihm jemand von der Plattenfirma sagt, dass das Album den ersten Trendberichten zufolge auf Platz 2 der Charts landen könnte, kommt der Leistungssportler durch, der Howard Carpendale ja mal war: „Das ist schlechter als 1, oder?“ Aber das ist auch schon der einzige Anflug von Verbissenheit, den Rest des Gesprächs über ist der Südafrikaner wieder der gelassene Grandseigneur der deutschen Sangeskunst.

Herr Carpendale, vor acht Jahren hatten Sie den Abschied vom Musikgeschäft verkündet. War das auch der Versuch, ein neues Leben zu beginnen?

Ich dachte einfach, dass ich den Punkt erreicht habe, von dem ab es nicht mehr besser gehen konnte. Aber ich habe festgestellt, dass ich das Leben als Musiker vermisst habe, gerade die Konzerte. Mir ist einfach klar geworden: Ich schade niemandem damit, also mach’ ich es.

Damit haben Sie auch die möglicherweise recht angenehme Anonymität in den USA aufgegeben?

Ja, das hat mir dort sehr gefallen, aber es ist natürlich ein bisschen Betrug dabei. Wenn einem die Aufmerksamkeit fehlt, fliegt man einfach zurück nach Deutschland.

Erinnern Sie sich noch an den Moment, an dem Sie beschlossen haben zurückzukehren?

Es gab keinen bestimmten Moment. Ich hatte viele verschiedene Dinge zu tun. Aber ich konnte dort, was ich sehr ungern tue, meine Zukunft genau vorhersehen. Das hat mich gestört, ich habe es ganz gerne, wenn es unterwegs Überraschungen gibt. Eigentlich eine ganz simple Sache.

Warum genau hatten Sie dann überhaupt beschlossen aufzuhören?

Bestimmte Dinge sind mir einfach zu viel geworden. Dieser ständige Versuch, ein Produkt bekanntmachen zu müssen und das in einer rückläufigen Branche. Das hat genervt. Heute mache ich das mit einem Lächeln und sage: So ist es eben. Man macht eben das Beste daraus. Aber es ist doch erstaunlich, dass ein Mann wie Peter Maffay, wahrscheinlich der erfolgreichste Rockmusiker Europas, wenn man Großbritannien mal ausklammert, nicht im Rundfunk gespielt wird. Das ist unglaublich. So ähnlich gilt das auch für Udo Lindenberg oder Marius Müller Westernhagen. In Deutschland glaubt man offenbar nicht daran, dass Deutsch als Sprache für Liedtexte funktioniert. Dabei ist das oft viel besser als eine Menge englischer Pop-Texte – und ich kann das wirklich beurteilen.

Können Sie den Erfolg jetzt bewusster genießen als vor dem Comeback?

Ich habe etwas erlebt, was ich vorher weniger erlebt habe: Respekt. Der war immer da, aber er hat sich nach der Pause immens vergrößert. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass durch meinen vorübergehenden Abschied klar wurde, dass ich den Beruf aus Leidenschaft mache und nicht wegen der Kohle. Ich kann auch ohne Musik leben, aber ich will es nicht. Das merken die Menschen.

Sie werden also nicht mehr als Schlagersänger abgetan?

Das, was ich singe, ist schon seit Mitte der Achtziger kein Schlager. Schlager waren die bunten Lieder meiner frühen Jahre. Und das, was heute auf Mallorca passiert. Das ist sogar noch schlimmer als das, was wir früher gesungen haben. Ich bin ein bisschen Schlagersänger, ein bisschen Popsänger, ein bisschen Entertainer, ein bisschen Balladensänger. Deswegen, unter anderem, heißt meine neue Platte auch „Das Alles bin ich“. Und die Musik darauf kann man weder textlich noch musikalisch mit Mallorca-Schlagern vergleichen. Das bedeutet den Menschen etwas. Mir ist im Laufe der Jahre aufgefallen, dass Menschen mehr als alles andere Authentizität schätzen. Man muss zu dem stehen, was man tut und ehrlich sein. Nachhaltigen Erfolg kann man nur auf diese Art erreichen. Sonst hätten Leute wie Udo Jürgens oder Peter Maffay nicht so lange Erfolg – die sind authentisch.

Sollten Ihre Platten einmal nicht so viel Interesse finden, wie Sie es sich erhoffen – würden Sie dann lieber aufgeben, als mit einer Oldie-Show zu touren?

Das ist wirklich etwas, was ich nie machen werde. Wenn ich merke, dass es nur noch um die alten Sachen geht, ist der Punkt erreicht, an dem ich aufhöre. Man kann seine alten Hits singen, aber man muss dazu etwas Neues bringen. Immer nur die Oldies singen zu müssen, das ist das Schlimmste was einem Sänger passieren kann.

Sie halten sich also die Option offen, abzuschließen, wenn es nicht so funktioniert?

Also im Moment habe ich keinen Grund über irgendwelche Abschiede oder einen Schlussstrich nachzudenken.

Ich meine, dass Sie die Freiheit haben, es zu tun...

Diese Freiheit empfinde ich, und es ist schön. Der Druck, immer etwas Neues zu liefern, der ist weg. Komischerweise bin ich seitdem sehr produktiv und habe in den letzten drei Jahren drei Alben veröffentlicht, was für mich ein relativ schneller Rhythmus ist.

Das Gespräch führte Zoran Gojic

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