Der "Stenz" lebt weiter

- München - Wenn es Frühling wird und die Stühle am Café Münchner Freiheit nach draußen gestellt werden, scheint er besonders verschmitzt zu grinsen. Als ob er es nicht erwarten kann, den langsam kürzer werdenden Röcken der Münchner Schönheiten hinterherzuschauen.

"A bissl was geht immer", hört man ihn dann im Geiste sagen. Der bronzene "Monaco Franze", der im Herzen Schwabings lässig im Stuhl lehnt, weckt Erinnerungen: An die Figur des "ewigen Stenz" aus Helmut Dietls Kultserie der 80er-Jahre, an eines der letzten Münchner Originale, den Schauspieler Helmut Fischer, der heute 80 Jahre alt geworden wäre.

"Ich wäre gern ein gesunder Achtziger, wenn das ginge", hat Fischer einmal gesagt. Es ging nicht. Am 14. Juni 1997 erlag Fischer einem Krebsleiden, von dem zuvor nur engste Vertraute gewusst hatten.

"Immer des G'schiss mit der Elli!"

Wahrscheinlich hatte er sich zu Lebzeiten auch gewünscht, als der in Erinnerung zu bleiben, der er war. Eben nicht nur der "ewige Stenz", mit dem ihn viele gleichsetzten, sondern ein charmanter, gleichzeitig schwermütiger Mensch, ein hochpolitischer, bisweilen pedantischer und überpünktlicher, manchmal störrischer und neurotischer Zeitgenosse.

Vergessen haben ihn die Menschen im Gegensatz zu anderen verstorbenen Schauspielern nicht. Spürbar ist das in vielerlei Hinsicht. Durch alle Generationen schwärmen sie noch immer von ihm. Von seinem schlaksig-staksigen Gang - keine Marotte, sondern Folge eines Bandscheibenschadens. Von seinem devoten Dackelblick. Seinem ganz eigenen Sprachduktus und dem Münchner Dialekt. Auch junge Leute sind dabei, die im Jahr 1983, als Helmut Dietls zehnteilige Kultserie "Monaco Franze" anlief, noch längst nicht geboren waren.

Da sind die Redewendungen, die durch Fischers Auftritte als Monaco alias Franz Münchinger zu geflügelten Wörtern wurden. Vom "Spatzl" und der um Vergebung bettelnden Aufforderung "Schau, wia i schau" über die Schwerenöterweisheit "A bissl was geht immer" bis hin zu "Immer des G'schiss mit der Elli!"

Noch heute, fast zehn Jahre nach seinem Tod, treffen sich im Café´ Münchner Freiheit seine Vertrauten zum Stammtisch. Vor fünf Jahren, zu seinem 75. Geburtstag, richteten Freunde, Kollegen und Fischers Frau Utta eine große Gedenkfeier im Rathaus aus. Und: Er hat einen eigenen Platz bekommen. Seit 1999 heißt ein Fleck seines geliebten Schwabing Helmut-Fischer-Platz.

Ein anderes Denkmal setzt die BR-Autorin Sybille Krafft dem Schauspieler. Das gerade erschienene Buch "Helmut Fischer - Der unsterbliche Stenz" ist eine Anekdotensammlung, die es mit Beiträgen seiner Frau, von Wegbegleitern, Freunden und Schauspielkollegen schafft, ein sehr persönliches Bild von Fischer zu zeichnen. Da beschreibt Utta Fischer-Martin, wie sie ihren späteren Mann kennenlernte: eine Liebesgeschichte, an deren Ende 45 Ehejahre stehen sollten. Fischers Freund, der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, beschreibt liebevoll-humorig, wie er so war, der Fischer: "Einerseits Hallodri und andererseits ein zutiefst ernster Mann, der die politischen Verhältnisse kompromisslos analysierte."

Auch wenig bekannte Seiten des Mannes werden ans Licht befördert. Helmut Fischer, der Filmkritiker zum Beispiel. Die lange Zeit des Misserfolgs als Schauspieler zwang ihn in den 60er-Jahren, für das Feuilleton der Abendzeitung zu arbeiten. Die von ihm vor allem verfassten knappen Rezensionen von Sexfilmchen und billigen Horrorstreifen sprühen geradezu vor Sprachwitz und gezielten Pointen.

