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„Die Leute hören nicht auf zu klatschen, und ich denke: Wie wunderschön, sie mögen dich noch, immer noch“, sagte Jopie Heesters einmal.

"Jopi" zum 105. Geburtstag

„Ohne Arbeit wäre ich sofort alt gewesen“

„Sagen Sie, wie lange muss ich hier noch stehen? Man ist ja schließlich keine 100 mehr!“ Das sagt Johannes Heesters in seiner Rolle als Kaiser Franz Joseph, in der er zurzeit in Hamburg auf der Bühne steht – auch heute, an seinem 105. Geburtstag.

„Wenn ich je aufgehört hätte zu arbeiten, wäre ich sofort alt gewesen“, sagt Johannes „Jopie“ Heesters über sich selbst. Wer den zerbrechlich wirkenden, fast vollständig erblindeten Herrn mit dem schlohweißen Haar dabei betrachtet, muss unwillkürlich schmunzeln: Wenn jemand der Inbegriff des wirklich hohens Alters ist, ist es sicherlich Heesters. Seinen 105. Geburtstag feiert der Sänger und Schauspieler heute, und zwar – getreu seinem Lebensmotto „Was spiele ich als nächstes?“ – auf der Bühne. Tagtäglich mimt der gebürtige Holländer zurzeit den österreichischen Kaiser im „Weißen Rössl“ in der Hamburger Komödie „Winterhuder Fährhaus“, die Dreharbeiten für den neuen Kinofilm von Til Schweiger hat er gerade abgeschlossen.

Und sofort wird klar, was Johannes Heesters, der Bonvivant der Operette, mit seiner Aussage meint: Nur die tägliche Arbeit, seine unendliche Liebe zur Schauspielerei und seine Sehnsucht nach Applaus halten ihn bei aller Gebrechlichkeit so jung, dass er das im sagenumwobenen Alter von 105 Jahren noch durchsteht. „Viele meiner Kollegen haben mit 65 gesagt: Ich hör’ auf, dann habe ich Zeit für mich“, erklärte Heesters anlässlich seines 100. Geburtstags. „Der erste Monat war dann schön, der zweite noch schöner, der dritte schon ein bisschen langweilig, im vierten bekamen sie Kopfschmerzen. Und plötzlich waren sie alle alt. Ich habe das nicht gemacht. Und ich hatte Recht!“ Arbeit sei einfach sein Leben, bekennt Heesters bescheiden, und die Bühne sein Zuhause.

Dabei hätte die Karriere des 1903 im niederländischen Amertsfoort geborenen Johannes Marius Nicolaas Heesters eigentlich ganz anders verlaufen sollen. Der Sohn eines Kaufmanns, der ursprünglich Priester werden wollte, absolvierte zunächst eine Banklehre, bevor er mit 16 Jahren bei einem Theaterbesuch seine Liebe zur Bühne entdeckte.

Und mit dem sturen Willen eines charmanten Dickschädels, der Heesters bis ins hohe Alter geblieben ist, setzte er diese Entscheidung sofort in die Tat um: Bereits ein Jahr später stand er in Amsterdam auf der Bühne, 1924 drehte er seinen ersten Stummfilm. 1934 folgte dann der Ruf an die Wiener Volksoper, dem er zusammen mit seiner ersten Frau, der belgischen Schauspielerin Louise Ghijs, und seiner ersten Tochter Wiesje folgte. Im Nu mauserte sich der gutaussehende Heesters zum gefeierten Bühnenstar – und zum Liebling der Frauen.

In zahllosen Operetten gastierte er auf allen großen Bühnen Deutschlands, Österreichs und der Niederlande. Allein seine Paraderolle, den Grafen Danilo in der „Lustigen Witwe“, mit dem er Silvester 1938 im Münchner Gärtnerplatztheater Premiere feierte, spielte der „Grandseigneur der Operette“ 1600 Mal. Frack und Zylinder, weißer Seidenschal, Handschuh und Nelke im Knopfloch sind seitdem sein Markenzeichen. Gleichzeitig entdeckte ihn der Film für sich und brachte Heesters den endgültigen Durchbruch: „Hallo Janine“ (1939) und „Illusion“ (1941) sind längst Klassiker der Filmgeschichte.

Dass ihm dieser Erfolg auch ungewünschte Bewunderer bescherte, ist der einzige Makel an Heesters Traumkarriere: Als Hitlers Lieblingsschauspieler durfte er, bis auf wenige kurze Drehverbote, während des Zweiten Weltkriegs unbehelligt arbeiten. Besonders die eigenen Landsleute nahmen das dem Niederländer später sehr übel. Vorwürfe, Heesters habe sich von den Nazis instrumentalisieren lassen, sind bis heute nicht verstummt. Heesters wehrt sich derzeit vor Gericht gegen Behauptungen, er sei bei einem Besuch mit dem Ensemble des Münchner Gärtnerplatztheaters 1941 im KZ Dachau aufgetreten. Das Urteil soll am 16. Dezember fallen.

Der Entertainer gibt indes zu, dass „ein gehöriges Maß an Selbstverleugnung nötig war“, um weiter nette Filmchen zu drehen, während um ihn herum ein grausamer Krieg tobte. Aber „wenn ich nicht (...) die Sicherheit meiner Familie gefährden wollte, wenn ich nicht alles aufgeben wollte, was ich mir in Jahren harter Arbeit aufgebaut hatte (..), dann gab es nur einen Weg: weitermachen“, begründete er später seine Haltung in seiner Autobiografie „Auch hundert Jahre sind zu kurz“.

Anders als die holländischen Fans verziehen ihm seine deutschen Bewunderer diese Einstellung, und Heesters Karriere ging ungebrochen weiter. Er erlebte mit Filmen wie „Bel Ami“ (1951) oder „Viktor und Viktoria“ (1957) große Erfolge, wurde in Musicals wie „Gigi“ (1975) als Star und Gentleman der Bühne gefeiert und ist bis heute ein Publikumsmagnet, wo immer er auftritt. Unterstützt wird „Jopie“ liebevoll von der Schauspielerin Simone Rethel-Heesters (59), die er 1992, sieben Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau, heiratete. Sie begleitet ihn zu allen Auftritten und Terminen, führt ihn zur Bühne, stützt ihn, wenn er allzu wacklig zu werden droht.

Doch in dem Moment, in dem die Scheinwerfer angehen, die Kameras sich auf ihn richten, das Publikum ihn bewundernd anschaut, ist nichts mehr zu spüren von der Gebrechlichkeit des greisen Mannes, der längst als „ältester aktiver Schauspieler der Welt“ im Guinness-Buch der Rekorde steht. Dann schmettert Heesters mit einer noch immer erstaunlich kraftvollen Stimme „Heute geh’ ich ins Maxim“, und wie vor siebzig Jahren liegen ihm die Herzen der Zuschauer zu Füßen.

„Auf der Bühne darf man sich nie Müdigkeit anmerken lassen, sondern muss arbeiten. Und ich habe immer gearbeitet“, beschreibt Heesters sein Erfolgsgeheimnis. Mit dieser Methode wurde er buchstäblich zum Jahrhundertstar – und stolze hundertfünf.

Melanie Brandl

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