Beben im britischen Königshaus: Nach Missbrauchsvorwürfen - Prinz Andrew legt öffentliche Ämter nieder

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Reinhold Messner wird 75 und sagt, dass er viel Glück im Leben hatte. 

Interview mit Reinhold Messner

„Nur Verzicht kann die Welt retten“ 

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Reinhold Messner wird 75: Grund genug für ein Gespräch – über Greta Thunberg, Wein für hundert Jahre und aktuelle Pläne. 

Sigmundskron –  Reinhold Messner wird 75 Jahre alt. Er ist der berühmteste Abenteurer der Welt, er bestieg die höchsten Berge, durchquerte (Eis-)Wüsten. Außerdem war und ist er Politiker, Schriftsteller, Regisseur, Bauer, Unternehmer, Museumsgründer. Wir trafen ihn auf Schloss Sigmundskron bei Bozen zum Interview.

Kompliment, Herr Messner: Noch immer, mit bald 75, wallt das Haar.

Das sind die Gene, schon meine Mutter hatte feste Haare. Und es ist die Kälte, der Regen, die Natur. Haar ist auch eine gute Isolation gegen die Sonne. Aber ich muss jetzt mal wieder zum Friseur.

Sie geben den Leuten Halt, weil Sie einen Wiedererkennungswert haben.

Den habe ich auch, weil ich viele Vorträge gehalten und mich daher viele Menschen selber gesehen haben. Eigentlich meide ich die Öffentlichkeit, weil ich sonst Selfies machen muss, doch hier auf Sigmundskron habe ich einen Auftrag. An manchen Abenden halte ich Gespräche vor einer Feuerschale ab, die Leute kommen einfach, sitzen, liegen, essen auf der Wiese, reden mit mir. Es ist die Urform des Erzählens.

Spüren Sie das Alter?

Der Körper funktioniert nicht mehr wie früher, ich kann nicht mehr so schnell bergauf gehen. Heute steigen Frauen Mitte zwanzig einfach an mir vorbei. Andererseits: Neulich ist eine gute amerikanische Kletterin eine Route von Alexander Huber in der Westlichen Zinne geklettert, sie fand aber nicht mehr runter und musste sich telefonisch von ihm lotsen lassen. Diese Tour gehe ich heute noch, zwar nicht mit den Händen in den Hosentaschen, aber in zwei Stunden komme ich da runter. Ich habe keine Schäden, dass ich etwas nicht mehr machen könnte. Mit meinem Sohn war ich gerade im Himalaya, da gab es fünf Wochen keinen Alkohol, simpelste Küche, und man schlief im Zelt auf dem Boden. Ich würde mich unwohl fühlen, wenn ich wüsste, ich kann das nicht mehr.

Gönnen Sie sich Genuss?

Daheim trinke ich nicht nur Wasser.

Sie sind in verschiedensten Rollen bekannt geworden, haben sich im Leben immer neu erfunden. Jetzt machen Sie Filme.

Das kann ich bis 100 machen, wenn ich will. Ich werde es aber nicht machen, denn irgendwann ist die Lust, dreißig Leute herumzukommandieren, nicht mehr da. Vielleicht schreibe ich noch einen Roman. Immer wenn ich merke, es gibt keinen Weg des Weiterkommens, fange ich etwas Neues an. Ich brauche dann fünf bis zehn Jahre, um mein Maximum zu erreichen. Ich hoffe, immer etwas zu finden, das mich länger trägt. Es geht darum, Ideen im Hier und Jetzt umzusetzen. Während dieses Tuns passiert gelingendes Leben. Und genau das, was Glück ist. Die Menschen täuschen sich, wenn sie meinen, irgendwas tun zu müssen, um glücklich zu werden. Am Lebensende auf etwas zurückzublicken, verschafft kein Glücksgefühl. Das steht nur in den Glücksbüchern, die alle Humbug sind.

Sie hatten Glück im Leben?

Ja, ohne Glück überlebt kein Spitzenbergsteiger, jeder Zweite ist zu Tode gekommen. Und ich hatte das Glück, zur Abenteurer-Generation schlechthin zu gehören, zur ersten Generation, die ihr ganzes Leben lang Expeditionen machen konnte. Sie wurden durch moderne Transportmittel weniger aufwändig und durch den freien Markt finanzierbar, ich konnte in Serie auf Tour gehen.

Wäre nicht jetzt die bessere Zeit für Sie, in die Politik zu gehen? Sie waren es ja schon, von 1999 bis 2004 als parteiloser Abgeordneter der Grünen-Fraktion im Europaparlament.

