„Ich hatte schon lange den Plan, über meine Depression zu sprechen“

Nora Tschirner: Deshalb geht sie jetzt ganz offen mit ihrer Erkrankung um

  • Armin Rösl
    VonArmin Rösl
    schließen

Nora Tschirner spricht im Interview mit unserer Zeitung über ihre eigene Depressionserfahrung und erklärt, warum sie seit Neuestem ganz offensiv mit ihrer Erkrankung umgeht.

München – Torsten Sträter tut es seit Jahren, Kurt Krömer (ebenfalls Komiker) hat es vor Kurzem in seiner Talkshow getan, die Schauspielerin Nora Tschirner („Keinohrhasen“, „Tatort“) macht es derzeit ganz offensiv: über die eigene Depressionserfahrung reden. Offen mit der Erkrankung geht auch unser Redakteur Armin Rösl um, er ist ehrenamtliches Vorstandsmitglied und Sprecher der Deutschen DepressionsLiga.

Er hat mit Nora Tschirner, die gerade in der TV-Serie „The Mopes“ eine mittelgradige Depression spielt, über Erfahrungen mit der Volkskrankheit gesprochen. Tschirner und Rösl waren vor zehn Jahren unabhängig voneinander in stationärer Behandlung.

Viele schämen sich und trauen sich nicht, darüber zu sprechen

Frau Tschirner, was waren die Gründe, Ihre Depression öffentlich zu machen?

Oberste Priorität war: Dass Betroffene damit etwas anfangen können. Wenn nur einer sagt, ich traue mich jetzt, die Scham etwas beiseite zu lassen, wäre das schon ein Gewinn. Außerdem sollen Angehörige etwas mehr Einblick bekommen. Und damit ein gesellschaftspolitischer Diskurs ins Rollen kommt – zu grundsätzlichen Fragen wie: Wie wollen wir leben? Wie groß wollen wir das Thema Depression wirklich mal angehen?

Eine Serie gegen viele Tabus: „Monika“ heißt die mittelgradige Depression, der Nora Tschirner in „The Mopes“ ein Gesicht gibt.

In Deutschland erkranken im Laufe eines Jahres rund fünf Millionen Menschen an einer depressiven Störung, man spricht von der „Volkskrankheit Depression“. Dennoch schämen sich viele und trauen sich nicht, darüber zu sprechen oder Hilfe zu suchen.

Es ist wirklich der Wahnsinn und das Stigma im Quadrat. Mich haben zum Beispiel Psychiatrie-Ärzte angeschrieben, die selber mit schweren Depressionen zu tun haben, es im Kollegenkreis aber nicht erzählen können, weil das Stigma so groß ist.

„Mein Wertesystem sieht nicht vor, Geld zu scheffeln, Karriere zu machen und Everybody’s Darling zu sein“

Wir von der Depressions-Liga haben kürzlich eine Umfrage auf Instagram durchgeführt mit der Frage: „Depression, sage ich es meinem Chef?“. 54 Prozent haben mit „Nein“ geantwortet. Sie haben jetzt öffentlich über ihre Depression von vor zehn Jahren gesprochen. Haben Sie sich vorher darüber Gedanken gemacht, ob es Konsequenzen für Ihren Job haben könnte?

Ehrlich gesagt ist mir das mittlerweile herzlich egal. Es kommt darauf an, wie man persönlichen Erfolg definiert. Mein Wertesystem sieht nicht vor, Geld zu scheffeln, Karriere zu machen und Everybody’s Darling zu sein. Ich empfinde es als totales Glück, bei der emotionalen Klassenkasse mitzuhelfen. Wenn ich morgen aufhören müsste, Filme zu drehen, wäre ich immer noch beruflich breit genug aufgestellt, andere Sachen machen zu können. Das ist natürlich ein absolutes Privileg. Ein wirtschaftliches und ein seelisches. Und dieses Privileg verpflichtet. Dass ich über dieses Thema rede, sehe ich außerdem auch als gesellschaftliche Marktforschung – wie reagieren die Leute darauf? Wie weit sind wir mit dem Thema, wo muss und kann man noch Hebel ansetzen, um im großen Stil voranzukommen?

