Der Künstler der Stadtpolitik

Alle Welt schaut auf den Münchner OB Christian Ude, wenn er alljährlich mit Lederhose und Schurz die erste Wiesn-Mass zapft. Das mag in Tianjin, wo er Ehrenprofessor ist, urbayerisch anmuten, auch in Mailand, Melbourne oder Memphis/Tennessee. Doch das ist eigentlich nicht Udes Welt. Ude ist Münchner, aber kein krachlederner.

Seine Wohlfühl-Plätze sind Künstlerzirkel, ägäische Inseln, Kleinkunstbühnen und das heimische Sofa. Ein liberales, intellektuell inspiriertes Elternhaus hat den Knaben behutsam geformt, Gäste wie Ernst Hoferichter oder Erich Kästner zur Kaffeetafel geladen.

Ude und Peter Gauweiler (CSU) liefen sich schon als Schüler über den Weg, 1993 dann wieder, und zwar im Wahlkampf: Ude wurde Münchner OB, mit 50,8 zu 43,3 Prozent der Stimmen. Dabei ist München keine SPD-Hochburg. Bei Wahlen zum Bundes- und Landtag oder zum Europaparlament landen die Genossen fast durchweg abgeschlagen auf Platz zwei. Nur Udes All-Präsenz vermittelt den Eindruck, die SPD habe München fest im Griff. Und: Die Geschäfte führte sie in all den Jahren nur mit Hilfe der Grünen.

Das Engagement beim TSV 1860 fordert den versierten Brückenbauer Ude bei den endlosen Kämpfen in den Gremien. Zum Ballspiel hat er seit jeher ein eher distanziertes Verhältnis. Wenn überhaupt, so erschöpft sich sein sportlicher Ehrgeiz auf dem Fahrrad im Englischen Garten.

Als Politiker vielfach unterfordert, sucht Ude Schneisen für seine Neigungen, lässt sich leicht an den Schreibcomputer entführen (was unsere Zeitung mit einer Vielzahl von Reportagen und Kolumnen aus seiner Feder stets gern genutzt hat). Gelernt hat er das Handwerk bei der Süddeutschen Zeitung, ehe es ihn zum Jura-Studium und folgerichtig in den Anwaltsberuf zog. Weithin bekannt war sein Eintreten für drangsalierte Mieter.

Als Juso hatte sich Ude in der heißen SPD-Zeit der 70er-Jahre mit Vogel, Kronawitter und all denen gekracht, die den Aufbruch des kampflüsternen Anti-Establishments in der Partei nicht nachvollziehen wollten. Ude war Sprecher der wilden Münchner SPD, die heute - lammfromm - um Bürgerstimmen buhlt.

Die letzte kleine Polarisierung in der Münchner SPD war Mitte der 90er-Jahre das Ringen um die Freisetzung der Stadtwerke in den Stand eines halbwegs unabhängigen Unternehmens - mit massiv dezimierter Belegschaft. Diesen Kraftakt entschied Ude in dem Glauben für sich, Energie und Nahverkehr nur so noch unter städtischer Kontrolle halten zu können - genau genommen: unter seiner persönlichen Kontrolle als Oberaufseher. Als sich durch ein Grundstücksgeschäft die Chance bot, der jüdischen Gemeinde ein neues Zentrum zu verschaffen, griff Ude entschlossen zu: "Für mich war das ein politisches Lebensthema." Der Akt hat wahrhaft historische Dimensionen.

Schon als Schulsprecher und Zeitungsgründer am Gymnasium war Ude gern immer vorneweg - was nicht heißt, dass ihm später Niederlagen erspart blieben. 1987 verhinderten Genossen ohne Vorwarnung seine Wahl zum Kreisverwaltungsreferenten. Ude, sichtlich geschockt, wandte sich wortlos um, traf mit unendlich müdem Blick im SPD-Fraktionssaal auf seine Frau Edith, die ihn ebenso wortlos in die Arme nahm. So standen sie lange (der Reporter, unfreiwillig Zeuge dieser innigen Szene, drückte sich dann leise aus dem Raum).

Zwei Jahre später kam Ude nicht als Referent, sondern gleich als Bürgermeister unter Georg Kronawitter zum Zug. Niederlagen beim Bürgerentscheid über den Ausbau des Mittleren Rings, beim Auszug des Fußballs aus dem weltbekannten Olympia-Stadion oder beim Hochhaus-Entscheid, den ihm Kronawitter eingebrockt hatte, schmerzten Ude.

Aber sein Stern stieg höher. Ude wurde Künstler der Stadtpolitik. Als sattelfester Rathaus-Chef muss er nicht alle Banalitäten des irdischen Daseins bewältigen. Geld trägt Ude bestenfalls in homöopathischen Dosen mit sich. Wie viel? Oft weiß er es gar nicht, sagt er. Verhasste Anproben im Bekleidungshaus bleiben ihm erspart, weil Ehefrau Edith das Vertrauen des einschlägigen Handels genießt und ausgewählte Stücke mit nach Hause nehmen darf. Was nicht passt, geht zurück.

Hauptsache, es bleibt genügend Zeit fürs Katzenkraulen bei Udefix und Gudemine, den "Etagen-Tigern" in der Wohnung am Kaiserplatz. Rationell gestaltet Ude oft auch sein Mittagsmahl: Zwischen Unterschriftsmappen, Zeitungen und Aktendeckeln verzehrt er seine geliebten Weißwürste, eine Leidenschaft, die irgendwie nicht zu ihm passen mag (ebenso wie Lederhosen und Landhaus-Wams). Doch das Brät vom Kalb nährt den Mann - und hält ihn ganz offensichtlich bei guter Gesundheit.

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