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Helmut Dietl wird am Sonntag 70 Jahre alt - und ist ein furchtbarer Geburtstagsmuffel.

Kult-Regisseur im Interview

Helmut Dietl zum 70.: Ein Preis fehlt im Regal

München - Der Regisseur Helmut Dietl spricht in einem Interview über seinen 70. Geburtstag, seine Filme, die Lola für sein Lebenswerk, die Religion und seine Krebserkrankung. Und er verrät, welchem Preis er nachtrauert.

Update vom 30. März 2015: Er erschuf den Monaco Franze und die Münchner Gschichten: Helmut Dietls Serien sind Kult. Jetzt starb der Regisseur in München, er wurde 70 Jahre alt.

„Nein, Sie stören nicht“, sagt Helmut Dietl am Telefon. „Aber ich fürchte, Ihr Anliegen stört mich schon.“ Denn Geburtstagsinterviews mag der Münchner Filmemacher ebenso wenig wie die Geburtstage selbst. Die versucht er zu vermeiden – so gut es eben geht. An diesem Sonntag wird der Mann, der uns so wunderbare Serien wie „Monaco Franze“, „Kir Royal“ oder die „Münchner Geschichten“ beschert hat, also 70.

„Ein trauriger Geburtstag für einen der witzigsten Menschen Bayerns“, schreibt der BR teilnahmsvoll auf seiner Homepage. Doch so traurig wirkt der Dietl beim exklusiven Treffen mit der „tz“ in einem Schwabinger Café gar nicht. Ganz im Gegenteil: Im hellen Leinenanzug flaniert er daher, das dichte Haar elegant zurück frisiert, den Bart sorgfältig gestutzt. Er schaut mehr nach Cappuccino auf einer italienischen Piazza und angegrautem Stenz als nach Krebs und 70 aus. Und ja, er ist sogar bereit über seinen Geburtstag zu reden.

Warum um Himmels Willen sind Sie so ein Geburtstagsmuffel?

Es ist vermutlich ein Defekt aus der Kindheit, weil ich mir da die wunderbarsten Dinge unter Geburtstag vorgestellt hab’, und nix war’s. Ich mein’, deprimiert war ich immer schon, auch als Kind, aber dass da nichts von all dem passiert ist, was ich mir ausgemalt hab’, hat mich ganz besonders traurig gemacht.

Ihre Eltern haben in dieser Hinsicht also versagt?

Mein Vater war sowieso ein Komplettausfall, und meine Mutter hatte zu tun. Die musste arbeiten. Also ist am Geburtstag nichts gemacht worden.

Wie haben Sie später gefeiert?

Ich erinnere mich an keinen besonders schönen Geburtstag. Ich bin oft irgendwo hingefahren, wo man mich nicht erreicht hat. Als ich jung war, war das ja kein Problem, da gab’s ja kein Handy.

Am Sonntag aber werden Sie nicht fliehen, oder?

Ich muss mich der Mehrheit beugen, und deshalb werden wir in der Familie, mit Kindern und Enkelkindern ein Mittagessen machen. Ein Mittagessen hat den Vorteil, dass man nicht so leicht in die Stimmung kommt, eine Rede halten zu müssen. Das ist was ganz Furchtbares. Wobei es Leute gibt, wie meine Frau und meine bald elfjährige Tochter, die ihre Geburtstage lieben. Meine Frau Tamara hat es doch tatsächlich fertig gebracht, ihren 50. drei Tage lang zu feiern.

Sie haben erst vor wenigen Wochen die Lola, den Deutschen Filmpreis, für Ihr Lebenswerk bekommen. Was haben Sie gedacht, als Sie von der Ehrung erfahren haben?

(Pause.) Ich bin gerade am überlegen, ob ich Ihnen jetzt die Wahrheit sagen soll oder nicht.

Wenn ich die Wahl habe, dann nehme ich die Wahrheit.

Na ja, die Iris Berben, die ich schon sehr lange kenne, hat mich angerufen und eigentlich gar keinen Widerspruch geduldet. Sie hat gesagt: „Du bist einstimmig gewählt worden, und das machst du jetzt“ – und dann hat’s aufgelegt. Ich war vollkommen verdattert. Mein erster Reflex ist ja immer, nein zu sagen.

