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Rick McPhail (l.), Dirk von Lotzow (vorne, M.), Arne Zank (hinten, M.), und Jan Müller von Tocotronic.

Tocotronic: Zehntes Album zum 20. Geburtstag

Berlin - Mit Songs wie „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ waren sie das Sprachrohr einer ganzen Verweigerer-Generation in den 90ern. Zum 20-jährigen Jubiläum gibt es das zehnte Album: „Wie wir leben wollen“.

Tocotronic spielten die vergangenen 20 Jahre Songs mit Durchschlagskraft: Parolen, gepaart mit oft wundervoller Wut. Lieder wie „Kapitulation“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2007 schallten durch Clubs und Konzertsäle: „Und wenn Du denkst/"Alles ist zum Speien!"/Und so wie Du jetzt bist/willst Du überhaupt nicht sein/Wenn Du Dir sicher bist/niemand kann Dich je verstehen...“ Doch solche Texte sind wohl Vergangenheit, wie es jetzt von der Hamburger Band Tocotronic heißt.

„Irgendwann erstarrt so ein Protestsong zur Formelhaftigkeit und wird langweilig“, sagt Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Auf dem neuen Album „Wie wir leben wollen“ (Vertigo Berlin/Universal) hätten sie vieles „bewusst reduziert“, beschreibt er das Werk, das an diesem Freitag (25.1.) herauskommt.

Das klingt wie immer etwas kryptisch - Tocotronic lassen sich eben auch nach 20 Jahren in keine Ecke drängen. „Wir machen Powerpop“, sagen die vier aus Hamburg.

Den 17 Songs haben sie mit einer analogen Kostbarkeit, einer Vierspur-Tonbandmaschine von 1958, einen Retrosound verpasst, tocotronicsche Soundarchitektur eben. So ist eine Klangästhetik entstanden, die von Hall und Echo, von Verwaschungen und Unschärfen profitiert.

Die Idee stammt von Soundästhet Moses Schneider (Fehlfarben, Beatsteaks), dem langjährigen Produzenten und Freund der Band. „Moses lieh uns sein Ohr schon sehr früh, es war seine Soundidee für eine Studioplatte“, erzählt Bassist Jan Müller. Die Songs, produziert in den Berliner Candy-Bomber Studios im ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof, klingen durch das analoge Equipment organischer und von Lowtzows Stimme schmiegt sich noch mehr an die Musik der Band.

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Auch wenn diese neuen Klangfarben an manchen Stellen des Albums so ganz anders klingen als der altbewährte melodiöse Rocksound - spätestens bei den Texten wird klar, warum die Band die Songs so sparsam elektronisch verziert hat, warum sich der Sound so düster-romantisch an von Lowtzows Texte anlehnt.

Selbstzweifel und Altersängste plagen den Sänger. Den Song „Im Keller“ beginnt er mit dem Reim „Hey, hey, ich bin jetzt alt/hey, hey bald bin ich kalt/Im Keller wartet schon der Lohn/Ich war keiner von den Stars/Ich war höchstens Mittelmaß.“ Klar doch, der Titel musste an den Anfang, denn die vier Tocotronicer sind mittlerweile alle über 40. „Als wir angefangen haben mit der Musik, hätten wir nie gedacht, dass wir überhaupt so alt werden“, lacht Schlagzeuger Arne Zank.

„Wie wir Leben wollen“ klingt nach kitschigem Lebensratgeber, ist aber alles andere als das. Tocotronic hatten zwar das Jahr 2011 zum Sabbatjahr erklärt, um sich Zeit für die Songs zu nehmen. Und sicher ist die Band auch weg vom vordergründigen Polit-Statement. „Das Album ist trotzdem die Antithese zum herrschenden Denk-Mainstream“, resümiert Dirk von Lowtzow. „Es geht nur nicht mehr so um "Wir gegen sie". Wir sind konstruktiver geworden“.

Im Song „Vulgäre Verse“ sprechsingt er dann auch: „20 Jahre sind eine lange Zeit/Doch sollte man nicht kleinlich sein/Als lebender Leichnam glaube ich daran:/The Show must go on“.

Von Silke Nauschütz

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