Für die Menschen spielen

- Ob er Shakespeares Shylock spielt oder die Metamorphosen des Ovid liest: Rolf Boysen ist immer die Garantie für ein ausverkauftes Haus. Magisch und doch auch in größter Bescheidenheit zieht dieser Schauspieler - früher an den Münchner Kammerspielen, jetzt am Bayerischen Staatsschauspiel - die Zuschauer in seinen Bann. Eine Künstlerpersönlichkeit, die geliebt wird, weil das Publikum spürt, dass Boysen es seinerseits liebt. In seiner Einzigartigkeit hat er beinahe alle großen Rollen des Welttheaters gespielt. Nur ein Rollenwunsch blieb unerfüllt: König Philipp II. in Schillers "Don Carlos".

<P>Heute feiert Rolf Boysen seinen 85. Geburtstag - in faszinierender Jugendlichkeit, bewundernswerter Geistesfrische und absoluter Modernität. Um dem zu erwartenden Gratulationsrummel zu entgehen, hat er sich zusammen mit seiner Frau an den Chiemsee zurückgezogen. "Wenn ich Glück und sie Zeit haben", sagt er, "kommen vielleicht meine Söhne (Regisseur Peer und Schauspieler Markus Boysen - Anm. d. red.) zu Besuch".<BR><BR>Sie schrieben einmal, 1995: "Vor 50 Jahren machte sich der Entlassene auf die Suche nach einem Menschenbild. Die Suche ist noch nicht zu Ende." Sind Sie mittlerweile diesem Menschenbild näher gekommen?<BR><BR>Boysen: Näher sicherlich, aber nicht in positiver Weise. Ich finde es ganz furchtbar, was die Menschen miteinander treiben. Da grübelt man schon drüber nach. Sind wir wirklich so? So rücksichtslos?<BR><BR>War diese Suche nach dem Menschenbild ein Grund für Sie, Schauspieler zu werden?<BR><BR>Boysen: Das kann ich nicht so genau sagen. Zunächst war das nur so eine Lebensäußerung gewesen. Ich habe ja schon als kleiner Junge meine Faxen gemacht. Ich habe ganze Szenen gespielt und meinen Bruder, der sechs Jahre älter war und damit gar nichts im Sinn hatte, gezwungen mitzuspielen.<BR><BR>Was bedeutet es Ihnen heute im doch hohen Alter, Schauspieler zu sein?<BR><BR>Boysen: Ich nenne mich ungern Menschengestalter. Ich versuche, ein Sprachgestalter zu sein. Für mich geht alles von der Sprache aus. Und manchmal ist sie ja wie ein Mysterium. Die Sprache kommt auf uns zu, da muss man sehen, dass man ihr entgegengeht. Da stimme ich auch ganz mit Dieter Dorn überein. Es ist so toll, wenn wir zu Probenbeginn anfange, den Text zu lesen - damit wir wissen, wo das Subjekt, wo das Prädikat eines Satzes stehen und was ich für einen Bogen spannen muss, um dahin zu kommen. Dadurch formt sich eine Figur und durch nichts anderes.<BR><BR>Die älteren Schauspieler und so auch Sie wissen von der tollen Theaterstimmung unmittelbar nach Kriegsende zu erzählen. Sind Notzeiten bessere Zeiten fürs Theater?<BR><BR>Boysen: So wie ich sie erlebt habe, ja. Die Menschen fuhren sonst wohin, um Theater zu sehen - nur um die Texte der Klassiker zu hören. Doch ich glaube, auch in den Jahren des Krieges, den Bombenzeiten, gingen die Menschen ins Theater. Ich weiß das, weil ich als Soldat in Hamburg eine Annonce aufgegeben habe: Fronturlauber sucht Karte für "Faust". Das war die einzige Möglichkeit, die Vorstellung zu sehen.<BR><BR>Sie spielen seit 60 Jahren Theater. Gibt es Rollen, durch die Sie auf besondere Weise geprägt wurden?<BR><BR>Boysen: Also die, bei denen ich mit besonderer Inbrunst dabei war: Das war in Dortmund der Stanley Kowalski aus "Endstation Sehnsucht". Es war der Ödipus in Hannover. Dann in Bochum der Macbeth, der, wie die Engländer sagen, immer in die Hose geht. Und in München "Die Dämonen", der Othello, ganz wichtig natürlich König Lear und der Shylock.<BR><BR>Sie haben den Lear über hundert Mal gespielt . . .