Im Allgemeinen?

Nicht generell, aber bei solchen Festivitäten. Da hab’ ich immer das Gefühl, dass ich dafür nicht geeignet bin.

Wer hat Sie schließlich umgestimmt?

Meine Frau. Wir haben ein paar Auseinandersetzungen gehabt. Erst ging’s um den Smoking. Weil meiner war viel zu groß, nachdem ich fast 20 Kilo abgenommen hab’. Und einen Neuen kaufen wollt’ ich nicht. Da haben wir mindestens drei Wochen drüber gestritten, bis mir dann eingefallen ist, dass ich ja auch hier in Schwabing einen leihen kann. Und das hab’ ich dann gemacht. Also: Es war eine etwas langwierige Entscheidung, weil’s mir vor ein paar Wochen einfach noch nicht so gut ging.

Sie schauen jetzt aber prima aus…

Ach, als Frau wissen Sie das doch. Man ist nie so recht mit sich selbst zufrieden. Als ich mir die Aufzeichnung der Gala angeschaut hab’, dachte ich: Wer ist denn das? Der schaut ja furchtbar aus!

So ein Unsinn!

Ja, es wird behauptet, dass das nicht stimmt. Aber es stimmt nicht, dass das nicht stimmt.

Hatten Sie vor der Preisverleihung Lampenfieber?

Ich hatte ein wenig Scheu, weil ich nicht wusste, wie mich das Akademiepublikum aufnimmt. Aber während ich zur Bühne ging, hab’ ich gemerkt, wie die Leute für Standing Ovations aufgestanden sind, und dann ist die ganze Angst von mir abgefallen. Das hat mich enorm getragen. Nachträglich muss ich sagen, meine Frau hat schon Recht gehabt, mich zu überreden.

Wo steht die Lola jetzt?

Ich hab’ ja so viel Preise, die stehen alle in einem Regal, das vom Boden bis zur Decke reicht. Nur der eine nicht, den ich so gern gehabt hätte.

Sie meinen den Oscar?

(Lacht.) Ja, genau der.

Trauern Sie dem ernsthaft nach?

Ja, wissen’S, ich war so nah dran. Nur wer die Eigenarten des amerikanischen Systems kennt, weiß, wie schwierig das ist, so weit zu kommen. Allein für den Oscar nominiert zu werden, ist ein ganz schöner Kampf. Jeder Nominierte bekommt dann einen Mentor zur Seite gestellt. In meinem Fall war das Saul Zaentz, der so Filme wie „Amadeus“ oder „Einer flog über das Kuckucksnest“ produziert hat. Ein toller alter Mann, und der hat mir das ganze Prozedere erklärt und gesagt: „Die Chancen für deinen Film ,Schtonk!‘ stehen gut, aber das Problem ist, dass der Franzose, der den Konkurrenzfilm gemacht hat, die Catherine Deneuve nach Amerika holen will. Und wenn die wirklich kommt, dann kriegt’s der französische Film.“ – Und so war’s auch.

Klingt nach einer großen Enttäuschung…

Ja, und trotzdem war’s ein toller Abend. Er gehört zu den Erinnerungen, die ich gern hab’ – trotz allem. Da bin ich Federico Fellini begegnet. Er war schon sehr krank. Seine Frau war bereits zum Wagen gegangen, und er stand am Straßenrand, gestützt von Marcello Mastroianni, der ihn zum Auto geführt hat. Ein Bild, das sich mir ins Gedächtnis eingebrannt hat.

War denn die Arbeit an „Schtonk!“ die spannendste für Sie?

„Schtonk!“ war insofern für mich interessant, weil es mein erster Kinofilm war. Ich hatte ja große Angst davor und hab’ mir das nicht zugetraut.

Warum?

Weil’s beim Kino um viel mehr geht. Wenn du mit dem ersten Kinofilm einen wirklich großen Erfolg hast, dann hast du’s geschafft. Wenn der aber nicht hinhaut, kann’s dir passieren, dass du lebenslänglich zu Fernsehen verurteilt bist. (Lacht.) Oder gar keinen Job mehr kriegst.

