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Jörg Kachelmann vor dem Gefängnis.

Wer ist der Mensch Jörg Kachelmann?

Mannheim - Am Montag beginnt der Prozess gegen Jörg Kachelmann. Doch der Vorprozess hat längst angefangen – seit Wochen dreht sich alles nur um eine Frage: Was für ein Mensch ist der Wetterexperte wirklich?

Dieser Mann muss viele Gesichter haben. Jörg Kachelmann, der Wettergott. Ein Charmeur, sagen die einen – vielleicht ein bisschen zu pedantisch, aber schwer in Ordnung. Selbstverliebt, profilneurotisch, kritikunfähig, lästern andere. Hochintelligent, aufmerksam, sensibel, das erzählen Dritte. Zweifelsohne: Über diesen Typ spricht man. Bis 20. März fand der ARD-Moderator das auch richtig gut. Danach nicht mehr. Weil sich plötzlich niemand für seine exakten Wetterprognosen interessierte, sondern nur noch für sein Privatleben – und seine Sexualität. An jenem Samstag wurde Kachelmann verhaftet. Der Grund: Er soll seine Ex-Geliebte mit einem Küchenmesser bedroht und vergewaltigt haben.

Kachelmann - erste Bilder nach der U-Haft

Kachelmann - erste Bilder nach der U-Haft

Am Montag beginnt vor dem Landgericht Mannheim der Prozess gegen den 52-jährigen Schweizer. 13 Sitzungstage sind geplant, 25 Zeugen und fünf Sachverständige werden aussagen. Bis Ende Oktober soll die Hauptverhandlung dauern – um die entscheidende Frage zu klären: Was geschah in der Nacht vom 8. auf 9. Februar 2010 wirklich?

Da gibt es nämlich zwei grundverschiedene Geschichten – die Version des mutmaßlichen Opfers und die des mutmaßlichen Täters.

Version eins geht so: Eine Frau Ende 30 – Sabine, so wird sie oft in den Zeitungen genannt – hat seit 1998 ein Verhältnis mit Kachelmann. An jenem Abend entdeckt sie Flugtickets, die auf den Namen ihres Freundes und auf den Namen einer fremden Frau ausgestellt sind. Sabine stellt Kachelmann zur Rede. Sie will sich von ihm trennen. Es reicht ihr jetzt. Fast zwölf Jahre hat sie auf ihn gewartet, gehofft, dass sie eine richtige Familie werden – und dann das: Er hat eine Geliebte. Vielleicht hat er auch noch mehr Affären. Wie demütigend. Sabine erträgt das nicht. Es ist vorbei, sagt sie – Kachelmann greift zu einem Küchenmesser, zwingt sie zum Geschlechtsverkehr. Dabei drückt er die Klinge gegen ihren Hals, droht, Sabine umzubringen, immer wieder.

Version zwei hört sich komplett anders an: Kachelmann bestreitet die Vergewaltigung. Ja, sie haben sich getrennt. Traurig, aber friedlich. Danach fuhr er in ein Hotel. Mehr war nicht in dieser Februarnacht; seine Unschuld beteuert er später auch in zwei Interviews.

Der Moderator kommt in U-Haft, wird jedoch nach 132 Tagen im Gefängnis von Mannheim wieder freigelassen: Das Oberlandesgericht Karlsruhe hebt den Haftbefehl auf; es bestehe „kein dringender Tatverdacht mehr“. Sein Ruf ist dennoch ruiniert. Die steile Karriere des Wetterpapstes – offenbar vorbei. Dabei lief alles ziemlich gut.

1990 gründete Kachelmann den Wetterdienst Meteomedia und überzog Deutschland mit Messstationen. Inzwischen gehört das millionenschwere Unternehmen zu den führenden Wetterdienstleistern. Es produziert bis heute Wettersendungen in der ARD; seit 1994 vor der 20-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“, seit 2002 nach den „Tagesthemen“. Kachelmann, bei dem selten Niederschläge fallen, sondern es „schifft“ und „suppt“, gilt bis zu seiner Verhaftung als Vorzeige-Meteorologe, obgleich er die Uni ohne Abschluss verlassen hat. Seine Prognosen sind jedoch derart präzise, dass er de facto keine Konkurrenz fürchten muss – die Programmchefs reißen sich um den Mann mit den langen Haaren, der meist in einem übergroßen Anzug steckt und aufziehende Gewitter oder sternenklare Nächte ansagt. „Kachelmann konnte gut reden“, sagt eine Kollegin, die anonym bleiben will, in einem „SZ“-Interview. Damit habe er kluge Frauen beeindruckt.