<BR><BR>Boysen: Ich habe keine andere Rolle über einen so langen Zeitraum gespielt. Vielleicht bin ich überhaupt der Einzige in der Welt, der so oft als Lear auf der Bühne stand. Zum Shylock muss ich sagen, dass der mich in umgekehrter Weise geprägt hat. Ich habe den Film mit Fritz Kortner gesehen, und in dem Sinne, wie Kortner da die Gerichtsszene gespielt hat, versuchte ich, sie auch zu spielen. Und ich merke es jedes Mal, dass es den Menschen im Parkett wie Schuppen von den Augen fällt, wenn ich sage: "Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?"<BR><BR>Wenn Sie spielen oder lesen, ist das Theater ausverkauft. Ist diese Tatsache mehr Glück oder eher eine Belastung für Sie?<BR><BR>Boysen: Ein großes Glück. Bei Lesungen merke ich das besonders. Da denke ich manchmal: Ist ja wahnsinnig, eine solche Kirchenstille.<BR><BR>Woran liegt das, außer dass Sie ein so guter Schauspieler sind?<BR><BR>Boysen: Es liegt auch daran, was gesagt wird, in welchem Versmaß.<BR><BR>Nicht vielleicht auch daran, dass die Menschen sich von Ihnen Wahrheit erhoffen und Erkenntnis? Und dass sie spüren, von Ihnen erkannt und ernst genommen zu werden?<BR><BR>Boysen: Der Zuschauer ist ja ein Teil der Aufführung. Ich nenne das immer: die magische Acht. Was sollten wir machen, wenn keiner da wäre? Es hängt damit zusammen, wie viel Gewicht man denen, die unten sitzen, beimisst. Dass wir hier oben nicht nur agieren wie ein Jongleur. Wir spielen für die Menschen, aber aus ihnen heraus.<BR><BR>"Erst in der Umarmung mit dem Tabu gewinnt der Schauspieler das Außergewöhnliche." - Ein Satz von Ihnen. Was ist das Tabu?<BR><BR>Boysen: Es gibt unberührbare Dinge, die darf man auch nicht berühren. Aber der Schauspieler muss es tun, er darf sich nicht verweigern. Das hat nichts zu tun mit Schamlosigkeit. Zum Beispiel im "Lear": Da habe ich mich in einer Szene völlig ausgezogen. Dorn hätte mir das nie angetragen. Aber man musste es an dieser Stelle machen, wo es bei Shakespeare heißt: Er reißt sich die Kleider vom Leibe. Wo er ganz auf das kreatürliche, nackte Menschsein reduziert ist. Daran hatte nie einer Anstoß genommen. Aber am Ende der langen "Lear"-Serie, als zunehmend auch Schüler in der Vorstellung waren, merkte ich, dass von hinten angefangen wurde zu lachen. Da habe ich gesagt: Jetzt kann ich das nicht mehr so spielen.<BR><BR>Wären Sie heute jung: Würden Sie wieder Schauspieler werden?<BR><BR>Boysen: Ich würde es wieder werden, natürlich.<BR><BR>Hat das Theater denn eine Zukunft?<BR><BR>Boysen: Das Theater wird immer eine Zukunft haben, weil es niemanden gibt, der es verbieten kann. Ja, sie können den Geldhahn zudrehen, damit kriegen sie die Stadt- und Staatstheater kaputt, aber nie das Theater als Form der Lebensäußerung. Denn Theater hängt mit dem Ursprünglichsten zusammen, was wir in uns haben: Angst, Verzweiflung, Hoffnung, Sprache.<BR><BR>Sie proben derzeit ein neues Stück, wiederum mit Regisseur Dieter Dorn . . .<BR><BR>Boysen: Ja, "Die Bakchen" von Euripides. Da spiele ich den Dionysos. Der lässt mir jetzt schon keine Ruhe. Mal sehen, wie ich in das seltsame Geheimnis dieses Gottes eindringen kann. Man muss etwas Typisches finden. "Der Gott schlägt lächelnd", heißt es da. Das könnte ein Anhaltspunkt sein.<BR><BR>Sie spielen nicht nur wunderbar, Sie schreiben auch sehr gut. Woher diese Lust, selbst zu formulieren?<BR><BR>Boysen: Aus einem Unvermögen. Weil ich's eigentlich nicht kann. Ich möchte immer so gerne. So habe ich zu Hause überall Zettel liegen. Fällt mir was ein, notiere ich es. Und denke, das kann ich irgendwann einmal gebrauchen.<BR><BR>Zum Beispiel für Ihre Autobiografie?<BR><BR>Boysen: Ich denke immerzu daran. Vielleicht raffe ich mich ja doch einmal auf, wenn ich die nächste Rolle hinter mir habe. Den ersten Satz nämlich habe ich schon im Kopf.</P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz<BR></P>

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