Wie konnten Sie es sich leisten, nur alle fünf Jahre etwas fürs Kino oder Fernsehen zu machen?

Da hab’ ich frühzeitig eine ganz gute Entscheidung getroffen. Ich hab’ zwischendurch Werbung gemacht, und davon hab’ ich gelebt. Man hat da gut verdient. Dieses „Fuck-You-Money“, wie Billy Wilder es mal so schön nannte, hat es mir ermöglicht, nur das zu machen, was ich will.

Und „Schtonk!“ wollten Sie unbedingt machen. Haben Sie bei den Dreharbeiten schon gespürt, dass Ihnen da ein großer Wurf gelingt?

Sagen wir mal so: Ich hab’ nie geglaubt, dass ich was Schlechtes mach’. Ich hab’ nur befürchtet, dass es die Leute vielleicht nicht sehen wollen. Aber ich hatte hohe Ansprüche an diesen Film, weil ich ihn wirklich gut machen wollte.

Klingt nach einer spannenden Zeit…

Spannend ist ja an sich eher positiv besetzt. Beim Filmemachen war jeder Drehtag eher von einer gewissen Angst geprägt: Kann ich das? Mach’ ich das richtig? Also eine wirkliche Freude war’s nicht.

Erstaunlich, dass Sie trotz Ihrer Erfolge so von Zweifeln geplagt werden. Wo Sie doch unbestritten ein genialer Filmemacher sind ...

Das wissen die anderen oder glauben, es zu wissen. Das Wissen um das, was man macht, ist beim Macher am geringsten. Bei mir war es eine komische Mischung aus Hybris einerseits und einer Versagensangst andererseits.

Aber irgendetwas in Ihnen sucht und meistert ja diese Herausforderung.

Ja, das ist mein Überlebenswille. Der ist bei mir offenbar ganz stark ausgeprägt. Ich weiß sogar, wie der entstand. Ich hatte gerade mein Abitur gemacht, war ausgezogen und lebte in einem winzig kleinen Zimmer in der Herzogstraße. Ich hatte bis dahin versucht, bei allen möglichen Leuten anzuheuern, um Geld zu verdienen. Ich war der festen Überzeugung, ich brauch’ diese Leute. Aber nix lief richtig. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich auf meinem zerschlissenen Sofa saß und mir gesagt hab’: Jetzt musst du umdenken. Ich denke jetzt nicht mehr, ich brauch’ die anderen, sondern die anderen brauchen mich. Und so komisch das klingt: Ab diesem Augenblick ging’s bergauf. Offenbar bin ich danach ganz anders aufgetreten.

Schauspieler, die mit Ihnen gearbeitet haben, sagen, dass Sie sehr pedantisch sind ...

Ja, das stimmt.

Dass Sie aber auch einen liebevollen Umgang mit ihnen pflegen.

Auch das ist richtig. Diese Liebe war natürlich auch immer von einer gewissen Strenge geprägt. Ich war immer sehr diktatorisch. Egal bei wem. Bei „Rossini“ war das besonders schwierig, weil da viele Tiger im Käfig waren. (Lacht.) Aber ich hab’ von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, wer die Peitsche in der Hand hält. Und siehe da: Es ging prima.

Können Sie denn cholerisch sein?

Ja, sehr, aber ich versuche das weitgehend zu unterdrücken. Das fällt mir bei Schauspielern nicht so schwer, weil ich sie tatsächlich mag. Sie sind für mich besonders wichtig. Ich hab’ nie jemanden beschimpft und gedemütigt.

Wodurch zeichnen sich Ihre Arbeiten aus?

Wenn man meine Filme anschaut, dann sieht man: Da schreibt einer über sich selber. In all den Figuren ist ein Teil von mir drin. Anders könnt’ ich es auch gar nicht machen. Ich hab’ ja immer nur meine eigenen Stoffe verfilmt. Komischerweise bin ich an der Fiktion anderer Leute nicht interessiert. Das ist mir langweilig. Das ist kein unerhebliches Problem, weil man auf diese Weise wirklich nur alle fünf bis sechs Jahre einen Film machen kann.

Was, glauben Sie, ist Ihr größtes Talent?

