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Ruth Drexel als Detektivin Agathe, die bayerische Miss Marple.

Ruth Drexel: Stiller Tod mit 78 Jahren

Feldkirchen - Ihre bekannteste Rolle: die "Maaama" des Bullen von Tölz. Doch auch alle großen Bühnen der deutschen Theaterlandschaft bereicherte sie mit ihrem Talent. Jetzt ist Ruth Drexels letzter Vorhang gefallen. Sie starb mit 78 Jahren.

Schon im März 2007 hieß es: Ruth Drexel ist schwer krank, sie braucht eine Pause von Dreharbeiten. Doch im darauffolgenden Herbst war die Schauspielerin wieder fit genug, um weitere Folgen für die Sat1-Serie "Der Bulle von Tölz" zu drehen. Im August 2008 stand sie mit Ottfried Fischer sogar am spanischen Ballermann vor der Kamera. Denn nicht nur Kollege Fischer fand: "Ohne Ruth Drexel, ohne die Resi Berghammer, ist das, was den Bullen von Tölz wesentlich ausgemacht hat, nicht mehr da." Doch jetzt war die Krankheit stärker als die g´standne Ruth. Sie starb mit 78 Jahren, völlig abgeschieden von der Öffentlichkeit. Sie wurde im engsten Familienkreis auf dem Friedhof in Feldkirchen beerdigt.

Ruth Drexel - Ein Nachruf

Wie wird sie uns im Gedächtnis bleiben – die Ruth Drexel? Denn bleiben wird sie, auch wenn sie am Donnerstag (26. Februar) nach langer Krankheit für immer von uns, ihrem Publikum, gegangen ist. Unglaublich vielgestaltig war die bayerische Schauspielerin, Regisseurin und Theaterprinzipalin. Wer sie erlebt hat, ob auf oder hinter den Brettern, die die Welt bedeuten, ob im Fernsehen oder Film, musste glauben: Das ist ein Geschöpf – nur und ganz allein aus der Bühne geboren, so körperlich, seelisch und geistig war Drexel mit ihrem Metier, dem Komödiantentum, verwoben. Natürlich hat sie neben zahllosen anderen Preisen auch den Theaterpreis des Münchner Merkur erhalten.

Ihr Leben in Bildern

Ruth Drexel: Ihr Leben in Bildern

Aber die Drexel war nicht einfach ein Geschöpf jener Traumwelt, sondern eine g’standne Frau. Schauspielerei, Inszenieren, Intendantin-sein waren für sie solide Arbeitsbereiche. Freischwebende Kunst war ihr wurscht. Sie horchte auf ihren Kunstverstand, der manchmal die Zuschauer auch politisch herausforderte, sie hörte zugleich auf ihr Publikum und nahm es immer ernst. Respekt: Den spürte jeder, selbst wenn sie in schwachen Stücken oder TV-Sendungen mitspielte. Diese Künstlerin brachte eine Qualität mit, die Nur-Fernseh-/Filmschauspieler nicht haben – einen ganz besonderen Draht zum Zuschauer. Deswegen wurde Ruth Drexel geliebt und verehrt. Man fühlte sich bei ihr aufgehoben.

Eine Gesamtbayerin, die ihre Landsleute gekannt hat

Im niederbayerischen Vilshofen wurde sie am 12. Juli 1930 geboren, wuchs jedoch im Chiemgau (Trostberg) auf. War also gewissermaßen eine Gesamtbayerin, die ihre Landsleut genau gekannt hat. Das Bairisch-Barocke und das Bairisch-Rebellische hatte sie in den Genen. Die führten sie nach ihrer Ausbildung an der Münchner Falckenbergschule sogar an Bertolt Brechts Berliner Ensemble, wo sie 1955/56 spielte. Den Münchner Kammerspielen blieb sie jedoch treu. Alte TV-Filme erinnern an die zierliche junge Schauspielerin jener Zeit, die als gschnappiges Serviermädl in der Inszenierung von Max Frischs Stück „Biedermann und die Brandstifter“ (1967) gewissermaßen das komödiantische Salz in der ernsthaften Suppe war. Erinnern auch an eine motzerte, doigade Magdalena in Ludwig Thomas gleichnamigem Stück, eine unerreichte Charakterstudie eines Dorftrampels (1954). Schon damals leistete die Drexel schier Unmögliches: Sie machte in solchen Figuren den ganzen Menschen zusammen mit seinem Ausgeliefertsein an gesellschaftliche Bedingungen ohne jeglichen Theorie-Muff anschaulich. Das konnte jeder verstehen – mit Herz und Verstand.

