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Dunkle Wolken am Horizont: Jörg Kachelmann steht 2007 am Strand des Seebades Ahlbeck. Inzwischen hat sich das öffentliche Bild von ihm stark gewandelt.

Tut er sich damit etwas Gutes?

Nach Frau Wulff: Jetzt kommt das Kachelmann-Buch

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München - Das Gewitter um Bettina Wulff zeigt Wirkung: Die First Lady a. D. geht in Deckung. Die nächste mediale Sturmböe zieht derweil schon herauf: Jörg Kachelmann hat ein Buch geschrieben, mit seiner Frau Miriam, es erscheint im Oktober. Die Frage ist nur: Tut er sich damit etwas Gutes?

Erst hat sie mächtig Gas gegeben, nun tritt sie voll auf die Bremse: Bettina Wulff, 38, hat sich nach ihrer medialen Großoffensive einen Maulkorb verpasst: keine Interviews, keine Talkshow-Auftritte. Dafür: volle Deckung. Denn landauf, landab prasseln Häme, Spott und Kritik auf sie nieder wegen ihrer Memoiren. Auch Gatte Christian, der Altbundespräsident, ist not amused, heißt es. Immerhin: „Jenseits des Protokolls“ führt laut Media Control die Bestsellerlisten an. Der Rubel rollt.

Weiße Weste: Bettina Wulff.

Ist es das wert? War es klug, in dieser Form gegen Rotlicht-Gerüchte vorzugehen, von denen die meisten Deutschen gar nichts wussten? Muss man Liebesgeräusche im Schlafzimmer des Schlosses Bellevue erwähnen, wenn man sich von Gossen-Tratsch befreien will? Was haben Ex-Liebhaber, Ehesorgen und Paartherapien in einem Buch verloren, das angeblich der Richtigstellung dient? Es hätte ein Befreiungsschlag werden sollen. Nun sieht es nach Eigentor aus.

Urteil im Fall Kachelmann: Die Stationen des Prozesses

Urteil im Fall Kachelmann: Die Stationen des Prozesses

Demnächst soll noch ein Buch erscheinen, in dem einer versucht, die Deutungsmacht über sein Leben zurückzugewinnen. Das Werk ist streng geheim. Verleger Ulrich Genzler vom Heyne-Verlag sagte unlängst nur: Dieses Buch sei wichtig, sehr wichtig sogar. Denn es habe eine „aufrüttelnde Botschaft“. Es werde „eine längst fällige Diskussion über Recht, Gerechtigkeit und die Macht der öffentlichen Meinung“ anstoßen. Gut, die läuft dank Frau Wulff bereits, nur nicht besonders glücklich.

Der Autor des Heyne-Buches heißt: Jörg Kachelmann. Er war mal Deutschlands beliebtester Wettermoderator, erklärte der Nation nach der Tagesschau, ob es am Tag darauf „schifft“ und „suppt“. Nun will er der Nation erklären, was für ein Unrecht ihm widerfahren ist. Im Prinzip ist das wie bei Bettina Wulff. Nur war bei ihm alles noch heftiger.

Zur Erinnerung: Am 20. März 2010 wird Kachelmann verhaftet. Vergewaltigung, lautet der Vorwurf. Nach 132 Tagen U-Haft darf er wieder raus aus dem Knast, kein dringender Tatverdacht mehr. Es folgt ein spektakulärer Prozess, der die Medien spaltet. Am Ende steht der Freispruch: „aus Mangel an Beweisen“. Ein Freispruch „zweiter Klasse“, wie die Leute sagten.

Der Vorwurf der Vergewaltigung klebte immer noch an Kachelmann. Und der kochte. „Ich werde nicht die Behauptung auf mir sitzen lassen, dass ich gewalttätig gewesen sein soll“, erklärte er im Juni 2011, kurz nach dem Urteil, im „Zeit“-Interview. Viele Menschen glauben ihm das nicht – während sie Bettina Wulff immerhin abnehmen, dass sie nicht im Bordell gearbeitet hat.

