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Wachsende Industriekultur: Fotograf als Chronist

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Lausitzer Industriekultur
Das Industriedenkmal „Biotürme Lauchhammer“. © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Brandenburg ist auch durch die Umbrüche nach der Wende reich an verlassenen Industriestandorten. Immer mehr davon verwandeln sich in Museen. Ein Fotograf wird wie viele Kunstschaffende zum Chronisten.

Pritzwalk/Cottbus - Die Zahl der zu Museen umgewidmeten Brandenburger Industriebetriebe ist innerhalb von gut drei Jahrzehnten von 2 auf etwa 70 gewachsen. Das teilte der Museumsverband des Landes mit. „Vor 1989 gab es auf dem Gebiet des heutigen Landes Brandenburg nur zwei Museen für Industriekultur: das Weißgerbermuseum in Doberlug-Kirchhain und das Ofen-und Keramikmuseum in Velten“, berichtete Geschäftsführerin Susanne Köstering der Deutschen Presse-Agentur. Brandenburg gehört nach Angaben des Kulturministeriums neben Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und dem Saarland zu den Bundesländern, in denen die Industriekultur eine überdurchschnittliche Rolle spielt.

„Die Mark war auch früher schon ein bedeutendes Industriezentrum. Das belegen zahlreiche historische Fabriken, Bergwerke, Industriehallen, Schiffshebewerke, Ziegelbrennereien, Brauereien und Förderbrücken“, erklärte Kulturministerin Manja Schüle (SPD). Das wüssten nach wie vor nur wenige. Die Industriekultur in Brandenburg stehe für Umbruch und Transformation.

Industrieanlagen entstanden unter anderem in der Lausitz mit ihren Bergbaulandschaften - heute gibt es dort die Energie-Route Lausitzer Industriekultur. Auch an anderen DDR-Industriestandorten entstanden industriekulturelle Einrichtungen. Beispiele sind etwa das Industriemuseum in Brandenburg an der Havel oder der Ziegeleipark Mildenberg in Zehdenick mit den benachbarten Tonstichen.

Das Kulturministerium fördert gezielt überregional bedeutende Industriemuseen: Das Industriemuseum Brandenburg erhält 80.000 Euro, der Museumsverein Glashütte 50.000 Euro und die Brikettfabrik Louise 40.000 Euro. Hinzu kommt in diesem Jahr eine Förderung in Höhe von insgesamt 250.000 Euro, die im Rahmen eines Museumsstrukturprogramms insbesondere Museen für Industriekultur zugutekommt.

Ein 2017 gegründetes Netzwerk will Standorte der Industriekultur mit anderen touristischen Angeboten wie Radfahren oder Städtetourismus als attraktive Reisemarke verknüpfen. Die Stationen des Verbundes sind für Besuchende in „Highlights“, „Sehenswertes“ und „Geheimtipps“ klassifiziert, heißt es nach Ministeriumsangaben. Vor allem die Tourismusbranche profitiere immer mehr von den hiesigen Kulturangeboten samt beachtlicher Wertschöpfung.

Die stillgelegten Produktionsstätten erzählen auch über das ehemalige Sozial- und Alltagsleben. Wer arbeitete in den Industriebetrieben, die heute als Zeitdokument in Landschaften stehen? Der Fotograf Lorenz Kienzle widmet sich seit fast 30 Jahren der brandenburgischen Energie- und Textilindustrie. „Orte sind ja immer so Zeitschichten, das Alte und das Neue, die ganze Zeit ist abgebildet, die vergangen ist“, sagt der gebürtige Münchner der dpa. Oberbayern finde er als Motiv eher „uninteressant“. Im „Unfertigen und Kaputten“ in Brandenburgs Landschaften habe er eine neue Heimat gefunden. Eine Ausstellung in Pritzwalk (Prignitz) zeigt derzeit seine Arbeiten zu Industrielandschaften von 1992 bis 2021. Sein Buch „Arbeitswelten und Lebensräume“ (Verlag für Berlin und Brandenburg) beinhaltet etwa eine Langzeitdokumentation über das Dorf Horno und dessen Bewohner, die 2004 dem Braunkohletagebau weichen mussten. Der Fotograf stellt Bilder aus den Tagebauen Jänschwalde und Welzow gegenüber.

Auch im Brandenburgischen Landesmuseum (BLMK) für moderne Kunst wurden Sujets der Industriekultur gesammelt: Großbaustellen, Kraftwerke, Tagebaue und Industrielandschaften des brandenburgischen Umlandes reizten nach Angaben des Museums viele Künstlerinnen und Künstler zu Motiven. Am Standort Frankfurt (Oder) beleuchtet die Ausstellung „Die Aura der Schmelzer“ mit Sammlungen der Maxhütte und des BLMK, wie Kunst nach 1945 durch Industrieunternehmen inspiriert wurde, Produktionsstätten und die Menschen dahinter Motive wurden.

Auch für Fotograf Kienzle steht nach eigenen Worten der Mensch in seinem Arbeitsumfeld im Mittelpunkt. So fotografierte er mit seiner Plattenkamera in den Gubener Hutwerken „Hutmacher“ oder die „Spinnerei Forst“. Dabei fühle er sich als Chronist. Unter anderem habe er herausgefunden, dass in den beiden Industriebetrieben eigene Begriffe verwendet wurden, die „teilweise nicht im Duden stehen“. Derzeit ist er unterwegs, um die „Zwischenzeiten“ festzuhalten, wie er sagt. dpa

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