Sie liebte das freche, satte Volkstheater

Kein Wunder, dass ihr Vorbild die legendäre Therese Giehse war. Und kein Wunder, dass Ruth Drexel in den 60er- und 70er-Jahren in Werken von Franz Xaver Kroetz oder Martin Sperr glänzte (zum Teil in den Uraufführungen) und natürlich in denen von Ödön von Horváth, Brecht („Mutter Courage“!) und Marieluise Fleißer. Das freche, satte Volkstheater liebte sie später auch als Regisseurin. Und dabei traf sie – sozusagen auf gleicher Wellenlänge – ihre große Liebe, Hans Brenner. Mit ihm arbeitete sie innig zusammen – bis zu seinem Tod 1998. Aus der Verbindung stammt Cilli (Jahrgang 1975). Aus der vorherigen – Ehe mit Michael Adami – die Tochter Katharina (Jahrgang 1956).

Drexel hatte im Film und auf der Bühne mit Regie-Größen von Hans Schweikart (z.B. Millers „Hexenjagd“) über Rainer Werner Fassbinder („Wildwechsel“) bis Peter Zadek (O’Caseys „Der Pott“) zusammengearbeitet – und 1978 packte sie es mit Nestroys „Früheren Verhältnissen“ selbst: Sie führte Regie. Drei Jahre später brachte sie am Münchner Residenztheater seinen „Talisman“ mit Nikolaus Paryla heraus. Ruth Drexel war damit die erste Frau, die am Bayerischen Staatsschauspiel inszenierte.

Das Fieber des Theatermachens hatte sie gepackt

Das Fieber des Theatermachens hatte sie damals vollständig gepackt: Prinzipalin sein, ein weiblicher Striese, der/die aus nichts Vorstellungen zaubert – der „Lappen“ muss hochgehen, egal, was geschieht. Leidenschaft, Disziplin und viel Improvisationstalent – das war Drexels Rezept. 1980 half sie in Telfs, die „Tiroler Volksschauspiele“ zu gründen, bei denen sie lange die Leitung hatte und Regie führte. Und 1988 übernahm sie von Jörg-Dieter Haas das Münchner Volkstheater. Ja, die Liebe zu dieser oft verächtlich gemachten Bühnen-Form war unbesiegbar. Von Achternbusch bis Wedekind ließ die Drexel alles über „ihre“ Bretter ziehen. Das Münchner Volkstheater, das manche gern wieder „abgesägt“ hätten, war endgültig „unser“ Volkstheater geworden. Bis 1998. Einen großen Abschied gab die Stadt dieser großen Frau. Und musste sie ein Jahr später zurückholen, um ausgerechnet dieses Theater zu retten.

Intendant Hanns-Christian Müller hatte es mit vielen schlechten Produktionen an den Rand des Abgrunds geführt. Das Bühnen-Wesen Ruth Drexel wusste sofort, was zu tun war. Sie hatte einfach dieses Gspür für die Leut, ihre Leut. Franz Xaver Kroetz legte eine fulminante Inszenierung des „Verkauften Großvaters“ mit einem atemberaubend spitzbübischen Hans Michael Rehberg hin – und die Bühne überlebte. Zweiter Abschied 2002. Allerdings spielte die Drexel zum Glück dort bis 2005 neben Christine Ostermayer die Bäuerin in Lida Winiewicz’ Zwei-Frauen-Stück „Späte Gegend“.
Zu der Zeit war Ruth Drexel schon lange eine heiß begehrt Fernsehschauspielerin. Schon in Helmut Dietls „Münchner G’schichten“ war sie unverzichtbar wie auch in „Monaco Franze“. Franz Xaver Bogner brachte sie nach ihrem Auftritt in „Irgendwie und sowieso“ in der Serie „Zur Freiheit“ ganz, ganz groß heraus. Von der odrahdn Gchäftsfrau über eine recht rasse Muadda bis zur Verliabtn durfte sie alle Frauen-Facetten spielen – naturgemäß souverän. Diese Mutter-Figur tauchte dann wieder als Resi Berghammer in „Der Bulle von Tölz“ (Sat1, ab 1995) auf – darin war Drexel zuletzt nach einer langen Krankheitspause im Januar zu sehen. Ihre phänomenale Präsenz, die locker durch den Fernsehschirm wirkte, nutzte auch die ARD in „Agathe kann’s nicht lassen“ oder „Die Heilerin“.

Die ewig tatkräftige Mama Berghammer

Wie also bleibt Ruth Drexel in unseren Erinnerungen. Für die einen wird sie wohl auf ewig die tatkräftige Mama Berghammer sein, die sich mit ihrem Sohn (Ottfried Fischer) so wunderbar gscherte Wortgefechte lieferte. Für die anderen wird sie jene in sich ruhende Frau aus der „Späten Gegend“ sein, die ihren Frieden gemacht hat mit ihrem Leben – und mit dem Tod, dem ein anderes Leben folgt. Das ist auch Ruth Drexel zu wünschen, die uns so sehr viel gegeben hat.

Simone Dattenberger

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