+
Kein Grund zum Pessimismus nach der jüngsten Bundestagswahl: Kabarettist Bruno Jonas.

Interview zur politischen Entwicklung

Kabarettist Jonas zur Wahl: „Monate ohne Regierung ist nicht das Schlechteste“

  • schließen

Was wird uns das Ergebnis der Bundestagswahl bescheren? Darüber hat sich auch Bruno Jonas Gedanken gemacht. Im Interview spricht der Kabarettist über die politischen Kraftverhältnisse.

München - Die AfD im Bundestag, die Große Koalition geplatzt, Angela Merkel mit der einzigen Option, nun mit FDP und Grünen eine Koalition bilden zu müssen - diese Wahl hat die politische Landschaft in Deutschland verändert. Jede Menge Material für Kabarettisten. Bruno Jonas ist ein genauer Beobachter der politischen Landschaft. Der 64-jährige gebürtige Passauer war einst Ensemblemitglied der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, seit vielen Jahren ist der Autor mehrerer Bücher als Solist unterwegs. Zusammen mit Dieter Hildebrandt verantwortete Jonas die ARD-
Satiresendung „Scheibenwischer“. Wir sprachen mit ihm am Tag nach der Wahl.

Ist der Einzug der AfD in den Bundestag der Untergang des Abendlandes – oder wird das Abendland ab sofort gerettet?

Jonas: Das Abendland stand doch gar nicht zur Debatte! Diese Wahl war, so viel ich weiß, eine demokratische Wahl. Gewählt haben Demokraten. Und die Kandidaten waren auch alle Demokraten, glaube ich. Es ist also alles mit rechten Dingen zugegangen. Allerdings entnehme ich der Berichterstattung, dass es gute Demokraten gibt und weniger gute.

AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland hat schon angekündigt, er werde die neue Bundesregierung „jagen“...

Jonas: Darüber regen sich jetzt alle auf, genauso wie über den Ausdruck „entsorgen“ im Zusammenhang mit Aydan Özoguz (Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Red.). In einem Brief an die „Zeit“ hat ein Leser neulich akribisch aufgeführt, wie oft in der Politik schon der Ausdruck „entsorgen“ auf Politiker angewendet wurde. Die Liste war ziemlich lang. Das ist eine Rhetorik, die auf allen Seiten üblich geworden ist. Ich würde mir mehr Auseinandersetzungen in der Sache wünschen und weniger diese Schaureden für die Öffentlichkeit und vor allem für die Medien, die so etwas gerne skandalisieren.

Bundestagswahl 2017: AfD holt 12,6 Prozent - Ergebnisse in den Bundesländern

Im Osten ist die AfD zweitstärkste Partei geworden...

Jonas: Da schau her! Ich bin kein Wahlforscher, ich kann mir das nicht erklären. Aber ich entnehme den Analysen, dass eine halbe Million Wähler von der SPD zur AfD ’rübergewandert sind. Wenn das jetzt angeblich alles Rechtsextreme sind, dann frage ich mich: Waren die schon rechtsextrem, als sie noch die SPD gewählt haben, oder sind sie es jetzt erst geworden? Muss man nicht eigentlich fragen, warum Wähler dermaßen enttäuscht sind von der Politik, dass sie jetzt den Kopf verlieren und die AfD wählen?

Der Soziologe Holger Lengfeld sagt, die Menschen im Osten fühlten sich nicht in erster Linie wirtschaftlich, sondern sozusagen kulturell abgehängt. Die Menschen hätten Angst vor dem oder den Fremden, sie fürchteten um ihre Identität als Deutsche.

Jonas: Die Identitätsfurcht ist ein ganz neues Phänomen. Es gibt allerdings ein allgemeines Staunen darüber, dass es im Osten sehr viel Ablehnung gibt gegenüber Flüchtlingen, gegenüber Migranten, obwohl doch nur ganz wenige Zugewanderte dort leben. Ich habe da einmal mit einer Psychologin gesprochen, die für mich eine ganz schlüssige Erklärung hatte: Wenn du mit den Fremden selbst Kontakt hast, im eigenen Viertel, dann lernst du diese Menschen in ihrem Alltag kennen und hast die Gelegenheit, Ressentiments abzubauen. Viele Menschen im Osten haben diese Gelegenheit nicht. Das müsste man ändern.

Ein Satz zu Martin Schulz und zur SPD, die in die Opposition gehen will. Viele sagen jetzt: Schlechte Verlierer!

