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„Zeit zum Umdenken für uns Frauen“: Emma Watson engagiert sich als UN-Sonderbotschafterin.

Neuer Film mit Daniel Brühl

Watson im Interview: "Das ist die bittere Wahrheit"

München - Sie ist ein Idol für eine ganze Generation Frauen und junge Mädchen: Die Schauspielerin Emma Watson spricht im Interview über Rollenklischees, falschen Feminismus und ihren neuen Film.

Berühmt wurde sie als kluge Freundin des Titelhelden in den acht „Harry Potter“-Filmen. Doch inzwischen konnte sich Emma Watson von dieser Rolle emanzipieren: Sie spielte etwa eine reiche Göre in Sofia Coppolas „The Bling Ring“ oder ein zwielichtiges Missbrauchsopfer im Psychothriller „Regression“ – und absolvierte zudem erfolgreich ein Studium der englischen Literatur. Als UN-Sonderbotschafterin für Frauenrechte entwickelte sie die Kampagne „HeForShe“, die Männer auffordert, sich feministisch zu engagieren. Glänzend gelaunt und mit kräftigem Händedruck begrüßt uns die zierliche 25-jährige Britin in einer Londoner Hotelsuite zu unserem Gespräch über Gleichberechtigung, Paparazzi und ihren neuen Film „Colonia Dignidad“, der an diesem Donnerstag anläuft.

Wie viel wussten Sie vor diesem Film über jenes berüchtigte Sekten-Camp in Chile?

Nichts! Ich konnte es gar nicht glauben, dass dort ein psychopathischer deutscher Sektenführer fast 40 Jahre lang Menschen wie in einem KZ gefangen hielt, missbrauchte und folterte – und dass ich noch nie etwas davon gehört hatte. Wir konnten zwar nicht in der Colonia drehen, aber es war mir wichtig, das Lager wenigstens mit eigenen Augen zu sehen. Ich verbrachte dort eine gruselige Nacht, in der ich miserabel schlief, denn vieles erinnert heute noch sehr an die finstere Vergangenheit. Besonders verstörend fand ich den Kontrast zwischen den grässlichen Ereignissen und der idyllischen chilenischen Landschaft. Die Gegend dort sieht nämlich fast so kitschig aus wie manche Fotos auf einer Schweizer Schokolade.

Wie fanden Sie es, mit Daniel Brühl zu drehen?

Traumhaft. Daniel ist ein charismatischer Kollege, sehr intelligent und sehr witzig. Nach schwierigen, emotional heftigen Szenen hat er es immer wieder geschafft, mich aufzuheitern und zum Lachen zu bringen. Als Schauspieler bewundere ich ihn schon lange. Nicht zuletzt seinetwegen wollte ich bei diesem Film mitmachen – abgesehen davon, dass ich meine Rolle so reizvoll fand.

Inwiefern?

Endlich mal eine aktive Frauenfigur! Sie ahnen ja nicht, wie oft man mir Drehbücher anbietet, in denen ein hilfloses Hascherl darauf wartet, von einem starken Mann gerettet zu werden. Hier hingegen gibt es einen klassischen Rollentausch: Der mutige Held ist eine Frau. So etwas hat leider auch im 21. Jahrhundert noch Seltenheitswert.

Wie wählen Sie Ihre Filmprojekte aus?

Ich frage Freunde und Familienmitglieder um Rat, um die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Von Haus aus bin ich ein extrem verkopfter Mensch, doch ich habe gelernt, mich bei meinen Entscheidungen letztlich von meinem Bauchgefühl leiten zu lassen. Das hat mich noch nie auf Irrwege geführt. Na ja, manchmal schon...

Was tun Sie, wenn Sie merken, dass ein Projekt in die falsche Richtung läuft?

Sie meinen, wenn ich aufgehört habe, total angepisst zu sein? (Lacht.) Dann versuche ich, das Positive zu sehen. Ich überlege mir: Was kann ich aus dieser Sache lernen? Oft stößt es mir vor allem sauer auf, wie Frauen in Filmen präsentiert werden.

Was sollte sich Ihrer Meinung nach im Filmgeschäft ändern?

Es wäre schon viel gewonnen, wenn es mehr Frauen auf dem Regiestuhl gäbe. Dann würden im Kino wohl auch endlich mehr Geschichten über Frauen erzählt, Frauen würden auf der Leinwand anders dargestellt, und ihre Arbeit würde vermutlich auch angemessen geschätzt und entlohnt. Aber auch für uns Frauen wird es Zeit zum Umdenken. Als sich Jennifer Lawrence darüber beschwerte, weniger zu verdienen als ihre männlichen Co-Stars, warf sie sich selbst vor, in den Verhandlungen versagt zu haben: Sie hatte keine höhere Gage verlangt, weil sie befürchtete, als verwöhnte Zicke abgestempelt zu werden. Diese perverse Denkweise kenne ich nur zu gut.