Nora Tschirner – ihre wichtigsten Rollen

Nora Tschirner (39, geboren in Ost-Berlin) ermittelt seit Weihnachten 2013 zusammen mit Christian Ulmen als Lessing und Dorn im MDR-Tatort aus Weimar. Bekannt geworden ist sie mit der Liebeskomödie „Keinohrhasen“ (2007) von und mit Til Schweiger. Ihre schauspielerische Karriere begann 2001/2002, 2003 spielte sie an der Seite von Matthias Schweighöfer in dem Film „Soloalbum“, es folgten zahlreiche Kino- und Fernsehproduktionen. Im Kinofilm „Gut gegen Nordwind“ (2019) spielt sie die Hauptrolle. Im Laufe ihrer bisherigen Karriere wurde Nora Tschirner unter anderem mit den Filmpreisen „Bambi“ und „Romy“ ausgezeichnet.

Was raten Sie Kolleginnen und Kollegen in ähnlicher Situation?

Wenn junge Schauspielerinnen oder Schauspieler, die wirtschaftlich unter Druck stehen, mich jetzt fragen würden, ob sie mit ihrer Erkrankung transparent umgehen sollen, würde ich antworten: Überlege es dir gut, sag’ es vielleicht lieber noch nicht. Das können die Leute machen, die sicherer stehen. Wir können anderen Mut geben, die Räume öffnen und wir müssen politisch Druck machen, dass sich strukturell etwas ändert. Holt euch aber auf jeden Fall schon mal jede Hilfe, die ihr könnt. Und vor allem übt – um Himmels Willen – dieses um Hilfe fragen sehr, sehr gründlich, damit ihr es wieder erlernt.

„Ich würde für einen guten Tag immer noch eine Prise frische Luft und Bewegung hinzunehmen und irgendein Tier, das ich streicheln kann“

Hätten Sie Ihre Depressionserfahrung auch ohne die Serie „The Mopes“ öffentlich gemacht?

Ja. Diesen Plan gab es schon lange. Das anzugehen, wenn ich innerlich gefestigt genug bin und ich meine eigene psychische Gesundheit nicht aufs Spiel setze. Jetzt kam es eben mit der Serie zusammen, da war es sinnvoll, es zu tun.

Der erste Satz von „Monika“, der mittelgradigen Depression, die sie in der Serie „The Mopes“ spielen, zu ihrem Auserwählten ist: „Du bist nichts wert“.

Das ist der Grundtenor, der alle Handlungen bestimmt: „Du bist nichts wert“. Deshalb geht man oft auch gar nicht los, um sich Hilfe zu suchen. Weil man meint, es sowieso nicht wert zu sein. Aber es können auch kleine Schritte sein, die einem helfen. Auch mal zwei vor und einen zurück. Schlaue Menschen sagen, dann ist es immer noch ein Cha-Cha-Cha.

Wie beschreiben Sie das Gefühl der Depression? Comedian Kurt Krömer zum Beispiel schilderte, dass er nicht mal mehr in der Lage war, im Supermarkt einkaufen zu können. Für mich wurde Kaffeekochen zur schier unüberwindlichen Aufgabe.

Man empfindet plötzlich keinen Zugang mehr zu einer Situation. Auch nicht zu Dingen, die man eigentlich schön findet. Wie zum Beispiel am Auto rumschrauben oder mit Kindern zu spielen. Die Freude ist weg. Das Leben ist wie Fernsehen, man findet es aber nicht mehr besonders interessant – und man hat keine Fernbedienung. Für einen Tag ist das vielleicht okay, aber bei der Depression ist es im Dauerzustand. Dann ist es eine Katastrophe.

Interview per Videokonferenz: Redakteur Armin Rösl im Gespräch mit Nora Tschirner.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung einiges getan, es wird offener über das Thema Depression gesprochen. Ich glaube aber, dass es noch mindestens eine Generation dauert, bis das Tabu ganz gebrochen ist.

