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Auf einen Drink mit Liedermacher Stefan Waggershausen (70) in Schumann’s Bar.

Auf einen Drink in Schumann‘s Bar

„Kenne mich aus mit Blues”: Wie die Beatles Kult-Liedermacher Waggershausen zur Musik brachten

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Singer/Songwriter Stefan Waggershausen zählte in den 80er-Jahren zu den großen Musikstars. Unsere Kolumnistin hat sich mit ihm getroffen, um alte und neue Zeiten wiederaufleben zu lassen.

München - 37 Wochen lang hielt sich Stefan Waggershausens Album „Hallo Engel“ in den Charts. Mitte der 90er-Jahre machte er sich aus dem Staub – nach Louisiana –, entdeckte den Blues und mischte südamerikanische Elemente in seine Musik. Gerade ist sein 15. Studioalbum „Aus der Zeit gefallen“ erschienen. Anlass für unsere Kolumnistin Ulrike Schmidt, alte und neue Zeiten wiederaufleben zu lassen:

So nah am Feuer, so nah am Tabu, wir küssen die Nacht, nur ich und du...  Stefan Waggershausen und Alice im Duett – das ist der Soundtrack der 80er-Jahre. Was hat uns der Waggershausen damals am –Baggersee und im 2CV alles ins Ohr gesetzt: Hallo, Engel Es geht mir gut Verzeihen Sie, Madame Und dann, am Ende des Jahrzehnts, mit Viktor Lazlo: Das erste Mal tat’s noch weh... 

Stefan Waggershausen hat das Feuer entfacht und uns am Ende auch getröstet. Irgendwie war er immer da. Im Kofferradio. Auf Kassette. Im Walkman. Seine Songs beschrieben das Lebensgefühl eines Jahrzehnts, das irgendwie nur aus Sonne bestand. Nah am Feuer, nah am Tabu. Die Glut der 80er-Jahre glimmt immer noch, auch wenn der Waggershausen inzwischen ein grauer Wolf geworden ist. Dazwischen hat sich der Singer/Songwriter ziemlich rar gemacht. 

Wir kennen uns. Seit 40 Jahren. Was ihm durch Kopf und Herz gegangen ist – ich hab immer hingehört. Bisweilen machte unsere Beziehung eine lange Pause. Da war der Waggershausen einfach mal weg und hat seine Songs irgendwo anders gemacht, in Louisiana, Paris oder Italien. Im Februar ist der Aborigine vom Bodensee 70 geworden – und hat nach acht Jahren Sendepause mal wieder ein neues Album veröffentlicht: 

Aus der Zeit gefallen. Das ist der Waggershausen auch – mit seiner handgemachten Musik, wo noch jedes Instrument echt gespielt wird und mancher Titel über sechs Minuten geht. Seine Stimme ist mit der Patina des Lebens reifer und tiefer geworden. Ja, und der Blues hat sich weiter ausgebreitet. 

Einer der 19 Titel: Ich kenn mich aus mit dem Blues. Eine musikalische Kurzgeschichte aus der Bar. Und jetzt stehen wir in Schumann’s Bar – der Waggershausen und die Kolumnistin. Ganz allein, auf einen Drink und ein Gespräch über alte und neue Zeiten. 

Waggershausen: „Ich hab’ immer eher eine innere Freude“

Stefan Waggershausen: Coole Stimmung hier. 

Ja. Besonders wenn die Bar eigentlich geschlossen ist und für den Abend fertig gemacht wird, wenn es klappert und sich die Kellner gegenseitig aufs Korn nehmen... 

Waggershausen: Ich hab’ sicherlich ein Viertel meines Lebens in Bars verbracht – als totaler Nachtmensch. Heute trink ich zwar noch immer weißen Burgunder, aber manchmal auch grünen Tee. Früher bin ich in den Bars länger hängengeblieben. Das Nachtleben hat mich immer fasziniert. Wahrscheinlich war es wie bei Frank Sinatra, der, umzingelt von Drinks, darauf gewartet hat, bis die Nacht vorbei ist. Ich kann eigentlich erst anfangen zu denken, wenn keiner mehr anruft und keiner mehr um mich herum da ist – also nachts. 