Auch bisher wenig beachtet sind Fischers valentinesk anmutende Briefe an Regisseure, Intendanten und Produzenten, die ihn nicht beschäftigen wollten. Einen davon erhielt 1976 Helmut Dietl, der dem bis dato erfolglosen Fischer später noch zu einer Karriere verhelfen sollte.

1926 wurde Fischer im Glasscherbenviertel Neuhausen geboren, als Sohn einer Änderungsschneiderin und eines Kaufmanns, der seine Familie kurze Zeit später sitzen ließ. Ein "Donnersberger Gassenkind" sei er gewesen, hat Fischer gesagt. Und doch lag ihm viel daran, zu erklären, wie sehr ihn seine Herkunft prägte. "Ich lege Wert auf die Tatsache, dass ich über dem Pissoir der Wirtschaft ,Zum Bauerngirgl’ aufgewachsen bin. Doch daraus habe ich später in meinem Beruf sehr viel verwerten können." Wer heute durch jene Gegend geht, kann die Verhältnisse von damals nur mehr erahnen. Das Haus in Neuhausen an der Donnersbergerstraße 50a ist frisch renoviert, ebenerdig eine Kneipe. Den "Bauerngirgl" aber kennt hier niemand mehr.

Auch er stamme wie sein Freund Fischer aus "Grattlerverhältnissen", hat Regisseur Helmut Dietl einmal bemerkt. Der Erfinder von "Monaco Franze" und "Kir Royal" war es, der Fischers komödiantische Ader erkannte und durch den der Mime schließlich - mit 57 Jahren - fast über Nacht berühmt wurde. Die Wende in seinem Leben.

So oft erzählt wurde jene Schlüsselszene vor dem Café´ Münchner Freiheit, dass niemand mehr so richtig weiß, was davon Legende und was Wahrheit ist: Jedenfalls soll der jahrzehntelang glücklose Fischer sich dort die Zeit vertrieben haben, als Dietl mit seiner damaligen Ehefrau Barbara Valentin vorbeiging. Die kannte Fischer, redete kurz mit ihm, wandte sich schon ab, um zu gehen, und fragte dann Dietl doch noch, ob man nicht zusammen noch einen Kaffee trinken wolle. Es war der Beginn einer wunderbaren Männerfreundschaft.

"Ich kann doch nicht weggehen von hier"

München, das war für Helmut Fischer mehr als Heimat. Nur in seiner Stadt bekam er Luft zum Atmen. Außerhalb Münchens, sagte er, bewege er sich "grundsätzlich ungern und freiwillig - also privat - gleich gar nicht". Wie viel von dieser engen Verbundenheit Fischers mit "seiner" Stadt Dietl in die Rolle des "Monaco Franze" hineinschrieb, zeigt sich exemplarisch in einer Szene aus der Serie: Der ewige Stenz blickt gedankenverloren am Riemer Flughafen der Maschine hinterher, in der sein Spatzl in Richtung Bermudas entschwebt.

Der Zuschauer hört die Worte des Franz Münchinger: "Ich kann doch nicht weggehen von hier, ich bin doch hier geboren. München ist doch meine Heimat." Abschied nehmen von der gewohnten Umgebung - und sei es nur für kurze Zeit - war kein Leichtes für Helmut Fischer. Als er wusste, dass sein eigener Abschied nahte, ging er mit Beherrschung und Mut damit um. "Er hat versucht, die meisten Dinge mit sich selbst auszumachen", sagt seine Frau.

Mitgeteilt hat er aber seinen letzten Wunsch. Auf dem alten Bogenhausener Friedhof, inmitten großer Münchner Künstler, wollte er begraben werden. Auch hierzu gibt es eine Filmszene, in der Fischer sehr überzeugend sich selbst spielt. In der Serie "Die Hausmeisterin", in der er in seiner Rolle als "Josefbärli" mit Ilse Neubauer alias "Ilsehasi" auf dem Bogenhausener Friedhof spazieren geht. Hier, bei Erich Kästner und Oskar Maria Graf wolle er einmal liegen, sagt er da. "Ilsehasi" antwortet: "Des is a Prominentenfriedhof. Glaub ma's, Bärli, da dürfen mir ned nei." Im richtigen Leben sollte das einer jener Wünsche des notorischen Pessimisten werden, die erfüllt wurden.

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