Interview mit Josef Hader
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tz-Redakteurin Astrid Kistner mit Josef Hader

„Ich bin zu faul zum Lügen“

Kabarettist Josef Hader im Interview über das Lügen und seinen Spielfilm

  • Astrid Kistner
    vonAstrid Kistner
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Erste Erfolge feierte Josef Hader mit „kritischen Nummern“ über Lehrer. Seitdem hat ihn das Kabarett nicht mehr losgelassen.

Dass der Filmemacher Helmut Dietl ihn einen Tausendsassa nannte, weil „er ganz großartig ­schreiben, spielen und inszenieren kann“, ist dem Österreicher fast schon ein bisschen unangenehm. Lobhudelei liegt ihm nicht, das merkt man, wenn man Josef Hader gegenübersitzt. Lieber spricht er über die ARD-Komödie Die Notlüge, in der er heute zu ­sehen ist. Da spielt Hader den erfolgreichen Moderator Hubert, der seine nicht gerade heile Patchworkfamilie zum 80. Geburtstag der Mutter zusammentrommelt. Die Sippe rückt samt neuer Lebenspartner an, ohne zu ahnen, dass der feige Hubert, der gern den Weg des geringsten Widerstands geht, der Mutti die Trennung von Ehefrau Helga (Brigitte Hobmeier) verschwiegen hat. Schon bald sind alle Gäste Teil ­eines höchst amüsanten Schmierentheaters, bei dem viel ausgeteilt und eingeschenkt wird – nur kein reiner Wein.

Herr Hader, Psychologen behaupten, dass wir bis zu 120 Mal am Tag lügen. Glauben Sie das?

Josef Hader: Selbstverständlich, und das ist auch gut so. Es gibt ja einen Ort, wo der ­Einzelne nicht lügt. Wo sofort und ohne nachzudenken alles gesagt wird, was einem in den Sinn kommt – das Internet. Und Sie sehen, wie viel Unheil dort angerichtet wird. Jeder im Netz glaubt, die Wahrheit zu schreiben, und was dabei herauskommt, ist oft eine ­gigantische Lüge. Diese ­Aggressivität, die wir im ­Internet haben, hätten wir auch auf der Straße, wenn wir nicht regelmäßig kleine Not­lügen verwenden würden.

Warum sind wir denn so schlecht darin, anderen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen oder sie auszuhalten?

Hader: Da steckt natürlich Bequemlichkeit dahinter, aber auch eine gewisse Ökonomie. Wer will schon jeden Konflikt austragen? Da würden wir ja gar nicht fertig werden mit dem Streiten. Oder wir würden nach einem Tag ohne Lügen erschöpft zusammenbrechen und drei Wochen Urlaub brauchen (lacht).

Urlaubsreif scheint am ­Ende aber auch ihr Filmcharakter Hubert zu sein, der mit seiner kleinen „Notlüge“ ein großes Beziehungschaos in der Familie auslöst. Wie gut können Sie ihn verstehen?

Hader: Also ich hab den ­Hubert mit viel Freude gespielt, aber privat möchte ich das nicht alles machen müssen, weil aktives Lügen ja unglaublich mühsam ist. Man muss ein gutes Gedächtnis und ständig mehrere Versionen im Kopf haben. Und da ich eher ein ­bequemer Mensch bin, wäre mir das zu anstrengend.

Sie waren nie gezwungen, ­aus familiären Gründen zu schwindeln?

Hader: Weniger. Ich komm ja vom Bauernhof, und in unserer Familie herrschte ein ­offener Ton. Da hat man sich zumindest intern um die Wahrheit bemüht. Nach außen ­wurde, wenn’s taktisch günstig war, nach Strich und Faden gelogen. Ich glaube, das ist bei Bauern ähnlich wie bei der Mafia. Da gelten unterschiedliche moralische Maßstäbe.

Können Sie verzeihen, wenn Sie jemand angelogen hat?

Hader: Das kommt sehr darauf an, ob man mir mit einer Lüge bewusst schaden will. In dem Fall werde ich sehr böse, und das äußert sich dann in einer langen Unversöhnlichkeit. Ich neige leider dazu, nachtragend zu sein.

Ihre Lebensgefährtin Pia Hierzegger spielt im Film Ihre Freundin und hat auch das Drehbuch geschrieben. Hat sie Sie an der Entwicklung teilhaben lassen?

Hader: Das machen wir immer. Wir schreiben ja beide, und so wie sie mir bei meinem Drehbuch zur Wilden Maus Feedback gegeben hat, habe ich das auch für ihre Geschichte gemacht.

Herausgekommen ist eine Komödie, die lustvoll das ­Modell Patchworkfamilie ­seziert und vor Dialogwitz sprüht. Konnten Sie beim ­Anschauen des Films auch herzlich lachen?

Hader: Ehrlich gesagt: nein. Ich kann Filme, in denen ich mitspiele, nicht beurteilen wie ein Zuschauer. Ich sitz da und sehe die Fehler. Ich entdecke Dinge, die ich hätte spielen sollen, aber nicht gespielt habe. Gott sei Dank seh ich das aber nur bei mir – alle anderen finde ich meistens gut. Beim Lesen eines Drehbuchs kann ich mich gut amüsieren, danach hab ich zu den Geschichten mehr eine Arbeitsbeziehung.

Wir führen die Debatte, dass es zu wenig Frauen vor und hinter der Kamera gibt. „Die Notlüge“ entstand unter der Regie von Marie Kreutzer. Arbeiten Sie lieber mit Frauen als mit Männern?

Hader: Ich arbeite am liebsten mit Menschen, die einen niedrigen Testosteronspiegel haben. Sehr männliche Regisseure versuche ich zu vermeiden. Die helfen mir nicht, weil ich niemand bin, der Schaukämpfe veranstaltet. Ich brauche uneitle Leute bei der Arbeit – das sind oft Frauen, können aber auch Männer sein.

So wie Helmut Dietl? Sie haben ihm im Abspann ihres letzten ­Kinofilms „Wilde Maus“ gedankt. Wofür?

Hader: Dafür, dass er mir sehr viel Mut gemacht hat, das Drehbuch, das ich ihm gezeigt habe, auch selbst zu inszenieren. Eigentlich wollten wir gemeinsam ein Projekt realisieren, aber das war wegen seiner Krankheit nicht mehr möglich. Ich habe Helmut Dietl leider erst sehr spät kennengelernt. Aber wir hatten noch einige schöne Spaziergänge und Gespräche. Ich bin froh, dass es diese Begegnungen gab, aber gleichzeitig bin ich traurig, dass wir uns nicht schon früher begegnet sind.

Am 14. Februar werden Sie 56 – feiern Sie gern Geburtstag?

Hader: Ja, aber nicht in großer Runde. Der letzte Geburtstag, den ich groß gefeiert habe, war mein 18. – seitdem versuche ich das zu vermeiden.

So schlimm?

Hader: Überhaupt nicht, der war in Ordnung, aber grundsätzlich mag ich das Feiern mit vielen Leuten nicht so gern, weil man dann eh mit niemand gescheit reden kann. Ich versuche auch sonst gesellschaftliche Abende, an denen ich Smalltalk machen muss, auf ein Minimum zu reduzieren. Smalltalk ist für mich der pure Stress. Ich bin ja wie gesagt zu faul zum Lügen.

Astrid Kistner

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