Woher?

Jahrelang hatte ich furchtbare Angst davor, dass man über mich sagen würde: „Der Ruhm hat dieses Mädchen verdorben.“ Ich war so panisch darauf bedacht, nicht als launische Diva tituliert zu werden, dass ich alles tat, um den Leuten zu gefallen. Inzwischen habe ich erkannt, dass das ein Fehler war. Heute sage ich knallhart meine Meinung und tue das, was ich für richtig halte. Denn es ist egal, was andere über dich denken – wichtig ist nur, ob du noch in den Spiegel schauen kannst!

Spüren Sie einen gewissen Druck, weil Sie für eine ganze Generation von Mädchen eine Leitfigur sind?

Ich bin mir meiner Verantwortung durchaus bewusst. Ich finde es auch feige, wenn manche Promis behaupten: „Ich sehe mich gar nicht als Vorbild.“ Denn im Prinzip ist doch jeder ein Vorbild für andere: Wir alle beeinflussen bestimmte Mitmenschen. Insofern sollten wir unsere Handlungen sorgfältig durchdenken – und uns an unseren Taten messen lassen. Man ist ja beispielsweise noch lange kein Feminist, wenn man behauptet, einer zu sein. Es kommt darauf an, wie man tatsächlich sein Leben lebt.

Manchmal hat man den Eindruck, dass wir bei der Emanzipation Rückschritte machen: Viele junge Mädchen scheinen völlig auf ihr Äußeres fixiert – sie posten ständig Selfies in lasziven Posen. Kursieren hier nicht falsche Wertvorstellungen?

Eigentlich bin ich ja froh, dass wir gewisse Feminismus-Klischees überwunden haben – und dass man als Feministin heutzutage auch Make-up und High Heels tragen darf. Aber Sie haben Recht, dass auch in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft noch einiges schiefläuft: Anstatt den Mädels beizubringen, dafür respektiert zu werden, was sie sagen, denken oder tun, suggerieren uns viele Medien, das Wichtigste für junge Frauen sei ihr Aussehen, ihr Körper, ihr Erscheinungsbild. Auch ich als denkendes Wesen mit Uni-Abschluss war höchst irritiert darüber, dass sich die Leute offenbar nur für mein Outfit interessierten – und für die Frage, ob ich im Bikini eine gute Figur mache. Oft dachte ich: „Grrr! Wen zum Teufel juckt das?“ Da gibt es noch viel zu tun!

Können Sie sich in der Öffentlichkeit überhaupt noch frei bewegen? Gibt es inzwischen dank der Smartphones nicht ein Heer von Möchtegern-Paparazzi?

Ja, das ist ein echtes Problem. Museen sind noch ein halbwegs sicherer Ort, weil man dort – zumindest offiziell – nicht fotografieren darf. Ich unterhalte mich gern mit Leuten, die mich ansprechen, mag dabei aber nicht geknipst werden. Denn dann wird das Foto ruckzuck getwittert, dann kennt jeder meinen Aufenthaltsort, und dann habe ich in den nächsten Stunden überhaupt keine Ruhe mehr. Aber erklären Sie das mal in fünf Sekunden einem Fan, der schon sein Handy gezückt hat!

Haben Sie auch so bizarre Erfahrungen mit der Regenbogenpresse gemacht wie manche Ihrer Kollegen?

Mir war es immer wichtig, Grenzen zu ziehen und ganz klar zu sagen, worüber ich gern spreche und worüber nicht. Mein Privatleben war stets Sperrgebiet.

Mag sein, aber Robert Pattinson zum Beispiel hat erzählt, dass das in seinem Fall nichts genützt hätte, denn die Medien hätten dann einfach irgendwas erfunden.

Die Erfahrung habe ich leider auch gemacht: Plötzlich existierte so ein skurriles Paralleluniversum, in dem ich alle möglichen Affären hatte – etwa mit Prinz Harry oder mit Harry Styles. Meistens war mir das egal. Ich habe nur mit großem Amüsement beobachtet, was man mir so alles angedichtet hat. Manchmal kam ich aber auch an einen Punkt, an dem ich dachte: „Ich sollte diesem Spuk vielleicht doch ein Ende bereiten, bevor es noch heißt, irgendein Harry hätte mich geschwängert!“

Wollen Sie damit etwa andeuten, dass Sie kein Kind von Prinz Harry in sich tragen?

Ja. Ich weiß, dass Sie das sehr enttäuschen wird. Aber Sie müssen jetzt ganz stark sein. Denn das ist die bittere Wahrheit! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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