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David Bowie starb mit 69 Jahren.

Weltstar stirbt mit 69 Jahren

Nachruf auf David Bowie: Der Jahrhundertkünstler

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London - Er war ein Weltstar, auch die Deutschen haben ihn geliebt: David Bowie, 69, war mit seinen Songs mehr als 500 Mal allein in unseren Hitlisten. Der Tod der britischen Pop-Ikone erschüttert Fans, Freunde und Weggefährten.

Die Nachricht ist irgendwie surreal, und man mag sie zuerst nicht recht glauben. David Bowie hat so oft sein Aussehen, sein Auftreten, seine Identität ausgetauscht, vielleicht ist es auch dieses Mal einer seiner berühmten Image-Wechsel, hofft man. Und nun soll er nur zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag gestorben sein, wo er doch gerade erst sein meisterhaftes Album „Blackstar“ veröffentlicht hat?

Das alles erscheint unwirklich, aber Bowie war sein ganzes Leben lang eine unwahrscheinliche Angelegenheit. Ein Chamäleon, das es geschafft hat, sich künstlerisch fast 50 Jahre lang immer wieder zu häuten und damit gegen jede vermeintliche Gesetzmäßigkeit der Branche sogar immensen Erfolg hatte. Mit vogelwilden Stilbrüchen, grotesken Outfits und tendenziell größenwahnsinnigen Konzeptalben. Aber bei Bowie wirkte das stimmig, hatte Stil, war nie banal wie bei anderen Rockstars, die irgendwann beschlossen, Kunst zu produzieren. Im richtigen Augenblick einen Haken schlagen, gegen den Strom schwimmen, den anderen voraus sein, das hat Bowie beherrscht wie sonst niemand in der populären Musik.

Das war keineswegs abzusehen, als David Robert Jones, der junge Mann aus dem Londoner Stadtteil Brixton, ab Mitte der 60er-Jahre als David Bowie (um nicht mit David Jones von den Monkees verwechselt zu werden) im Musikgeschäft auftauchte. Der junge Bowie machte erst mal für jene Zeit ziemlich typische, leicht spleenige britische Popmusik. Nicht übel, aber auch nicht weiter aufregend. Sein Debütalbum wurde 1967 freundlich ignoriert. Bowie beschloss, das klassische Liederschreiben aufzugeben und eine eigene Art der Musik zu erfinden.

Mit „Space Oddity“ führte er das 1969 erstmals gekonnt vor und hatte Glück – es war das Jahr der Mondlandung, die Geschichte um den Astronauten Major Tom, der verloren im All schwebt, schlug ein. Das Album dazu mit verträumten, eher folklastigen Songs lief gut. Und Bowie? Legte mit „The Man Who Sold The World“ eine Nachfolgeplatte vor, die sich knochentrockenem, hartem Rock widmete. Hippies, die selig zu „Space Oddity“ geschunkelt hatten, waren da erst mal raus. Dafür sprangen die Kritiker an – und ab dem darauffolgenden Album „Hunky Dory“ auch ein großes Publikum.

Bowie hatte wieder einmal unverschämtes Glück, mit dem Gitarristen Mick Ronson und dem Produzenten Tony Visconti zwei kongeniale Mitstreiter getroffen zu haben, die ihm dabei halfen, einen unverwechselbaren Klang zu erschaffen, der die Ära des Glam-Rock einläuten sollte. Die einzigartige Stimme, die völlig überdrehte Stilisierung der Person, die ausgefeilten Arrangements – all das machte Bowie zu einer regelrechten Erscheinung im Geschäft. Und es ist völlig unmöglich, den Einfluss von Bowie auf nachfolgende Generationen von Musikern zu überschätzen. Von Anfang an hantierte Bowie außerordentlich geschickt mit seinem Image. Er kokettierte öffentlich mit dem damaligen Aufreger-Thema Homosexualität – und zeugte mit seiner frisch angetrauten Frau einen Sohn. Tatsächlich ließ Bowie öfter mal Plattenaufnahmen sausen, um sich seinen ehelichen Pflichten zu widmen – was Produzent Visconti nur bedingt komisch fand.