Zuletzt ließ Kachelmann offenbar nach, moderierte nur fünf- bis sechsmal im Monat den Wetterbericht. Sein Humor habe sich verändert, richtig sarkastisch sei er geworden, seine Witze – nicht selten unter der Gürtellinie. Irgendwas lief wohl nicht mehr rund.

Mit Kachelmanns Verhaftung im März – er war gerade am Flughafen in Frankfurt am Main eingetroffen, zurück aus Kanada, wo er für die ARD über das Wetter bei den Olympischen Spiele in Vancouver berichtet hatte – ist seine Erfolgsgeschichte beendet. Vorerst zumindest. „Für die ARD gilt erstmal: Wir schauen, was das Gericht spricht, und dann schauen wir weiter“, so Sprecherin Silvia Maric knapp. Versöhnliche Töne klingen anders. Der ehemalige Richter Bernd Heintschel-Heinegg wird deutlicher: „Selbst im Fall eines Freispruchs ist Herr Kachelmann öffentlich erledigt“, schreibt er in einem Internet-Beitrag. Und dies habe die „mediale Spekulationsmaschine“ verursacht.

In kürzester Zeit zitieren „Spiegel“, „Focus“ und „Zeit“ Ermittlungsakten und Gutachten. „Ich fand das mehr als erstaunlich, was die alles wussten“, sagt Andreas Grossmann, Sprecher der Staatsanwaltschaft Mannheim. „Von uns hatten sie’s nicht.“ Neutrale Aussage oder Verteidigung? Immerhin gibt es ja diese Unterstellung, dass die Staatsanwaltschaft nicht diskret genug war im Fall Kachelmann. Grossmann kontert prompt: „Es ist illusorisch anzunehmen, die Behörden könnten den Namen eines inhaftierten Prominenten über Monate geheim halten.“

Der Angeklagte geht derweil gegen zahlreiche Veröffentlichungen gerichtlich vor; vom Springer-Verlag fordert er rund zwei Millionen Euro – wegen der Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte. Unterdessen melden sich immer mehr Frauen zu Wort, erzählen, sie seien mit Kachelmann zusammen gewesen – hätten aber nichts voneinander gewusst, nicht mal geahnt, dass da Nebenbuhlerinnen seien. „Im Nachhinein klären sich die Dinge: Dass er eben nicht spätabends losgefahren ist, um einem Schneetreiben auszuweichen, sondern um bei einer anderen auf der Matte zu stehen“, sagt eine seiner sogenannten Freundinnen im „SZ-Magazin“. Eine andere gesteht: „Man kriegt nur seinen Charme und seinen Körper. Sein Herz und seine Seele kriegt man nicht. Aber da kommt man lange nicht drauf.“

Das Gericht hat einige der Frauen als Zeuginnen geladen. Es will jede anhören und erst danach das mutmaßliche Opfer vernehmen. Der Eindruck, den diese Frau – Sabine – hinterlässt, wird über das Urteil entscheiden. Sie müsse authentisch sein, sagt Julia Schellong, Ärztin und Expertin für Psychotraumatologie. Nur: Wirke sie zu nüchtern, zu sachlich, glaube man ihr womöglich nicht. Erscheine sie emotional, werfe man ihr womöglich vor, auf Rache aus zu sein – vor allem, wenn der mutmaßliche Vergewaltiger der Ex-Partner ist.

Elf Seiten umfasst die Anklageschrift. Dem Gericht geht es um „das Kerngeschehen“: Was ist in jener Februarnacht wirklich passiert? „Zu verhandeln ist nicht Kachelmanns Persönlichkeit“, mahnt der Berliner Strafverteidiger Ulrich Wehner. „Der Vorwurf lautet nicht: ,allgemeine Fehlbehandlung von Frauen‘.“ Sondern Vergewaltigung. Das wiegt schwerer. Es drohen fünf bis 15 Jahre Haft.

Barbara Nazarewska

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