Kachelmann bestreitet bis heute, seine Ex-Freundin Claudia D. im Februar 2010 mit dem Messer bedroht und vergewaltigt zu haben. Dagegen behauptet Claudia D., blonde Haare, Ende 30, Radiomoderatorin aus Schwetzingen, dass Kachelmann lügt. In einem Interview mit der „Bunten“ nannte sie den Schweizer, mit dem sie mehr als zehn Jahre zusammen war, „das Monster“. Und erklärte: „Ich hatte keine Chance gegen ihn.“

Nun also das Buch.

Der Titel: „Recht und Gerechtigkeit.“ Es erscheint am 22. Oktober. Schon im Juni 2011 hatte Kachelmann begonnen, ein Buch zu schreiben. Es sollte „Mannheim“ heißen, „als Sinnbild des Elends“. In Mannheim saß er in U-Haft. In Mannheim wurde ihm der Prozess gemacht. 43 Verhandlungstage, 30 Zeugen, zehn Sachverständige.

Kachelmann-Prozess: Die Bilder

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Irgendwann gab es Ärger mit dem Verlag. Im März 2012 berichtete der „Focus“, Hoffmann & Campe sehe von einer Veröffentlichung ab. Das Manuskript sei „offenbar zu wirr und zu wüst“. Man befürchte juristischen Streit. Der Verlag bestätigte das alles zwar nicht, erklärte aber, dass die Zusammenarbeit mit Kachelmann beendet sei.

Kurz darauf hieß es, es gebe ein neues Buchprojekt – mit neuem Verlag und neuem Titel. „Mannheim“, so hatten manche Zeitungen gemutmaßt, habe wohl zu sehr an Stammheim erinnert, jenes Stuttgarter Gefängnis, das an die RAF denken lässt.

Ach ja, noch etwas: Das Buch hatte jetzt zwei Autoren. Herrn und Frau Kachelmann. Miriam, die ihm ausgerechnet während des Prozesses das Ja-Wort gab.

Taktik? Geschickte PR à la Bettina Wulff? Der neue Verlag schreibt dazu: „Jörg und Miriam Kachelmann berichten detailliert und aus unterschiedlicher Perspektive von dem Moment der Verhaftung bis zur Urteilsverkündung und über die Zeit danach.“ Und: „Sie decken Fehler und Ungereimtheiten auf und geben erschütternde Einblicke in eine Welt, in der die Grenzen zwischen Recht und Unrecht offenbar nicht mehr existieren.“ Da stärkt also eine unbescholtene Ehefrau ihrem Gatten den Rücken – einem Macho, der nach eigener Auskunft viele Frauen „verarscht“ hat, indem er ihnen allen gleichzeitig die große Liebe schwor. Und: der wegen angeblicher Vergewaltigung vor Gericht stand.

Oliver Pocher als falscher Kachelmann

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Das Signal ist klar. Aber was will Kachelmann noch? Er ist doch längst freigesprochen, könnte man sagen. Juristisch. Aber nicht unbedingt öffentlich. „Oft ist es ja so, dass dem Angeklagten selbst beim Freispruch ein komplettes ,Reinwaschen‘ kaum möglich ist“, sagt Rechtsanwalt Carsten Becker von der Kanzlei G. G. von Geldern-Crispendorf in München. Das trifft nicht nur auf Prominente zu, aber auf die besonders. Weil das öffentliche Interesse gewaltig ist. Weil Promis und ihr Privatleben in solchen Fällen gnadenlos durchleuchtet werden.

Für Anwalt Becker sah es sogar danach aus, als wäre selbst die Staatsanwaltschaft bei Kachelmann „einem gewissen Verfolgungseifer unterlegen“ gewesen. Er findet: „In diesem Verfahren hatte man den Eindruck, dass die Staatsanwaltschaft die für den Angeklagten gewonnenen günstigen Erkenntnisse nicht genügend gewürdigt hat.“

Fakt ist auch, dass bei der Urteilsverkündung der Vorsitzende Richter durchaus Raum ließ für Spekulationen. Er sagte zwar, dass die Kammer „juristisch die richtige Entscheidung“ getroffen habe. Aber: „Befriedigung verspüren wir dadurch nicht.“ Frei übersetzt könnte das heißen: Wir mussten den Kachelmann zwar freisprechen. Nur: Ist er wirklich so unschuldig?

