+
„Ich hatte immer so eine gewisse naive Lebensfreude“: Seit einer schweren Krankheit vor zwei Jahren gehe sie bewusster durchs Leben, sagt Senta Berger.

Schauspielerin im Merkur-Interview

Senta Berger: "Vor 65 gibt’s nichts zu jammern"

  • schließen

München - Schauspielerin Senta Berger über die neue Folge von „Unter Verdacht“, ihren Abschied von der ZDF-Reihe und ihren 75. Geburtstag.

Es ist kaum auszuhalten. An diesem Samstag (ZDF, 20.15 Uhr) hat Kriminalrätin Eva Maria Prohacek (Senta Berger) es mit einem Richter (Martin Brambach) zu tun, der weibliche Zeugen auf unerträgliche Art verunsichert. Eine Frau, die unter häuslicher Gewalt litt und in Notwehr auf ihren Mann einstach, drängt er damit aus der Opfer- in die Täterrolle. Die Folge „Ein Richter“ der Reihe „Unter Verdacht“ ist exzellent und erschütternd zugleich. Im Interview erzählt Senta Berger, die am 13. Mai ihren 75. Geburtstag feiert, von Fallstricken des deutschen Rechtssystems, ihrem Ausstieg aus der Reihe und über Freuden des Alters.

Die Ungerechtigkeit im neuen Fall von „Unter Verdacht“ ist ja himmelschreiend. Da ist ein Richter, der seine Unabhängigkeit dazu nutzt, mit allergrößter Härte zu urteilen. Man fragt sich als Zuschauer: Wie weit darf diese richterliche Unabhängigkeit gehen?

Das ist genau der Punkt. Und letztlich hab’ ich gar keine Antwort, auch unser System hat keine Antwort. Viele Menschen in entscheidenden Positionen haben einen jährlichen Gesundheitscheck – die oberste Staatsgewalt aber wird nicht kontrolliert. Es gibt keine Verpflichtung für Bundesanwälte. Das ist die eine Thematik in unserem Film. Und der Martin Brambach spielt das wirklich so, dass man ihn erwürgen möchte. Er spielt das wunderbar! Das ist eine ganz tolle Besetzung. Wir haben eigentlich immer bei „Unter Verdacht“ sehr gute Kollegen, die inspirieren, präsent sind, und unsere Reihe lieben. Da arbeitet man einfach gut.

Ermittlerin Prohacek ist ihre Abneigung dem Richter gegenüber anzumerken – gleichzeitig bleibt sie höflich. Wann hätten Sie persönlich auf den Tisch gehauen und gesagt: Jetzt bin ich nicht mehr freundlich zu Dir?

Als eine private Person hätt’ ich das gemacht. Aber die Eva ist ja eine Amtsperson und trägt Verantwortung. Überdies will sie ja etwas herauskriegen, sie will etwas wissen – Höflichkeit ist ihre Waffe. Sie kann wirklich sanft und charmant sein und auch ein bisschen perfide. Sie kommt zu ihrem Ziel auf diese Weise. Aber ob ich so viel Geduld hätte als Privatperson? Also, ich bin sehr ungeduldig. Und ich bin auch sehr ungerecht in meinem Gerechtigkeitssinn. Das ist sie übrigens auch. Sie kann schon richtig eklig sein. Weil sie eben so sehr an eine unverrückbare Gerechtigkeit glaubt.

In einem Interview haben Sie gsagt, dass Sie mit „Unter Verdacht“ aufhören wollen – warum?

"Hey du, jetzt ist’s genug!"

Naja, das erscheint mir richtig nach 15 Jahren. Die Prohacek ist eine Staatsbeamtin und müsste eigentlich längst in die wohlverdiente oder in die ungewünschte Pension gehen. Ich möchte das entscheiden und nicht die Zuschauer sagen lassen: „Hey du, jetzt ist’s genug!“ Dann sage lieber ich es. Der Abschied wird mir sehr schwer fallen. Doch das ist eben so. Wir haben die erste Folge gedreht, als ich gerade 60 war. Die Eva begleitet mich schon sehr lange. Wir machen jetzt noch zwei Folgen im Herbst und dann sehr wahrscheinlich noch eine letzte Folge im nächsten Jahr.

Und das ist gesetzt? Sie könnte ja auch aus dem Ruhestand heraus sagen: Ich helfe doch noch mit.

Ja, das gibt es tatsächlich, beratende Kriminalrätinnen.

Das wäre doch schon das Anschlussformat!

Ich weiß es nicht, ich muss mal sehen. (Lacht.)

Sie feiern im Mai Ihren 75. Geburtstag. Ihre Freundin Elke Heidenreich erzählt in ihrem neuen Essayband darüber, wie sie einer jüngeren Freundin gegenüber immer stöhnte: „Komm’ du mal in mein Alter!“ Ein Satz, den Sie von sich selbst kennen?

Nein. Die Elke ist ja Anlaufstelle für sehr viele Frauen. Wenn sie so einen Satz sagt, dann bemitleidet sie sich nicht selbst, sondern sie möchte ermutigen zu: „Komm’, genieß es! Genieße das Jetzt!“ Und: „Uns geht’s doch gut!“ Etwas, was ich ständig zu unseren Kindern sage. Es geht ihnen schon auf die Nerven. (Lächelt.) Ich habe mich auch sehr lange nicht alt gefühlt. Ich würde sagen: Mit dem Jammern kann man frühestens nach 65 anfangen. Vorher ist das sinnlos, denn da gibt es nix zu jammern, wenn du gesund bist. Darum geht’s ja. Wirklich alt fühle ich mich eigentlich erst seit meinem 73. Lebensjahr.

