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Ist Oscar Pistorius überhaupt schuldfähig?

Eigentor der Verteidigung?

Pistorius kommt in ambulante Psychiatrie

Pretoria - Der des Mordes angeklagte Paralympics-Star Oscar Pistorius wird einen Monat lang als Tagespatient in einer psychiatrischen Klinik untersucht, um die Frage seiner Schuldfähigkeit zu klären.

Oscar Pistorius sieht sich als Opfer. Weinend, schluchzend, stammelnd, zuweilen fast jammernd beteuerte er immer wieder, wie sehr er seinen „tragischen Irrtum“ bedauert. Aber das einstige Sportidol Südafrikas will nicht als unzurechnungsfähig gelten. Nie sprach er davon, dass er für die tödlichen Schüsse auf seine Freundin Reeva Steenkamp nicht verantwortlich sei. Nun aber hat ihn die scheinbar besonders ausgebuffte Strategie seines eigenen Verteidigers in eine brisante Lage gebracht: Pistorius wird auf Antrag der Staatsanwaltschaft und Anordnung des Gerichts einen Monat lang intensiv in der Psychiatrie untersucht.

Kommen die Experten zu dem Ergebnis, der 27-Jährige sei bei der Tat unzurechnungsfähig gewesen, muss der Mordvorwurf fallen gelassen werden. Zu keiner Zeit aber zielte Pistorius auf eine Einstellung des Verfahrens wegen Unzurechnungsfähigkeit. Denn in diesem Fall können dem lebenslustigen, ehrgeizigen Profisportler auch viele Jahre in der geschlossenen Psychiatrie drohen. Bescheinigen die Wissenschaftler Pistorius aber volle Schuldfähigkeit, wird der Verteidiger kaum auf mildernde Umstände plädieren können.

Pistorius' Glaubwürdigkeit beschädigt

Genau diese Absicht der Verteidigung aber hatte nach 30 Verhandlungstagen die unerwartete Wende in diesem Indizienprozess eingeleitet. Zunächst wurde die Glaubwürdigkeit von Pistorius im tagelangen Kreuzverhör des unerbittlichen Staatsanwalts Gerrie Nel beschädigt. Der früher selbstbewusste, erfolgsverwöhnte Publikumsliebling beschrieb sich selbst als psychisches Wrack, den Schlaflosigkeit und Alpträume plagten, der Antidepressiva nehmen müsse.

Aber er verwickelte sich - wenn auch meist nur in Detailfragen - in Widersprüche, präsentierte Ungereimtheiten und leicht unterschiedliche Darstellungen der Abläufe dieser dramatischen Nacht zum Valentinstag 2013. Spürbar wuchsen in der Öffentlichkeit Zweifel an der ohnehin fast unglaublichen Geschichte des Sportstars, dessen spektakulärer Prozess täglich auf mehreren Fernsehsendern live übertragen wird. Rechtsprofessor James Grant (Wits Universität Johannesburg) sprach von einem „erheblichen Schaden“, den Pistorius für sich selbst als Zeuge angerichtet habe.

Gutachterin bescheinigt Pistorius "Angststörung"

Offenbar als Reaktion darauf bat Verteidiger Barry Roux die Psychiaterin Merryl Vorster Anfang Mai, Pistorius zu begutachten. „Die Verteidigung glaubte, ihre Strategie etwas ändern zu müssen“, analysierte der Rechtsexperte Ulrich Roux. Zweimal traf die renommierte Professorin den 27-Jährigen. Als Zeugin der Verteidigung bescheinigte sie ihm dann eine besonders große Angst vor Kriminalität und eine „intensive Angststörung“, die sein Handeln in der Tatnacht stark beeinflusst haben könnte.

Damit schien die Verteidigung einen weiteren Beleg für ihre These zu haben, Pistorius habe in Panik gehandelt, er hätte nie eine Tötungsabsicht und schon gar keine gegenüber seiner Freundin gehabt. Staatsanwalt Gerrie Nel reagierte mit einem unerwarteten Schachzug. Er beantragte die psychiatrische Untersuchung und überzeugte damit die Richterin. „Das war sehr klug“, meint der Rechtsexperte Karthy Govender (Universität von KwaZulu-Natal). Denn ohne ein psychiatrisches Gutachten wären auch die Gefahren einer Urteilsanfechtung und eines Berufungsverfahrens gewachsen. „Dieses Risiko wollte Nel nicht eingehen“, so Ulrich Roux.

Nun wird es ein gemeinsames Gutachten von drei Psychiatern und einem klinischen Psychologen geben. Es könnte durchaus die bereits diagnostizierte „Angststörung“ bestätigen - und Pistorius dennoch für voll schuldfähig erklären. Schon Vorster hatte betont, dass der Angeklagte trotz aller Ängste als zurechnungsfähig angesehen werden müsste. Schließlich haben in Südafrika mit seiner verheerenden Gewaltkriminalität viele Millionen Menschen eine besonders große Alltagsangst.

Eigentor für die Verteidigung?

In diesem Mordprozess geht es nicht um die Frage der Tat, sondern nur um die der juristisch relevanten Schuld, der strafrechtlichen Verantwortung. Die psychiatrische Untersuchung bringt vor allem für die Verteidigung Unsicherheiten. „Alle möglichen neuen Aspekte“ über Psyche und Verhaltensmuster des Angeklagten könnten ans Licht kommen, betont Govender.

Die Studie habe auch das Potenzial, die Glaubwürdigkeit von Pistorius weiter zu erschüttern. Deswegen habe Roux eine psychiatrische Studie verhindern wollen, so der Rechtsprofessor. Immerhin muss der unterschenkelamputierte Sportler die Richterin davon überzeugen, dass er in jener Nacht zum 14. Februar 2013 seine Freundin wirklich nur aus Versehen erschossen habe, weil er einen Einbrecher hinter der Toilettentür vermutete. Je labiler, unberechenbarer oder gar latent aggressiver Pistorius beschrieben werden würde, desto geringer sind seine Chancen, dass man ihm glaubt.

dpa

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