Ex-First Lady mit Tattoo: Das ist Bettina Wulff

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Genau dieser Makel haftet an Kachelmann – anders als bei Bettina Wulff, wo es inzwischen eher um verbale Entblößung geht. Die Frage ist, ob Kachelmann den Imageschaden mit dem Buch reparieren kann. Kaum, sagt Christiane Eilders, Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Düsseldorf: „Kachelmann ist Profi genug, um zu wissen, dass er keine weiße Weste mehr kriegt.“ Aber: Durch das Buch bekomme er Aufmerksamkeit – und könne wieder mehr in die Öffentlichkeit treten. Nur dann kann er den Leuten die Sache so erzählen, wie er sie sieht.

Aber kann so etwas klappen – bei einem, der wegen Vergewaltigung angeklagt war? Kann es nicht, hat sich Andreas Türck wohl einst gedacht. Jener TV-Moderator, der auch wegen Vergewaltigung vor Gericht stand – und auch freigesprochen wurde. Nur war Türcks Freispruch ein Freispruch „erster Klasse“. Kurz: Türck war es nicht – er hatte die junge Frau nicht vergewaltigt. Das stellte das Gericht am 8. September 2005 fest.

Trotzdem: Zwei Jahre danach sagte Türck in einem SZ-Interview: „Die Vorverurteilung, mit der ich zu kämpfen hatte, war mit meinem Freispruch noch lange nicht erledigt. Viele Menschen haben mich behandelt, als wäre ich verurteilt worden.“ Ein Buch hat Türck trotzdem nie geschrieben. Vielmehr hielt er sich mit öffentlichen Erklärungen zurück. Dabei hatte er einen Vorteil gegenüber Kachelmann: Seinen Freispruch hatte der Staatsanwalt selbst beantragt, „wegen erheblicher Zweifel an der Glaubwürdigkeit“ des mutmaßlichen Opfers. Bei Kachelmann forderte der Staatsanwalt mehr als vier Jahre.

Das waren die deutschen Bundespräsidenten

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Trotz des lupenreinen Freispruchs kehrte Türck nie mehr vor die Kamera zurück. Seine Talk-Karriere war beendet. Der einstige Publikumsliebling verbarrikadierte sich erst einmal. Viele, viele Monate später hatte er sich gefangen, sagte sogar: „Ich bin wieder auf die Beine gekommen.“ Anders, als das Bettina Wulff und Kachelmann versuchen.

Heute ist Türck erfolgreicher Internet-Unternehmer in Hamburg. Man erkennt ihn auf der Straße. Er hat Fans. Und: Die Frauen mögen ihn. Vor nicht langer Zeit erzählte er der Zeitschrift „GQ“, er sei zufrieden mit seiner zweiten Karriere. Ob ihn denn nicht manchmal die Reue ob seiner ersten Karriere erfasse? „Nein, es ist alles o.k., wie es ist. Ein Hätte-Wäre-Wenn-Typ bin ich schon mal gar nicht.“ Zurückblicken will er dennoch nicht.

Kachelmann schon. Er will zurückblicken, alles rauslassen. Im „Zeit“-Interview war von einer „Schlacht“ die Rede. Zwar sollen ihm Freunde – die wenigen, die sich noch zu ihm bekannten – geraten haben, einen Schnitt zu machen, auszuwandern, ein neues Leben anzufangen. Aber resignieren? „So weit bin ich nicht.“

Jetzt hat er also ein Buch geschrieben. Das Buch wird sich verkaufen, kein Zweifel. Es wird Geld in die Kasse spülen – was Kachelmann wohl gut brauchen kann. Schon 2011 hatte er sein Haus in Kanada zum Verkauf angepriesen, weil der Prozess so kostspielig war. Wenn Kachelmann ein Jahr nach seinem Freispruch erneut die öffentliche Bühne betritt, wird er eine Riesen-Debatte lostreten. Vielleicht wird es für ihn ein Befreiungsschlag – anders als für Bettina Wulff.

Von Barbara Nazarewska und Robert Arsenschek

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