+
Willy Bogner denkt auch an seinem 75. Geburtstag noch nicht ans Kürzertreten.

Großes Interview zum 75. Geburtstag

Willy Bogner: „Ich bin heute ein Genuss-Skifahrer“

München - Wenige prägten den deutschen Ski-Sport auf und abseits der Piste so sehr wie Willy Bogner. Am Montag wird er 75. Wir trafen ihm zum Jubiläums-Interview.

Wenn’s bei ihm bergab geht, dann ist das eine positive Nachricht. Weil: Dann steht Willy Bogner nämlich auf Skiern und wedelt einen Hang runter. Willy Bogner: jener Mann, den Sie auf dem großen Foto im Tiefschnee fahren sehen – jener Mann, der auch im reifen Alter noch so jugendlich wirkt. Am Montag ­feiert er seinen 75. Geburtstag – wir haben ihn vorab zum Interview getroffen:

Herr Bogner, bei unserem Gespräch zu Ihrem 70. Geburtstag sagten Sie einen fast philosophischen Satz…

Willy Bogner: Oha. Interessant. Was denn?

„Im Alter geht das Älterwerden immer schneller.“ Wie schnell sind Sie in den letzten fünf Jahren gealtert? Rast die Zeit immer mehr?

Bogner: Die Zeit ist ein Thema, das mich schon mein Leben lang begleitet. Als Skirennläufer ging es um Hundertstelsekunden, und wenn du eine ganze Sekunde verloren hast, dann warst du nicht Erster, sondern auf Platz 37. Im Beruf und vor allem privat in der Familie hast du einen ganz anderen Zeitrhythmus. Manchmal geht eine Minute mit einem Wimpernschlag vorbei, manchmal hast du das Gefühl, sie dauert eine Stunde. Am besten wäre es, man könnte der Zeit einen Beschleunigungs- oder Verlangsamungsfaktor einbauen, je nachdem, mit welcher Geschwindigkeit man im Leben unterwegs ist.

Willy Bogners Leidenschaft war schon immer der alpine Skisport – in den 60er-Jahren gehörte er zur deutschen Spitze. Unter anderem gewann er das Lauberhornrennen 1960. ­Außerdem holte er insgesamt fünf deutsche Meistertitel.

„Unausgeschlafen fühl ich mich wie über 80“

Würden Sie die Zeit jetzt lieber verlangsamen?

Bogner: Nicht unbedingt. Ich lebe eh schon entschleunigter als früher. Im Alter wirst du gelassener und lässt dich nicht mehr so jagen wie früher. Heute leiste ich es mir schon einmal, fünf Minuten zu spät zu kommen. Früher war das für mich undenkbar. Kurzum, es pressiert nicht mehr so.

Fürchten Sie die Zahl 75, weil es jetzt dann auf die 80 zugeht?

Bogner: Nein. Das ist nur eine Zahl. Es kommt immer drauf an, wie man sich gerade fühlt. Wenn ich in der Früh unausgeschlafen bin, dann komm ich mir vor wie über 80. Und wenn ich hellwach Auto fahren und mich konzentrieren muss, wie Anfang 30.

Und in welchem Alter fühlen Sie sich beim Skifahren?

Bogner: Zwischen 20 und 30. Je nach Abfahrt und Schneelage.

Trauen Sie sich noch jede Piste zu?

Bogner: Ja. Es muss aber nicht mehr die steilste und eisigste sein. Auch etwas, das mit dem Alter kommt. Man wird entspannter. Früher musste ich überall runter, heute kann es auch mal eine easy rote Piste sein. Es kommt auch nicht mehr drauf an, ob man zehn oder 20 Abfahrten an einem Tag schafft, mir reichen auch schon mal drei. Die Qualität ist wichtiger als die Quantität. Ich denke, ich bin heute mehr ein Genuss-Skifahrer.

„Eigentlich habe ich den Walkman erfunden“

Was ist für Sie das Nonplusultra des Genusses?

Bogner: Tiefschneefahren in Kanada. Durch 30 Quadratkilometer unberührtes Gebiet fahren und tagelang seine eigenen Spuren in den Schnee ziehen. Das ist das höchste der Gefühle.

Nach großem Genuss fühlte es sich wohl nicht an, als Sie vor genau 40 Jahren nach dem Tod Ihres Vaters den elterlichen Betrieb übernahmen. Sie sagten einmal: „Ich wollte nie ein Klamottenmensch werden…“

Los ging’s als Action-Kameramann – beispielsweise, als Bogner für einen James-Bond-Film auf Skiern durch die Bob-Bahn fuhr. Später folgten eigene Produktionen. ­Dazu gehört Feuer und Eis, belohnt mit dem Bayerischen Filmpreis.

Bogner: So sehe ich mich auch heute nicht, als einen reinen Klamottenmenschen. Mir ging es schon immer viel mehr darum, ein Lebensgefühl zu transportieren, mit der Mode wie auch mit meinen Filmen. Die Schönheiten des Sports und der Natur zu zeigen. Das war ja mein Glücksfall, dass ich nach der Übernahme der Firma meine Leidenschaft als Kameramann mit dem Job als Modemacher kombinieren konnte, dass wir die eigenen Kreationen mit unseren Filmen auch schön präsentieren konnten.

Auf welche Kreation sind Sie heute im Rückblick besonders stolz?