Jonas: Ich kann verstehen, dass Martin Schulz verbittert ist und keine Lust mehr aufs Regieren hat. Ich sehe auch, dass Angela Merkel jetzt in ihrer Alternativlosigkeit angekommen ist. Sie kann nur mit FDP und Grünen versuchen, eine Regierung hinzukriegen. Wenn sie es nicht schafft, wird es vielleicht in einem halben Jahr wieder Wahlen geben, oder wir bekommen eine Situation, wie sie Spanien im vergangenen Jahr erlebt hat. Da gab es mehrere Monate lang keine Regierung. Ich finde das nicht das Schlechteste, wenn man mal eine Weile mit dem Regieren aussetzt. Wir haben ja noch die 16 Bundesländer, wo auch feste regiert wird. So schlimm kann es nicht sein, wenn auf der obersten Ebene erst einmal kommissarisch die Geschäfte geführt werden.

Sie hätten nichts gegen Neuwahlen?

Jonas: Nein! Weil ich davon ausgehe, dass dann auch wieder sehr demokratisch gewählt wird. Bei dem, was die Parteivorsitzenden und Spitzenkandidaten der Parteien in der „Elefantenrunde“ am Sonntagabend geäußert haben, hatte ich sowieso den Eindruck, dass die uns eigentlich sagen wollten: „Ihr seid schuld!“ Ich habe jetzt das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Ich muss mich also zusammenreißen und es beim nächsten Mal besser machen. Ich bin gespannt, wie lange uns die Parteien überhaupt noch wählen lassen bei dem Mist, den wir immer zusammenwählen.

Nach der Bundestagswahl: Wer wird jetzt Kanzler?

Nicht nur die CDU, sondern auch Horst Seehofer und seine CSU in Bayern haben Stimmen verloren. Was hat der CSU-Chef falsch gemacht?

Jonas: Dem Ergebnis nach sehr viel - wenn’s nach ihm geht, gar nichts. Der Streit mit der CDU, die Versöhnung vor der Wahl, dieser politische Cha-Cha-Cha - vorwärts, rückwärts, seitwärts, Schluss - ist bei den Menschen nicht gut angekommen. Diese Wahl hat gezeigt, dass das Schönreden, das Unter-der-Decke-Halten von Problemen abgewählt wurde. Ich habe das Gefühl, die Bürger wünschen sich eine offene Diskussion über die Zustände im Land. Dazu gehört beispielsweise die Kriminalitätsstatistik. Und übrigens auch die Europapolitik, die im Wahlkampf so gut wie keine Rolle gespielt hat. Damit hätte der große Europapolitiker Martin Schulz doch punkten können.

Seehofer will die CSU jetzt nach rechts rücken...

Jonas: Reine Verzweiflung.

Manche sagen, die Wähler, die er da im Visier hat, wählen lieber gleich das Original.

Jonas: Das geschieht mit der Absicht, dem politischen Gegner möglichst großen Schaden zuzufügen. Es freut die eine Seite immer, wenn auf der anderen Seite ein Schaden entsteht, unabhängig von der Sache. Deswegen freuen sich alle diesseits der Union, dass der Platzhirsch in Bayern angeschossen wurde.

Apropos - was wird vor der Landtagswahl aus dem Platzhirschen?

Jonas: Momentan röhrt er noch. Ich könnte mir aber vorstellen, dass er bald sein Geweih abwirft.

Interview: Rudolf Ogiermann

Das könnte Sie auch interessieren

Bundestagswahl 2017: Das Endergebnis und die Ergebnisse in jedem Bundesland

Jamaika-Koalition: Kann das überhaupt funktionieren?

Jamaika-Koalition oder GroKo - welche Regierungsbündnisse sind jetzt möglich?

Alle Entwicklungen rund um die Bundestagswahl im Ticker

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Taylor Swift komplett entblößt? Dieses heiße Video sorgt für Diskussionen
Mit einer Kostprobe aus ihrem neuesten Musikvideo hat Taylor Swift ihren Fans den Kopf verdreht. Der Megastar lässt in dem Clip scheinbar alle Hüllen fallen.
Taylor Swift komplett entblößt? Dieses heiße Video sorgt für Diskussionen
Jonas Nay kann Armut in Afrika nicht einfach wegstecken
Der Schauspieler ist zum Dreh einer neuen Serie bei Amazon Prime auf dem afrikanischen Kontinent. Er genieße es, das Land durch seine Arbeit statt als Tourist …
Jonas Nay kann Armut in Afrika nicht einfach wegstecken
Helene hüllenlos! Fans schießen wegen dieser Aufnahmen gegen Fischer
Ihr Hit „Atemlos“ wird mittlerweile auf fast allen Partys gespielt. Nun will Schlagersängerin Helene Fischer einen neuen Erfolg landen und zeigt sich im neuen Video …
Helene hüllenlos! Fans schießen wegen dieser Aufnahmen gegen Fischer
New Yorker Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Weinstein
Die Ermittlungen im Harvey-Weinstein-Skandal weiten sich aus. Matt Damon und George Clooney zeigen sich schockiert. Auch US-Regisseur James Toback werden sexuelle …
New Yorker Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Weinstein

Kommentare