Murakami in Versailles: Wo ist der Skandal?

Versailles - Die Ausstellung des japanischen Starkünstlers Takashi Murakami im Schloss von Versailles hat noch vor der offiziellen Eröffnung den Protest in Frankreich ausgelöst.

Viel Aufsehen ums Nichts: Weder der Samen spritzende einsame Cowboy noch das Busenwunder Hiropon sind in der Versailler Ausstellung des japanischen Künstlers Takashi Murakami zu sehen. Statt Erotik zeigt der 48-Jährige bunte Gänseblümchen und Mangas mit großen Kulleraugen. Damit nahm er den Traditionalisten teilweise den Wind aus den Segeln, die im Vorfeld der Ausstellung Skandal schrien und im Internet eine Petition gegen die Murakami-Ausstellung lancierten.

Gänseblümchen statt Erotik

Doch die Polemik ist mittlerweile zu einem Ritual geworden. Seit Versailles zeitgenössische Künstler in seine Gemächer einlädt, geht jeder Ausstellung derselbe Protest voraus, denn die Gralshüter des Schlosses wollen um jeden Preis Versailles, “das Symbol der französischen Geschichte und Kultur“, vor dem Einzug moderner Kunst schützen. “Wo ist der Skandal?“, fragten sich nach der Pressevernissage einige Medien.

Sorgt in Versailles für Wirbel: Takashi Murakami.

Jeff Koons war der erste, der sich 2008 den Zorn der Versailles- Verfechter auf sich gezogen hat. Vor allem sein pinkelnder Pudel hat die Konservativen auf die Palme gebracht. Prinz Charles-Emmanuel de Bourbon-Parme, ein direkter Nachfahre des Sonnenkönigs, hat damals sogar versucht, wegen “Profanierung seiner Ahnen“ vor das Verwaltungsgericht zu gehen - vergeblich. Im Falle Murakamis fordert das Kollektiv “Sauvegarde du Château de Versailles“ in ihrer Petition “Versailles mon amour“ Sympathisanten und Besucher auf, ein eigenes Kunstwerk mitzubringen, ein in einer Supermarkttüte verpacktes Klo zum Beispiel.

Der Rummel wirkt wie aus einer anderen Zeit. Historisches Kulturerbe mit zeitgenössischer Kunst zu konfrontieren, ist schon lange nicht mehr neu. Der Pariser Louvre praktiziert den Schock der Kulturen ebenso wie das Schloss von Fontainebleau. Die 22 Skulpturen, die in den 15 königlichen Gemächer thronen, sind salonfähig. Darauf hat nicht nur der Künstler geachtet, sondern auch die Organisatoren und Kuratoren der Ausstellung, die sowohl über Auswahl und Anordnung der Werke entschieden haben. “Ich habe zwar Vorschläge gemacht, aber das letzte Wort hatten die Kuratoren und die haben gute Arbeit geleistet“, sagte Murakami in einem Interview mit der dpa und anderen Medienvertretern.

Versailles sei kein gewöhnlicher Ausstellungsort, das Publikum sei konservativ und zähle auch zahlreiche Kinder, meinte er weiter. Die einzige Figur, die etwas Haut zeigt, ist “Miss Ko2“, eine vollbusige Blondine im Minikleid, die den Besucher mit einer einladenden Handgeste auffordert, in den Spiegelsaal einzutreten. Aber auch das kann heute niemanden mehr ernsthaft schockieren. Koons konnte man noch den Vorwurf der Beliebigkeit machen. Doch bei Murakami hat jede Skulptur ihren Platz.

Die 22 Skulpturen, von denen ein Drittel eigens für die Ausstellung geschaffen wurde, haben sich nicht nur thematisch dem königlichen Dekor angepasst. Murakami hat einige mit Goldblatt bedeckt, damit sie dem Glanz und Luxus von Versailles entsprechen. Manchen Kritikern wirkt die Ausstellung zu arrangiert. “Das ist zu linear, zu brav“, konnte man nach der Pressevernissage vernehmen. Tatsächlich scheint die Harmonie zu perfekt. Denn was könnte symbolisch besser in das Zimmer des Friedens passen, als eine von Murakamis knallbunten monumentalen Blumenskulpturen oder das zähneknirschende Gesicht einer Star Wars-Figur im Wächtersaal?

Doch die lachenden Blumen und kindlichen Manga-Figuren sind nicht nur dekorativ. Murakamis bunte Comic-Figur “The emperors new clothes“, die mit Mini-Krone und Babyunterhose den Inthronisierungssaal schmückt, stellt eine herrliche Karikatur auf Versailles als Symbol der Macht und der Feudalherrschaft dar. Auch die berühmten Mangas Saki und Tatsuya haben in den königlichen Prunkräumen ihren Platz gefunden, denn sie sind Ikonen der japanischen Kultur, die an die Stelle des Sonnenkönigs treten.

Von Sabine Glaubitz

Rubriklistenbild: © dpa

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