Bogner: Mehr auf eine Erfindung. Sie müssen wissen: Eigentlich habe ich den Walkman erfunden. Einen Skianzug mit Kassettenspieler und dazu eingebautem Kopfhörer in der Haube. Das war 1974, noch lange vor dem Siegeszug des Sony-Walkmans. Da gibt es eine ganz lustige Geschichte. Der Nachbar unseres Hauses in St. Moritz war damals Herbert von Karajan. Ich habe ihn den Walkman-Anzug ausprobieren lassen und ihn am Abend gefragt, welche Symphonie er sich angehört habe. Bruckner? Beethoven? „Gar nichts“, erwiderte er, „seichte Unterhaltungsmusik. Bei Klassik hätte ich mich nur geärgert. Da höre ich jeden Fehler raus.“

Die Ausbootung durch Adidas? „Unfaire Behandlung“

Warum haben Sie sich die Erfindung nicht patentieren lassen?

Bogner: Ging nicht, weil es nur die Kombination aus schon vorhandenen Elementen war. Skianzug plus Kopfhörer. Witzig war ja nur, dass Karajan damals mit Sony-Gründer und Firmenchef Akio Morita unterwegs war. Ob das bei ihm zur Idee der Entwicklung eines Walkman beigetragen hat? Auszuschließen ist es nicht.

Gab es auch eine Kreation, die Ihnen im Nachhinein peinlich war?

Bogner: Ganz schwer. Wir merken das bei unseren Präsentationen unserer neuen Kollektionen, da fällt immer ein Teil unserer Kreationen raus. Manchmal mehr, manchmal weniger. Kannst du nicht berechnen und nicht festnageln. Der Geschmack der Menschen ist immer anders und nicht messbar. Wichtig ist nur, dass du als Mode-Unternehmer mehr erfolgreiche Kollektionen entwickelst als erfolglose.

Erfolg hatten Sie jahrelang als Ausstatter der Olympia-Mannschaft bei Winterspielen. Seit Garmisch 1936 rüstete die Firma Bogner 19 Mal in Folge das deutsche Olympia-Team aus, zuletzt in Sotschi 2014. Nun hat Sie der DOSB ausgebootet und Adidas als Ausstatter verpflichtet. Wie kam’s?

Bogner: Ich fand das uns gegenüber eine sehr unfaire Behandlung. Es ist traurig, gerade wenn man so lange so engagiert und zum Besten der Mannschaft zusammengearbeitet hat.

Wann haben Sie davon erfahren?

Bogner: Vor einem Dreivierteljahr ­etwa.

Gab’s eine Begründung des DOSB?

Bogner: Nein, nicht offensichtlich. Wir haben nur die Information erhalten, dass Adidas die Ausstattung nun exklusiv macht.

„Der Widerstand gegen Olympia ist mir ein Rätsel“

Es gab auch keine Ausschreibung?

Bogner: So weit kam es leider nicht mehr. Sehr schade – wir haben uns als Unternehmen schließlich immer sehr um die olympische Idee gekümmert, auch in meiner Zeit als Chef der Münchner Winterspiel-Bewerbung 2018, bis ich damals aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste.

München scheiterte im Anlauf für 2018, eine Bewerbung für 2022 kam wegen des Bürger­entscheids erst gar nicht zustande. Ist Olympia den Menschen nicht mehr vermittelbar?

Willy Bogners Leidenschaft war schon immer der alpine Skisport – in den 60er-Jahren gehörte er zur deutschen Spitze. Unter anderem gewann er das Lauberhornrennen 1960. ­Außerdem holte er insgesamt fünf deutsche Meistertitel.

Bogner: Mir ist immer noch ein Rätsel, warum das beide Male auf so viel Widerstand stieß. Auch 2018, als sich die Landwirte in Garmisch erst lange Zeit quer stellten. Das wäre doch so eine riesige Werbung für den Ort und das Land gewesen, davon hätten alle profitiert. Ich denke, es ist insgesamt auch ein Medienproblem. Negative Geschichten in Sachen Olympia verkaufen sich besser als positive.

Nun ja, die jahrzehntelange Korruption im IOC, das systematisches Staatsdoping wie im Fall Russland, das Kuschen von IOC-Boss Thomas Bach vor seinem Freund Putin… Das sind nun einmal Tatsachen. Soll man die verschweigen?

Bogner: Natürlich nicht. Es gibt aber eben auch so viele positive und schöne Storys – nur sind die vielleicht zu normal, als dass man darüber berichten würde.

Florian Kinast

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wolfgang Joop enthüllt: Darum hat er den Modezirkus satt
Der Modezirkus mit seinen ständigen Glamourveranstaltungen lässt Designer Wolfgang Joop zunehmend kalt - aus mehreren Gründen. 
Wolfgang Joop enthüllt: Darum hat er den Modezirkus satt
Schauspieler Samuel Koch hofft auf Heilung
Seit seinem tragischen Sturz in der Sendung "Wetten, dass..." 2010 sitzt Samuel Koch im Rollstuhl. Die stille Hoffnung, wieder gesund zu werden, hat er nicht aufgegeben.
Schauspieler Samuel Koch hofft auf Heilung
Robbie Williams: Ayda lernte mich an meinem Tiefpunkt kennen
Robbie Williams litt lange an seiner Drogenabhängigkeit. In einer neuen Biografie gibt der Sänger nun brisante Details preis.
Robbie Williams: Ayda lernte mich an meinem Tiefpunkt kennen
Max Giesinger wird neuer Juror bei „The Voice Kids“
Eine nostalgische Reise in die Vergangenheit: Neben „The Voice Kids“-Urgesteinen wie Nena und Mark Foster wird in diesem Jahr ausgerechnet Max Giesinger in der Jury …
Max Giesinger wird neuer Juror bei „The Voice Kids“

Kommentare