Stefan Waggershausen im Interview mit Ulrike Schmidt.

Sind die Menschen nachts anders als tagsüber? 

Waggershausen: Kommt darauf an, welche. 

Du. 

Waggershausen: Ja, doch. Nachts bin ich ich. Tagsüber bin ich disziplinierter. 

In den Bars ist nachts der Blues daheim... 

Waggershausen: Der begegnet dir da toujours. 

Im Lied „Ich kenn mich aus mit dem Blues“ fragst Du: ,Wer hat dir die Flügel verbrannt?‘ Und, Stefan, wer hat sie Dir verbrannt? 

Waggershausen: Ist mir schon ’n paarmal passiert... Und dann versteckt man eben die Trauer hinter seinem Lachen. Kennt jeder. 

Du warst einer der großen Stars der 80er-Jahre – wie war das? 

Waggershausen: Ich hab’ mich nie als Star empfunden, ich war immer derjenige, der Lieder macht. Und wenn andere Leute meine Songs gut fanden – klasse. Ich hab’ mich nicht verändert, es waren eher die Leute, die eine andere Erwartungshaltung an mich hatten. In den 70er-Jahren habe ich viel ausprobiert und keinen Erfolg gehabt – das hat mich geerdet. So konnte ich mit dem Erfolg später auch anders umgehen. Aber klar, ich bin reifer geworden, erwachsener, auch lässiger und gelassener. Ich renn’ dem Glück nicht mehr hinterher, ich lass es zu mir kommen. 

Da hast ja jetzt grad Glück; Platz 15 in den Album-Charts. Wie feierst Du Deine Erfolge? 

Waggershausen: Ich hab’ immer eher eine innere Freude. Als das Album gechartet ist, war ich mit meinem Sohn Marlon auf Promo-Tour. Wir saßen in Düsseldorf in einer Kneipe, ich hab’ einen Whisky getrunken, er drei, und wir haben uns mannhaft in die Augen geschaut. Das war das Zelebrieren. 

Wie war Euer Verhältnis all die Jahre? Marlon (33) leitet ja Deinen Musikverlag Miau in Berlin... 

Waggershausen: Unsere Beziehung war immer cool. Als Marlon klein war, war ich viel weg auf Tourneen. Da hab ich angefangen, ihm ausgedachte Geschichten zu erzählen, hab Figuren erfunden und das immer wieder fortgesetzt – oft mit wochenlanger Pause. Was ich längst vergessen hatte, er wusste immer genau, wo wir stehen geblieben waren. Aus diesen Erzählungen ist das Albumprojekt Wolke7 entstanden. 

Bist Du glücklich mit Deinem Leben? 

Waggershausen: Ja, ich bin glücklich. Ich habe mit 14 Jahren mein erstes Beatles-Lied im Radio gehört und mich entschieden, Musik machen zu wollen. Und jetzt stelle ich nach über fünf Jahrzehnten fest, eigentlich hab ich nichts, fast nichts, falsch gemacht! Glück gehabt! 

Das hat Waggershausen mit Hemingway gemeinsam

Aber Du fühlst Dich aus der Zeit gefallen? 

Waggershausen: Der Titel ist der Tatsache geschuldet, dass sich in der Musikbranche die Produktionsweisen stark verändert haben. Es muss schnell gehen, es muss alles chart- und hitparadenfähig sein, kein Song länger als drei Minuten und jeder für Playlists. Ich bin der Gegenentwurf. Wir sind eine eigene kleine Zwei-Mann-Company und machen alles vom Verlag über das Label bis zu den Videos etc. selber. Und zwar so, wie wir es gut finden. Jeder Ton ist echt. 

Du nimmst es sehr genau; manche Songs gibt es in vielen Versionen, wie „Die Drinks sind getrunken“. Am Ende kommt nur eine ins Album... 

