Das wandelnde Mysterium

- München - Hippie, Multimillionär, Raufbold, Friedensaktivist, genialer Komponist, musikalischer Dilettant, Provinzmacho, Feminist, liebevoller Vater und rücksichtsloser Egozentriker. All das war dieser merkwürdige John Lennon, der am 9. Oktober 1940 in Liverpool zur Welt kam, um erst mit seiner Band "The Beatles" die Welt zu erschüttern und dann als prominentester Hausmann aller Zeiten der Welt den Rücken zu kehren. Lennon redete, sang und schrieb mehr als jeder andere Popstar vor und nach ihm über die eigene Befindlichkeit, aber wirklich gekannt hat ihn wohl kaum jemand.

Das wandelnde Mysterium, der Mann der zwischen extremen Launen und Haltungen schwankte, wurde nach seiner Ermordung im Dezember 1980 zum Heiligen erklärt, weil das am einfachsten schien. Er selber hätte das wohl mit sarkastischem Lachen quittiert, aber sich vermutlich geschmeichelt gefühlt. Innerlich zerrissen zwischen Minderwertigkeitskomplexen und exorbitantem Größenwahn war er für seine Umwelt unberechenbar. Mick Jagger, der Sänger der Rolling Stones, erinnerte sich später, dass man "in seiner Nähe immer auf der Hut war. Man wusste nie, wozu er imstande war." Lennon war zu einigem im Stande.

Seinem alten Schulfreund Pete Shotton kaufte er von den ersten Einnahmen einen Supermarkt als Altersvorsorge. Einen anderen Freund, den Radio-Discjockey Bob Wooler, der die Karriere der Beatles immer gefördert hatte, verprügelte Lennon ohne Vorwarnung, nachdem Wooler einen Witz auf Lennons Kosten gerissen hatte.

Lennons Unberechenbarkeit war es freilich auch, die die Beatles zum Erfolg führte. Zur Verblüffung aller ließ er zu, dass der Geschäftsmann Brian Epstein die Gruppe managte und aus halbstarken Provinz-Rockern adrette Popstars machte. Lennon setzte aber auch gegen jeden Rat durch, dass die Beatles ihre eigenen Kompositionen aufnahmen, was ihren Produzenten George Martin, gelinde gesagt, verdutzte. Soviel Chuzpe war er von Grünschnäbeln nicht gewohnt.

Aber Lennon lag richtig - sein Instinkt war außergewöhnlich, sein Talent auch. Notorisch unfähig den Takt zu halten oder Sequenzen zu zählen, trieb Lennon seine Mitstreiter bei Studiosessions oft in den Wahnsinn und versöhnte sie dann gleich mit Hits, die er oft geradezu aus dem Ärmel schüttelte. "A hard day's night" schrieb Lennon beispielsweise innerhalb weniger Stunden, als ein Titelsong für den gleichnamigen Film benötigt wurde. Denn Lennon wollte Erfolg, wollte ihn unbedingt - es war seine einzige Chance.

Er wollte nicht als Herumtreiber enden, wie sein Vater Freddy - ein Matrose, der die Familie im Stich gelassen hatte, als der kleine John erst fünf Jahre alt war. Als Lennon 17 ist, stirbt die Mutter, danach gibt es nur noch die Musik. Und er hat Erfolg: Von 1963 bis 1970 dominieren die Beatles die Musikszene in nie gekannter Weise. Auch nach der Auflösung der Band verkaufen sich die Platten in Millionenauflage, bis heute wurden mehr als eine Milliarde Tonträger verkauft. Der Preis ist hoch: Lennons erste Ehe mit Cynthia scheitert, den ersten Sohn Julian sieht er kaum, er wird drogenabhängig, läuft einem Guru hinterher, dann der japanischen Künstlerin Yoko Ono und verkracht sich völlig mit Paul McCartney.

Nach dem bitteren Ende der Beatles hat Lennon als Solo-Künstler Erfolg, entschließt sich aber nach der Geburt seines ersten Sohnes, keine Platten mehr aufzunehmen, sondern sich zu Hause um den Nachwuchs zu kümmern. Yoko Ono kümmert sich derweil ums Geschäft. Bei seiner Scheidung ein paar Jahre zuvor hatte sich Lennon zunächst noch geweigert, Alimente zu zahlen. Wie gesagt, ein merkwürdiger Mensch, ein großer Künstler und in den Köpfen vieler ein überlebensgroßes Symbol für bessere Tage.

Lennon wollte Erfolg, wollte ihn unbedingt - es war seine einzige Chance

Denen die ihn gekannt haben, ist er ein Rätsel geblieben. Ringo Starr hat einmal eine bezeichnende Geschichte erzählt. Am 18. Mai 1968 berief Lennon die Beatles zu einer eiligen Sondersitzung ein, in der er mit todernster Miene verkündete, er habe herausgefunden, dass er der Sohn Gottes sei. Bis zum heutigen Tag, so Starr, sei er nicht sicher ob Lennon einen Witz gemacht habe oder wirklich glaubte, Jesus zu sein.

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