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Affenpocken: Virologe Streeck über den großen Unterschied zu Corona – und was aufhorchen lässt

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Von: Maximilian Kettenbach

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Virologe Hendrik Streeck
Virologe Hendrik Streeck über die Verbreitung der Affenpocken. © Christoph Hardt/Imago

Die Fallzahlen der mit Affenpocken infizierten Menschen in Europa steigen. „Das lässt aufhorchen“, findet der Virologe Hendrik Streeck, kann aber vor allem Entwarnung geben.

München – Die Corona-Pandemie nimmt sich im deutschen Sommer eine gefühlte Auszeit, da kommen neue Warnungen vor einem altbekannten Virus, den Affenpocken. Einer, der sich in der Pandemie einen Namen gemacht hat, ist Hendrik Streeck, Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn.

Streeck erklärt Merkur.de den großen Unterschied zwischen Coronavirus und Affenpocken. „Das Virus ist im Vergleich zu anderen Viren, wie zum Beispiel Corona, schwerer übertragbar. Es muss naher Körperkontakt bestehen. Die Übertragung kann über Tröpfchen, Kontakt mit Pusteln oder gegebenenfalls auch über Geschlechtsverkehr geschehen. Daher ist eine wichtige Nachricht: Das Virus ist über gängige Maßnahmen kontrollierbar.“

Affenpocken vs. Corona: Streeck nennt drei große Unterschiede

Bei Affenpocken würden normale Eindämmungsmaßnahmen funktionieren, ist sich der Virologe sicher und nennt zwei weitere Faktoren, die Hoffnung machen: „Wir haben zudem noch einen Impfstoff, der funktioniert. Auch kann man Personen, die mit Affenpocken infiziert sind, leichter identifizieren. Sie kriegen typische Pusteln. Asymptomatische Fälle sind im Gegensatz zu Corona kaum bis gar nicht bekannt.“

Ähnlich wie Streeck sehen es Gesundheitsminister Karl Lauterbach und das Robert-Koch-Institut (RKI). „Eine Gefährdung für die Gesundheit der breiten Bevölkerung in Deutschland wird nach derzeitigen Erkenntnissen als gering eingeschätzt“, teilte das RKI nach dem ersten Fall in Deutschland mit. Die Behörde wies aber zugleich darauf hin, dass das RKI die Situation weiter sehr genau beobachte und ihre Bewertung dem jeweils aktuellen Kenntnisstand anpasse.

Lauterbach empfiehlt eine dreiwöchige Isolation für Infizierte. Streeck sagt Merkur.de: „Das Beste ist, Infizierte ausfindig zu machen und zu isolieren. Weiterhin müssen potenzielle Kontakte identifiziert werden. Diese Kontaktpersonennachverfolgung ist eine effiziente medizinisch-epidemiologische Maßnahme, um gezielt Ansteckungsketten zu unterbinden.“ Die empfohlenen drei Wochen Quarantäne seien vollkommen in Ordnung, weil die Inkubationszeit der Affenpocken zwischen 4 und 21 Tagen schwanken kann.

Streeck plädiert für eine Ringimpfung. Dabei würden Kontaktpersonen, der mit Affenpocken infizierten, präventiv gegen Pocken geimpft. Klar scheint aber auch: „Es macht wenig Sinn, die gesamte Bevölkerung zu impfen. Die Bevölkerung, die vor 1976 geboren wurde, hat bereits einen Teilschutz durch die frühere Pockenimpfung.“

„Affenpocken kein Corona“: WHO gibt Entwarnung - Streeck sieht weiteren Anstieg der Fallzahlen

Die Weltgesundheitsorganisation hat am Freitag einerseits erklärt, es gebe keinen Grund zur Panik, die breite Bevölkerung müsse „keine Angst haben, es ist nicht Covid-19 oder eine andere Krankheit, die sich schnell verbreitet“, wie Sylvie Briand, Direktorin der WHO-Abteilung zur Vorbereitung auf Infektionsgefahren, sagte. Die WHO warnte allerdings auch davor, dass die Verbreitung der Affenpocken erst begonnen haben könnte. „Wir wissen nicht, ob wir gerade nur die Spitze des Eisbergs sehen.“

Seit Großbritannien am 7. Mai die erste Affenpocken-Ansteckung meldete, wurden der WHO über 200 Fälle aus Ländern gemeldet, in denen sich das Virus üblicherweise nicht verbreitet. Auch Streeck ist sicher: „Wir werden einen weiteren Anstieg der Fallzahlen sehen, alleine schon deshalb, weil wir weiter danach gezielt suchen.“

Streeck zu Affenpocken-Verläufen: „Kein Todesfall in der westlichen Welt bekannt“

Bei aller Entwarnung macht Streeck aber auch darauf aufmerksam, dass man Affenpocken ernst nehmen müsse, da die Erkrankung in seltenen Fällen auch tödlich verlaufen kann. „Normalerweise verläuft die Erkrankung mild, aber es gibt auch fieberhafte und schwere Verläufe, und eben auch Todesfälle. Affenpocken gibt es schon lange und es gab immer wieder größere Ausbrüche in West- oder Zentralafrika. 2018 gab es auch Fälle in England. Ungewöhnlich ist allerdings, dass es aktuell sehr viele Fälle gleichzeitig in kurzer Zeit gibt und das in verschiedenen Ländern. Das lässt aufhorchen.“

Streeck sei kein Todesfall durch Affenpocken in der westlichen Welt bekannt. Wie üblich bei solchen Erkrankungen komme es auf die Gesamtkonstitution des Menschen an und vor allem auf sein Immunsystem. Wichtiger sei nun ein kollektives Handeln der Weltgemeinschaft als Lehre auch aus der Corona-Pandemie: „Wir sollten endlich beginnen, solche Infektionserkrankungen, als solche zu sehen, was sie sind: Es betrifft kein Land alleine, sondern uns immer global. Die Weltgemeinschaft hätte bei den Ausbrüchen in Westafrika bereits reagieren müssen. Auch sollten wir den Impfstoff als EU gemeinsam bestellen und keine Alleingänge planen.“

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