Aber den versöhnte Bowie mit exzellenten neuen Liedern und einer völlig wahnsinnigen Idee: Ab sofort wäre er „Ziggy Stardust“, ein Rockstar mutmaßlich marsianischer Herkunft. Die Platte dazu katapultierte Bowie in den Olymp des Rockgeschäfts, plötzlich wollten alle mit diesem seltsamen Wunderknaben arbeiten. Sogar lebende Legenden wie John Lennon sangen gerne im Hintergrundchor mit. Bowie entglitt das Spiel um Sein und Schein beinahe, Unmengen an Drogen trugen sicher dazu bei. Später gab Bowie zu, dass er sich nur an sehr wenig bis gar nichts aus dieser Zeit erinnern könne.

Nachdem Glam-Rock angesagt war, hörte Bowie sofort damit auf und experimentierte bei „Young Amercians“ mit schwarzer Musik, flüchtete aus England und wurde, mal wieder, ein anderer. Er lebte von 1976 bis 1978 in Berlin und erfand sich neu. Schuf mit „Low“ einen Meilenstein der Musikgeschichte, auf dem nie gehörte Töne den Weg für elektronischen Sound und Weltmusik ebneten. Wie nebenher produzierte Bowie auch noch Platten von Lou Reed und Iggy Pop, und zwar deren jeweils erfolgreichste. So experimentierfreudig Bowie auch war, er hatte ein untrügliches Gespür für Melodien, die funktionieren. Und Bowie arbeitete gerne mit anderen zusammen, probierte sich aus. Gelegentlich auch vor der Filmkamera, wo er sich mehr als passabel schlug. Mit „Heroes“ wurde er 1977 unsterblich, angeblich hatte Bowie eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte zu dem Lied inspiriert. Aber wer weiß das schon. Bowie setzte die Sage selbst in die Welt, und was wirklich stimmte bei ihm, und was nicht, das wusste er zeitweise womöglich selber nicht genau.

Als Mensch blieb Bowie ein Leben lang unnahbar. Seine Image-Wechsel waren sein Schutzwall, seine Texte im Zweifel eher geniale Ablenkungsmanöver denn persönliche Offenbarungen. Sicher ist, dass Bowie ein verteufelt kluger Kopf war, der Trends früher roch als andere. Anfang der 80er erkannte er als einer der Ersten das Potenzial von Videoclips und drehte zu „Let’s Dance“ und „China Girl“ aufwändige Minispielfilme. Es wurden Monsterhits, das dazugehörige Album war sein bis dahin größter Erfolg. Danach folgte eine künstlerische Flaute, aber Bowie machte einfach weiter und meldete sich 1993 mit „Black Tie, White Noise“ machtvoll zurück. In der Folge spielte sich Bowie quer durch alle Stile der Popmusik, zur Verwunderung seiner langjährigen Fans gerne auch mal durch Drum and Bass und Techno.

1992 heiratete Bowie das überirdisch schöne Supermodel Iman Abdulmajid, was perfekt passte zu Bowie, der so irritierend alterslos wirkte. Sie bekamen eine Tochter, die Bowie rigoros vom Rampenlicht fernhielt. Zwanghaft neugierig, entdeckte er früh das Internet für sich und betrieb schon ab 1996 seine Webseite, als erster namhafter Popstar. Etwa zu der Zeit verkaufte er auch die zukünftigen Erlöse seiner Lieder in Form von Anteilscheinen und nahm so 50 Millionen Dollar ein – auch auf die Idee war noch nie jemand gekommen.

