"Nackerte" posieren für Tunick im Fußballstadion

Wien - Ein Kunstwerk braucht viel Geduld, wenig Schamgefühl und muss mit Kälte umgehen können - zumindest wenn Menschen das Motiv sind. Und wenn Spencer Tunick der Künstler ist.

1840 Freiwillige kommen bei sonnigem Frühlingswetter am Sonntagmittag in das Wiener Ernst-Happel-Stadion, der Endspielarena der Fußball-Europameisterschaft, um sich für eine Kunstinstallation des Amerikaners Spencer Tunick gratis nackt auszuziehen. Bis zum Einbruch der Dunkelheit gibt der Künstler Anweisungen per Megafon oder Stadionlautsprecher und lässt die entkleideten Menschen in immer anderen Stellungen neben dem Spielfeld oder auf der Tribüne posieren.

"Wenn ich in Amerika mit Nackten in ein Stadion ginge, würden die mich sofort festnehmen", sagt Tunick. Mit seinen Aktionen mit nackten Menschenmassen, die er "Körperlandschaften" oder "soziale Plastiken" nennt, ist er schon um die ganze Welt gezogen. Die bisher größte entblätterte Menschenmenge fotografierte er mit 18 000 Freiwilligen in Mexiko-Stadt. "Ich wundere mich immer wieder über die Ausdauer der Leute", sagt er. In Österreich seien die Menschen leicht zu dirigieren und ehrlich bemüht, ein Kunstwerk zu werden.

"Ich finde Nacktheit ein gutes Prinzip", sagt ein 35-jähriger Sozialwissenschaftler aus Kiel. Nackte Haut bringt seiner Meinung nach Menschen näher zueinander. Mit Freunden hat er sich bereits im Internet für die Installation angemeldet. "Damit haben wir für den Muttertag eine gute Ausrede", sagt der 29-jährige Christoph, der sich mit seiner ebenfalls 29-jährigen Freundin Katharina ausziehen will. Unwohl ist beiden nicht - sie gehören auch zu einer Gruppe, die ohne Kleider Fahrrad fährt. "Das ist noch absurder", sagt Christoph.

"Nicht lachen", "Arme wie ein Flugzeug ausbreiten" oder "Hände an den Körper" kommandiert Tunick im Stadion. Die Menschen stellen sich auf die Sitze, beugen sich darüber oder posieren mit Fußbällen am Rande des Spielfelds. Der für die EM präparierte Rasen ist tabu, da die UEFA am Montag das Stadion offiziell übernimmt. Immer wieder muss der Künstler disziplinieren, Anweisungen wiederholen oder Störenfriede wegschicken. Dann heißt es "Don't move - nicht bewegen" und die Auslöser der Kameras klicken.

Es sind überwiegend junge Leute, die sich im Sinne der Kunst in Wien entblättern. Mit der Zeit wird die Zahl der Frauen aber immer weniger. "Die haben mehr gefroren", sagt Kunsthallen-Direktor Gerald Matt, einer der Mitorganisatoren. Auch er zieht sich für einige Fotos aus. "Nach kurzer Zeit entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, da geniert sich keiner mehr", berichtet der Kunstexperte. Einige besonders zeigefreudige Teilnehmer drehen Solorunden im Stadion oder versuchen durch Posen die Aufmerksamkeit der Medienleute - den einzig erlaubten Zuschauern - zu erregen. Eine Fernsehjournalistin und ihr Kollege lassen sich mitreißen und entledigen sich kurzerhand ihrer Kleidung, um mit aufs Bild zu kommen.

Vor dem Stadion sehen die vielen Schaulustigen das Ganze kritischer. "Wozu soll das gut sein", sagt eine ältere Frau. Für sie komme so etwas nicht infrage, ab einem gewissen Alter sollte man besser die Kleidung anbehalten. "Ah geh, lauter Nackerte im Stadion", schimpft ein grauhaariger Österreicher mit Lederweste. Aber kurz schauen würde er doch ganz gerne. "Entweder mitmachen oder draußen bleiben", wiederholt ein Ordner immer wieder. Sicher, auch Voyeurismus hat viele Interessierte zum Stadion getrieben - während der stundenlangen Aktion verliert sich dieser jedoch schnell. "Ich glaube, ich kann die nächsten Wochen niemand Nacktes mehr sehen - mit Erotik hat das bestimmt nichts zu tun", stellt ein Teilnehmer nach der Kunstaktion fest.

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