Späte Würdigung für "guten Deutschen von Nanjing" durch Rau

- Nanjing - Er gilt als der "gute Deutsche von Nanjing". John Rabe wird auch gerne mit Oskar Schindler verglichen, der im Zweiten Weltkrieg mehr als 1000 Juden vor dem KZ gerettet hatte. Dabei hat der ehemalige Siemens-Repräsentant in der ostchinesischen Stadt noch deutlich mehr Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt. Während des "Massakers von Nanjing" 1937, als japanische Invasionstruppen mehr als 200 000 Chinesen getötet hatten, hat der Geschäftsmann Rabe mit 14 anderen Ausländern eine "Internationale Sicherheitszone" geschaffen, in der 250 000 Menschen Zuflucht fanden.

Bei seinem Staatsbesuch in China gedenkt Bundespräsident Johannes Rau am Samstag des Retters von Nanjing mit einem Besuch und einer Schweigeminute an dessen Denkmal auf dem örtlichen Siemens-Gelände. Es ist eine späte Würdigung. Erst durch die Entdeckung seines Tagebuchs 1996 ist die Rolle des Geschäftsmannes aus Hamburg besser bekannt geworden, der mehr als 30 Jahre in China gelebt hatte. Seinem Mut, seinem Status als Ausländer und als örtlicher Gruppenführer der - mit den Imperialisten in Japan paktierenden - Nationalsozialisten ist zu verdanken, dass damals Tausende dem Tod entkamen.<BR>"Wenn ich es nicht mit meinen eigenen Augen gesehen hätte, würde ich es nicht glauben", schreibt Rabe am 10. Dezember 1937, als die Japaner ihre blutrünstiges Massaker begannen. Es zählt zu den größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bis heute ist es eine offene Wunde im Verhältnis Chinas zu Japan. Zwischen 20 000 bis 80 000 Frauen aller Altersgruppen, darunter Mädchen unter acht oder Frauen über 70 Jahren, wurden brutal vergewaltigt, danach meist ermordet. "Gruppen von drei bis zehn marodierenden Soldaten zogen durch die Stadt und raubten, was zu holen war", schrieb Rabe. Sie brachten jeden um, der Widerstand leistete, davonlaufen wollte, "oder einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war".<BR>"Ich sah die Opfer mit meinen eigenen Augen. Ich sprach mit einigen, kurz bevor sie starben", schilderte Rabe. "Wir waren machtlos gegen diese Monster, die bis zu den Zähnen bewaffnet waren und die jeden erschossen, der sich verteidigen wollte", schreibt er weiter. "Sie hatten nur Respekt vor uns Ausländern - aber fast jeder von uns war dutzende Male nahe davor, getötet zu werden." Mit Missionaren, Gelehrten, Ärzten und Geschäftsleuten aus Deutschland, den USA, Dänemark und Großbritannien hatte Rabe schon im November, als alle anderen Ausländer die Stadt vor den heranrückenden japanischen Truppen verlassen hatten, die sieben Quadratkilometer große Sicherheitszone für Unbewaffnete geschaffen. Auf seinem eigenen Grundstück beherbergte Rabe am Ende allein 650 Flüchtlinge.<BR>Die Ausländer unter Führung Rabes trafen die japanischen Truppen, bevor sie in die Stadt einfielen, erklärten die "Internationale Sicherheitszone" und baten, die Grenzen zu respektieren. Dabei verwiesen sie auf die Allianz Adolf Hitlers mit den Japanern. Auch musste Rabe den Soldaten schon einmal sein Armband mit der Swastika unter die Nase reiben, bevor sie sich zurückzogen. Die Zone wurde so gut es ging gegen Übergriffe verteidigt, doch konnten Gräueltaten nicht immer verhindert werden. Zudem mussten die Flüchtlinge in dem kalten Winter mit Nahrung und Unterkunft versorgt werden.<BR>Nachdem Rabe 1938 China verlassen hatte, hielt er Vorträge über das Massaker und schrieb Hitler. Doch nahm ihn die Gestapo fest. Erst auf Intervention von Siemens kam er drei Tage später wieder frei, musste aber seine Vorträge einstellen. Als Madame Tschiang Kai-Shek, die Frau des Generalissimos der chinesischen Kuomintang, nach dem Krieg herausfand, wo Rabe war, schickte sie ihm in der Notzeit aus Dankbarkeit sogar Nahrungsmittelpakete. Der "gute Nazi" von Nanjing starb 1950. Eine Tafel an dem erst 1997 errichteten Denkmal in Nanjing würdigt ihn als "wahren Freund der Chinesen".

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