2003 erlitt Bowie bei einem Auftritt in Deutschland hinter der Bühne einen schweren Herzinfarkt und zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Er blieb aktiv, schrieb Musik, tauchte gelegentlich in Filmen auf und inszenierte zuletzt in seiner Wahlheimat New York ein Musical. Er blieb ein Phantom, das unangekündigt auftauchte und spurlos wieder verschwand. Eine moderne Märchengestalt, bei der unklar war, ob sie tatsächlich existierte. Und falls ja – in welcher Dimension?

Bis zuletzt beherrschte er die Kunst, öffentliche Aufmerksamkeit in seinem Sinn zu steuern. Vor zwei Jahren erschien sein Album „The Next Day“ ohne Ankündigung, ohne Werbung, ohne Interviews. In einer Zeit übererregter Marketingkampagnen eine Sensation. Es wurde Bowies erste Nummer 1 in Deutschland. Das mag Bowie amüsiert haben, nach fast 150 Millionen verkauften Platten weltweit, es hat ihm bestimmt gefallen. Das Album war schließlich eine Hommage an seine Jahre in Deutschland.

Nun ist David Bowie an den Folgen eines Krebsleidens gestorben, nachdem er sich mit „Blackstar“ noch selbst ein Requiem komponiert hat. Bowie reißt eine Lücke, die nicht zu schließen ist. Er war, das kann man ohne jede Übertreibung so sagen, ein Jahrhundertkünstler.

Seine wichtigsten Alben

Hunky Dory, 1971

Bowies erstes durchwegs grandioses Werk. Trotz einer immensen Stil-Dichte klingt hier alles wie aus einem Guss: lupenreine Pop-Hymnen („Changes“, „Life On Mars“), ausgeflippter Folk („Andy Warhol“) und harter Rock („Queen Bitch“). Bowie hatte sich bereits mehrmals künstlerisch gehäutet, von 60er-Pop zum überdrehten Hippie. Jetzt zeigte er: Er kann eigentlich alles – und er macht es auch.

Ziggy Stardust, 1972

Bowies berühmteste Platte. Er schuf den Außerirdischen Ziggy Stardust, sein androgynes Alter Ego mit Make-up und Plateau-Stiefeln. Die Musik war stark von T.Rex beeinflusst, fortan war Bowie die Speerspitze des Glam-Rock. Ungemein einflussreich. Unvergessliche Hits hat’s hier haufenweise: „Starman“, „Sufragette City“, der Titelsong. Sowohl Punk als auch die Band Queen wären ohne diese Ursuppe undenkbar.

Station to Station, 1976

Bowie hatte die Plateauschuhe endgültig an den Nagel gehängt – und begründete spätestens hier den Ruf, dass er in den 70ern schon die Musik der 80er mache. Wie ein eiskalter Engel singt er zu avantgardistischem, trotzdem immens melodiösem Rock und Funk. Später nannte man das New Wave. Lieder wie „TVC15“ oder der Titelsong lassen einen starken Einfluss der deutschen Techno-Romantiker Kraftwerk erkennen.

Low, 1977

Der Beginn der „Berlin-Phase“ und ein radikaler Bruch mit Hörgewohnheiten. Dissonante Synthesizer treiben sich in dieser düsteren, faszinierenden Klanglandschaft herum, die Hälfte der Lieder ist ohne Gesang. Hier beginnt die Zusammenarbeit mit Brian Eno, dessen elektronische Sphärenklänge Bowie nun beeinflussten. Die und eimerweise Kokain. Die baugleiche LP „Heroes“ bescherte Bowie kurze Zeit später einen Über-Hit.

Scary Monsters, 1980

Bowies letzter Geniestreich. Wie eine Werkschau über sein 70er-Schaffen funktioniert die Platte, man besucht noch einmal Major Tom („Ashes to Ashes“), die Disko („Fashion“) und die paranoide Getriebenheit der Berliner Alben („Scary Monsters“). Noch einmal auf der Höhe der Zeit, sollte es lange dauern, bis das Pop-Chamäleon ähnlich überzeugte – bis zum dunklen Abschiedsreigen „Blackstar“ von 2016.

Von Zoran Gojic/Johannes Löhr

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