In den vergangenen Jahren ist viel passiert, aber nur fünf Prozent von dem, was passieren muss. Es ist immer noch so, dass viele Leute gar nicht in Therapie gehen. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern, weil sie wissen: Sie sind kassenärztlich versichert, sie sind im System und können durchs Raster fallen. Da ist vieles noch der Wahnsinn in Tüten. Es könnte aber sein, dass die Corona-Pandemie auf ganz gruselige Art und Weise uns bei einem Quantensprung in die Hände spielt: Plötzlich steht die seelische Gesundheit mehr und mehr im Fokus.

Deutsche DepressionsLiga e.V

Die Deutsche DepressionsLiga e.V. ist eine bundesweit aktive Patientenvertretung für an Depressionen erkrankte Menschen. Sie ist eine reine Betroffenenorganisation, deren Mitglieder entweder selbst von der Krankheit Depression betroffen oder Angehörige sind. Der Vorstand und die Mitglieder arbeiten ehrenamtlich an ihren Zielen Aufklärung und Entstigmatisierung, an Angeboten der Hilfe und Selbsthilfe für Betroffene und an der Vertretung der Interessen Depressiver gegenüber Politik, Gesundheitswesen und Öffentlichkeit. Schirmherr ist der Komiker Torsten Sträter. Die Internetseite lautet: www.depressionsliga.de

„Wir brauchen insgesamt, nicht nur auf Depression bezogen, ein anderes Klima“

In einer Umfrage zum Thema „Corona und Depression“ unter Mitgliedern der DepressionsLiga haben die meisten Betroffenen geantwortet, dass ihre Depression sich verstärkt hat. Einige sagen aber auch, dass die Pandemie ihr Gutes habe: Entschleunigung, weg vom „schneller, höher, weiter“ und vom Druck – insbesondere im Arbeitsumfeld.

Wir brauchen insgesamt, nicht nur auf Depression bezogen, ein anderes Klima. Wir brauchen eine neue Gefühlsmanagementkultur. Wir müssen lernen, Gefühle zuzulassen, mit ihnen umzugehen und sie zu artikulieren. Wir sind ein Entwicklungsland, was Gefühle und den Umgang damit angeht.

Frau Tschirner, was gehört für Sie zu einem guten Tag?

Sinnstiftende Tätigkeiten und Begegnungen. Ein guter Tag muss eine gute Balance haben aus verschiedenen Zutaten. Das kann ein schönes Gespräch sein oder auch ein cooler Austausch beim Einkaufen mit der Frau an der Käsetheke. Außerdem: ein gutes Zeitfenster an Gedanken über Dinge, die einem wichtig sind. Und: eine Struktur finden. Ich persönlich würde für einen guten Tag immer noch eine Prise frische Luft und Bewegung hinzunehmen und irgendein Tier, das ich streicheln kann. Zu einem guten Tag kann aber auch gehören, dass ich an einem langen, anstrengenden Arbeitstag mindestens zehn Minuten richtig guten, tiefen Zugang zu meiner Arbeit habe. Besser mehr.

Was tun Sie, damit „Monika“ Sie nicht mehr besuchen kommt?

Ich achte auf mein Belastungslevel. Und darauf, dass mein Energietank immer wieder gefüllt wird. Seit der Depression habe ich viel gelernt für mich, für meinen Energiehaushalt, für meine Achtsamkeit – es ist wie ein andauernder Workshop, der sich aber irgendwann nicht mehr anfühlt wie Nachsitzen, sondern wie ein interessantes, lustiges und sehr spannendes Studium, für das man brennt.

Depression ist behandelbar und bestenfalls heilbar. Ich empfinde ebenfalls jeden Tag als Workshop, der mal anstrengend, mal leicht ist. Im Laufe der Therapie lernt man gute Techniken, auch für die Prävention. Man kann lernen, wie man richtig reagiert, wenn dunkle Wolken aufziehen.

Man hat den Regenschirm auf jeden Fall immer im Flur stehen.

Interview: Armin Rösl 

Depressiv? Hier finden Betroffene Hilfe

Gebührenfreie Notfallnummer psychischen Notfall-Situationen: (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222

Krisendienste Bayern (Hilfe bei psychischen Krisen): (0800) 655 3000

Internet: www.krisendienste.bayern

Rubriklistenbild: © Marco Justus Schöler

Auch interessant

Kommentare