Ich habe das fünf Jahre dem Daniel Cohn-Bendit zuliebe gemacht – und weil ich mir das Fersenbein zertrümmert hatte und Invalide war. Aber es war nicht nach meinem Geschmack. Wenn ich in der Früh um fünf, halb sechs nach München gefahren bin, um von dort nach Brüssel zu fliegen, habe ich mich oft gefragt: Was tue ich da? Ich war es gewohnt, um ein Uhr nachts mit der Stirnlampe aufzubrechen und es zu genießen, wenn das erste Licht kam. So war es wie in einen schwarzen Tunnel hinein. Darüber hinaus waren mir die Grünen zu fundamentalistisch, ich bin ein liberal denkender Grüner, war nahe daran, zu den Liberalen zu wechseln.

Umweltthemen, für die auch Sie eintreten, stehen nun aber ganz oben auf der Agenda.

Es ist sicher ein guter Gedanke, dass ältere Herrschaften in die Politik gehen und mit ihrer Lebenserfahrung was zu sagen haben. Aber ich bin zu alt dafür. Das klingt egoistisch: Mich betrifft das nicht mehr. Die nächsten zehn Jahre wird es noch einigermaßen überlebbar sein.

Aber es wird schlimmer?

Die Berge leiden unter der globalen Erwärmung mehr als normale Breiten. Als ich im Himalaya war: Ein Meter tiefer, fauler Nassschnee, da geht der ganze Hang runter. Oder was ich kürzlich am Montblanc sah: Die Murmeltiere wissen nicht mehr, wo sie ihre Höhlen graben sollen, die Pflanzen kommen der Geschwindigkeit der Erwärmung nicht mehr hinterher. Es geht jetzt so schnell wie offensichtlich noch nie. Und daran sind nicht die Bergsteiger schuld, auch nicht die 500, die parallel auf den Everest gehen. Der Bergsteiger selbst ist der sauberste Mensch der Welt. Er schnauft nur und hat ein Kocherl, in dem er den Schnee schmilzt. Die Ballungszentren und die Industrie bestimmen das Klima durch ihren Energieverbrauch.

Hoffen Sie denn nicht auf Greta Thunberg?

Es ist ganz nett, dass ein Kind das macht. Aber wenn sie 25 wird, selber in die Politik geht und Ministerpräsidenten wird – macht sie dann so weiter? Das wäre eine Kunst. Wenn man ökologische Themen vertritt, verliert man Stimmen. Die Leute wollen einen immer noch höheren Lebensstandard, sie sind auf Konsum gepolt. Wenn wir aus unseren großen Problemen rauswollen, geht das nur über Verzicht. Er müsste aber ein positiver Wert sein, Nicht im Sinne von: Ich armer Teufel muss verzichten, weil ich finanziell benachteiligt bin. Nein, man müsste sagen können: Ich habe das Glück, verzichten zu können, um die Welt zu retten. Eure deutsche Kanzlerin lebt das eigentlich gut vor, sie ist die Bescheidenheit schlechthin. Nordländer sind protestantischer, im Protestantismus ist der Verzicht enthalten. Im Süden funktioniert er nicht.

Insgesamt keine guten Perspektiven für die Welt?

Die Weltlage ist schlimm, ähnlich wie vor dem Ersten Weltkrieg. Nun haben wir siebzig Jahre keinen Krieg, das ist eine Errungenschaft der EU. Doch es fängt wieder an, dass die einen nach Moskau, die anderen nach Washington schielen. Alle suchen einen Sicherheitsgaranten.

Was ist Ihre Sicherheit?

Im Notfall ist meine Familie Selbstversorger. Wir sind auch Bergbauern, können alles selbst produzieren: Brot, Fleisch, Gemüse, Obst, und wir haben Wein für die nächsten hundert Jahre. Das alles ist mir lieber als Versicherungen oder Geld auf der Bank. Es kann dann nur passieren, dass es Bürgerkrieg gibt und junge Horden mit Gewehren mir den Weinkeller leersaufen.

Wäre Ihnen Nachruhm wichtig?

Nein. Ich habe eine Stiftung, um Bergvölkern zu helfen, die wollte ich mit 75 aufgeben. Doch die Leute sind so unvorstellbar arm, sie leben teils wie zu Ötzis Zeiten, sodass ich weiter die Lehrer bezahle, damit sie Schreiben, Rechnen und Englisch lernen. Sonst werden sie zu Sklavendiensten verpflichtet. Wenn sie sich ausdrücken können, können sie sich besser wehren. Um meinen Ruhm kann es dabei nicht gehen.

Was denkt Reinhold Messner über den Tod?

Solange jemand da ist, der den Verstorbenen im Gedächtnis behält, lebt der ja weiter. Wichtig für uns ist, dass wir die Toten bestatten, das wurde schon in alten Kulturen vor 40 000 Jahren gemacht. Für mich als Skeptiker ist klar, dass alle Götter der menschlichen Phantasie entspringen, doch das muss nicht heißen, dass es nichts Göttliches gibt. Wir lösen uns in Zeitlosigkeit auf, in Unendlichkeit.

Interview: Günter Klein

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Reinhold Messner steht zu seinem Alter und hat akzeptiert, dass nicht mehr alles geht. Der ehemalige Extrembergsteiger sieht das Älterwerden locker

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