Ich weiß es nicht, weil ich hab’ ja nix gelernt. Aber was ich sonst nicht hab’, nämlich Geduld, das hab’ ich beim Drehen im hohen Maße. Da hab’ ich eine Geduld, über die ich selbst erstaunt bin.

Zuletzt haben Sie an einer Geschichte gebastelt, die Sie mit dem österreichischen Kabarettisten Josef Hader realisieren wollten …

Ja, den habe ich bei einem Urlaub in Elmau im Fernsehen in „Die Aufschneider“ gesehen. Das war urkomisch. Und mit einem Mal wusste ich, den will ich haben. Wir haben uns in München und Wien getroffen. Mit dem Hader verstehe ich mich so gut – besser als mit mir selber. Jetzt ist leider die Krankheit dazwischen gekommen...

Ein Karzinom, das zwischen Luft- und Speiseröhre sitzt. Sie haben sich seit der Diagnose im Oktober vergangenen Jahres nicht operieren lassen, oder?

Nein, ich hätte mich sowieso nicht operieren lassen, aber mein Karzinom konnte man ohnehin nicht wirklich operieren, weil es so kritisch positioniert war. Auch Chemo und Bestrahlung und das alles wollte ich eigentlich nicht.

Trotzdem haben Sie sich letztlich dafür entschieden. Warum?

Nach vielen Gesprächen, die ich mit Fachärzten in ganz Deutschland geführt habe, hatte ich das Gefühl, dass ich das Warten auf den Tod, was ich ursprünglich vorhatte, nicht durchhalte. Das hätte nicht meinem Charakter entsprochen. Ich bin gewöhnt, irgendetwas zu tun. Und natürlich hat auch die Familie eine wichtige Rolle gespielt.

Haben Sie die Therapie ganz gut vertragen?

Ich hab’ alle Nebenwirkungen und Probleme mitgenommen, über die mich die Ärzte im Vorfeld aufgeklärt haben. Aber so stark abgenommen hab’ ich vermutlich nicht wegen des Karzinoms, sondern weil man das Zeug im Krankenhaus nicht essen konnte.

Hat sich Ihre Einstellung zum Leben seit der Diagnose verändert?

Ich weiß noch nicht genau. Ich hab’ dem Leben immer schon nicht recht getraut, und das ist jetzt nicht besser geworden. Ich bin ein bisschen orientierungslos, aber das war ich vorher auch schon.

Sind Sie gläubig?

Nein. Aus irgendeinem Grund hat man mich taufen müssen, und sobald ich konnte, bin ich aus der Kirche ausgestiegen. Was wir hier haben, ist eine religiöse Bürokratie, eine Institution, die Geld scheffelt.

Machen Sie sich Gedanken darüber, was bleibt, wenn man geht?

Darüber mach’ ich mir keine Gedanken. Es wird ein paar Filme und Serien von mir geben, die sie wiederholen bis sie so alt sind, dass sie keiner mehr sehen will. Ich weiß nur, dass ich gern verbrannt werden möchte. Und meine Asche solln’s im Kleinhesseloher See im Englischen Garten verstreuen. (Lacht.)

Geht das?

Wahrscheinlich nicht, aber das würde mir gefallen. Ich finde, begraben zu werden hat etwas Ungutes. Man weiß ja, wie die Leute danach ausschauen.

Sie selbst meiden Beerdigungen…

Das stimmt. Das letzte Mal war ich im Dezember 1976 zur Beerdigung meiner Mutter auf dem Friedhof. Da war ich komplett durcheinander. Ich sehe heute noch die schwarz bekleideten Leute vor mir, wie sie den Weg entlangzogen. Ich fand’s furchtbar. Danach bin ich auf keine Beerdigung mehr gegangen. Ich überleg’ mir sogar ernsthaft, ob ich auf meine eigene gehen soll. (Lacht.)

Haben Sie Angst?

In diesem Fall sag’ ich gerne: Ich hab’ keine Angst vorm Tod, ich hab’ nur Angst vorm Sterben. Natürlich kann man das mit Morphium erleichtern, aber schön wird’s sicher nicht.

Das Gespräch führte Astrid Kistner.

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