Ist das so eine Marke?

"Davor hatte ich immer gedacht: Ich bin unsterblich!"

Nein, die Marke war, dass ich sehr krank war. Davor hatte ich immer gedacht: Ich bin unsterblich! Ja, ich hatte immer so eine gewisse naive Lebensfreude. Die ist jetzt zum Teil auch wieder zurückgekehrt – aber nicht ganz. Ich bin mir viel bewusster über die Jahre, die noch vor mir liegen. Ich bin auch dankbar. Nicht immer. Der Mensch ist nicht immer dankbar. Ich vergesse es auch manchmal vollkommen. Und hab’ dann schlechte Laune. Doch dann rüttele ich mich und schon geht’s wieder. Sie fragen: „Wie fühlt man sich mit 75?“ Ich habe keine Ahnung. Ich war ja noch nie 75. Aber, ich mein’: Ich kann mich bewegen, ich kann laufen! Ich kann nicht mehr radschlagen auf der Wiese, okay, aber ich war Skifahren im vergangenen Jahr. Das ist doch auch nicht schlecht! Ich merk’ mir Dinge, kann Texte lernen, lese. Also: Ich kann dankbar sein und ich bin’s auch.

Wäre der Geburtstag nicht eine gute Gelegenheit, Ihre Autobiografie „Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann“ weiterzuführen?

Ein zweiter Teil ist immer schwierig. Wenn man von seinen Anfängen erzählt, dann kann man das sehr energisch und frei tun. Anfänge sind für mich das Interessanteste im Leben überhaupt. Doch ein zweiter Teil? Ich könnte nicht über die Dreharbeiten von „Kir Royal“ erzählen, weil das zu intim ist. Das geht nicht. Ich kann auch nicht über meine Familie schreiben, weil sie das nicht wollen. Ich könnte also nur eine Anekdote an die andere reihen. Es ist schon oft so, dass ich Dinge erlebe, bei denen ich denke: Das schreibe ich auf, ja. Es schreibt schon in mir. Und ich schreibe ja auch immer wieder zu bestimmten Themen und gestalte meine Lesungen selbst. Das mache ich gerne. Aber ob ich mich wirklich noch einmal hinsetze und ein ganzes Buch schreibe, das weiß ich nicht.

Manche bezeichnen Sie als Grande Dame. Sie sind Vorbild für viele. Was können junge Frauen heute von Ihnen lernen?

"Ich kann keine Ratschläge geben"

Also auf jeden Fall, keine Grand Dame zu sein! (Lacht.) Das ist ungefähr die langweiligste Beschreibung meiner Person, die es überhaupt gibt – und entspricht ja auch in keiner Weise meiner Haltung dem Leben gegenüber. Was können die jungen Frauen von mir lernen? Ich kann keine Ratschläge geben. Alles ist heute anders als damals, als ich eine junge Frau war. Es ist schwieriger, glaube ich. Die Frauen heute haben sich das Recht auf Studium und Arbeit verdient, doch gleichzeitig ist ihnen noch mehr aufgebürdet worden. Wir brauchen ja zu der emanzipierten Frau den emanzipierten Mann, sonst funktioniert das Gleichheitsprinzip nicht. Und diese Männer haben wir noch nicht wirklich.

Und unabhängig von den Männern?

Was mir auffällt: Früher hat man sehr viele verschiedene Kleider gesehen, in bunten Stoffen, und sehr viele beschwingte junge Frauen. Ich glaube, heute gibt’s in München nur noch ein Stoffgeschäft. Und manches Mal, wenn ich im Café sitze und aus dem Fenster schaue – das mache ich gerne – dann kann ich in dem Meer aus schwarzen Parkas und Röhrenjeans gar keine Individualität erkennen. Das finde ich schade. Nein, aber das sind ja alles nur so modische Kinkerlitzchen, die einem auffallen im Laufe des Lebens. Der eine Satz, den ich sehr gerne sage, ist: „Es bleibt nicht, wie es war“ und der andere Satz ist: „Es ist doch alle Jahre und Jahrzehnte immer so gewesen.“ Es stimmt wohl beides.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Prinz Harry: Knallharter Ehevertrag für seine Verlobte Meghan?
Im Frühjahr 2018 ist es soweit: Prinz Harry heirat seine Auserwählte Meghan Markle. Noch ist sie nur seine Verlobte - doch es wird schon jetzt über eine mögliche …
Prinz Harry: Knallharter Ehevertrag für seine Verlobte Meghan?
Schreckliche Details: Mode-Ikone Otto Kern soll auf tragische Weise gestorben sein
Der als Hemdenkönig bekannt gewordene Unternehmer und Designer Otto Kern ist im Alter von 67 Jahren in Monaco gestorben. Jetzt gibt es neue Details zu den Umständen.
Schreckliche Details: Mode-Ikone Otto Kern soll auf tragische Weise gestorben sein
Designer Otto Kern ist tot - Trauer in der Modewelt
Er war Mode-Legende und Jetset-König: Otto Kern. Jetzt ist der frühere Designer und Unternehmer mit 67 Jahren in seiner Wahlheimat Monaco gestorben. Kollegen würdigen …
Designer Otto Kern ist tot - Trauer in der Modewelt
Lebensgefahr: DSDS-Dauerkandidat Menderes vier Stunden notoperiert
Drama um DSDS-Dauerkandidat Menderes Bağcı: Der 33-jährige Entertainer musste vor einigen Tagen notoperiert werden. Es soll sogar Lebensgefahr bestanden haben.
Lebensgefahr: DSDS-Dauerkandidat Menderes vier Stunden notoperiert

Kommentare