Waggershausen: Musik mach’ ich ja in erster Linie für mich. Doch wenn ich jetzt auf Facebook die Kommentare anschaue, dann freue ich mich, dass es da noch so viele Verrückte gibt, die das cool finden. 

Acht Jahre sind vergangen, seit Deinem letzten Album. Davor waren es 14 Jahre Pause – rar machst Du Dich schon... 

Waggershausen: Zwischendurch mach’ ich ja auch noch was anderes: Mit Otto Waalkes habe ich dieses Ice Age-Projekt gemacht, wofür wir zusammen Lieder geschrieben und produziert haben – und schon war wieder ein Jahr weg. Daneben schreibe ich Songs für andere Kollegen und mache Musik für Kino und TV. 

Gerade ist das 15. Studioalbum von Stefan Waggershausen, „Aus der Zeit gefallen“, erschienen.

Live bist ja auch lange nicht mehr aufgetreten... 

Waggershausen: Ja, 25 Jahre nicht mehr. Was ich mir jetzt vorstellen kann: drei, vier, fünf Unplugged-Konzerte im kleinen Rahmen. In den 80er-Jahren war ich auf der Überholspur, dann hab ich in Louisiana ein anderes Lebensgefühl gefunden; so hat sich auch mein Musikstil verändert. Ich würd’ nicht sagen, dass ich ruhiger geworden bin, aber jetzt geb’ ich bewusster Gas. So ein Singer/Songwriter hat doch ein schönes Leben: Du machst deine Erfahrungen, es kommen irgendwelche Narben, und du verarbeitest sie in deinen Liedern. 

Mit Deinem Psychologie–Studium hast Du dafür ja auch ein gutes Verarbeitungs-Fundament. Von was träumst Du? 

Waggershausen: Ich freu’ mich, wenn ich nicht träume und relaxt durchschlafe. Wenn mich was beschäftigt, wache ich um 4.34 Uhr auf, denk darüber nach und fluche vor mich hin. Das sind dann die Momente, wo ich an meine private Bar ins Arbeitszimmer gehe und mir Hemingway-mäßig einen Whisky eingieße – und dann schreib ich Lieder, dann verarbeite ich das so. Aber träumen im Sinne von wünschen... eher nein. Ich hoffe, dass das Glück zu mir kommt... Das Glück kann man sowieso nicht fangen! 

Ein Teil Deines Glücks dürfte der Bodensee sein, wo Du mit Unterbrechungen immer gelebt hast... 

Waggershausen: Ja, ich bin Bodensee–Aborigine, aber ich hab noch etliche Koffer in Berlin, wo sprichwörtlich die Musik spielt. Ich bin aber auch gern in Louisiana, in Paris und in Italien, ich bin gern unterwegs – immer noch! Der Bodensee ist Heimat – mit der Landschaft, den Menschen, der Kultur, dem Essen und Trinken. Ich kann dir nur sagen, wenn ich nachher mit dem Zug runterfahre, leuchten meine Augen einen Tacken mehr als in München. 

Obwohl Du ja auch viel an der Isar warst...

Waggershausen: In München hab’ ich oft und lange gelebt! Als ich Psychologie studierte, habe ich all meine Praktika in München gemacht, und ich hab’ mich in den 70er- und 80er-Jahren viel bei der Bavaria-Film herumgetrieben, bevor ich dann bei der Ariola meinen Plattenvertrag unterschrieben habe – Monti Lüftner und Friedel Schmidt, die legendären Plattenbosse, hatten mir in München meinen Musikstart ermöglicht. 

Du scheinst eine treue Seele zu sein – mit Deiner Frau Stefanie bist Du auch seit Jahrzehnten verheiratet. Wie viele Lieder hast Du ihr gewidmet? 

Waggershausen: Ich hoffe schwer, sie weiß, was für sie war. 

Lassen wir zum Schluss Deine Lieder sprechen: „Die Drinks sind getrunken... und die Engel fallen nicht mehr so oft vom Himmel herab.“

Ulrike Schmidt

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