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Narren feiern „Schmotzigen Dunschtig“: Krisen zum Trotz

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Weiberfastnacht - Närrischer Rathaussturm in Weingarten
Die Gruppe SchussaGugga heizt den Narren während des Rathaussturms mit Musik ein. © Felix Kästle/dpa

Erst Corona-Lockerungen, dann der Einmarsch Russlands in die Ukraine: Mit gemischten Gefühlen sind viele Narren im Land am „Schmotzigen Dunschtig“ in die Hochphase der Fastnacht gestartet. Sollten die Feierlichkeiten wegen des Kriegs jetzt abgesagt werden?

Weingarten - Ganz kurz habe sie sich an den Golfkrieg 1991 erinnert gefühlt, sagt Susanne Frankenhauser, kurz bevor sie kostümiert Bürgermeister Alexander Geiger das Regiment über die Stadt in Form eines riesigen Schlüssels entreißt. Wie viele Narren im Südwesten feiert Frankenhausers Plätzlerzunft in Weingarten den „Schmotzigen Dunschtig“ oder „Gumpigen Donnerstag“ als einen Höhepunkt der schwäbisch-alemannischen Fastnacht - wenige Stunden nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine.

„Ein schwieriges Thema“, findet Frankenhauser. Im Jahr 1991 hätten die Narren im Südwesten wegen des ersten Golfkriegs schließlich schon mal die Fastnacht abgesagt. „Heute Morgen beim Aufstehen habe ich natürlich ganz kurz überlegt: Kann man dann überhaupt in den Gumpigen Donnerstag starten, wenn gerade Krieg ausbricht?“ Wenig später ist das närrische Treiben in Weingarten in vollem Gange.

Mit gemischten Gefühlen sind am Donnerstag viele Narren im Südwesten in die Hochsaison der Fastnacht gestartet. „Wir werden wahrscheinlich nicht mehr so fröhlich feiern wie sonst“, sagte der Sprecher der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), Volker Gegg. Einige Veranstaltungen hätten schon frühmorgens angefangen, teils habe man vom Krieg in der Ukraine erst später erfahren. „Da kann man keinem vorwerfen, dass er es nicht abgesagt hat.“

Das Programm für die kommenden Tage hatten viele Zünfte coronabedingt ohnehin schon verkleinert. Große Umzüge finden vielerorts nicht statt. Nur in der Fastnachtshochburg Rottweil sind am Fasnetsmontag und am Dienstag zwei größere Narrensprünge mit je bis zu 4500 Zuschauern geplant. Sollten die angesichts des Kriegs in die Ukraine jetzt doch noch abgesagt werden - so wie das vom Festkomitee Kölner Karneval für Montag geplante Rosenmontagsfest im Rheinland?

Man beobachte die Lage zwar „mit großer Sorge“, sagte der Sprecher der Stadt Rottweil, Tobias Hermann, am Donnerstag. Mit 1991 sei die Situation nicht vergleichbar: „Der Absage zu Zeiten des Golfkrieges ging aber ein längerer zeitlicher Vorlauf voraus.“ Ein Aus für die Narrensprünge müsse „auf breiter Basis“ mit den Bürgern diskutiert werden - und im Einvernehmen mit der Narrenzunft erfolgen.

„Die Menschen in Rottweil haben sich darauf eingestellt, dass nach der Absage der Fasnet im letzten Jahr nun wieder ein Stück weit Normalität ermöglicht wird“, sagte Hermann. „Die Karten für die beiden Sprünge sind nahezu ausverkauft. Eine Rückabwicklung in so kurzer Zeit ist daher schwer vorstellbar.“

Auch in Villingen-Schwenningen im Schwarzwald konnte man sich am Donnerstag eine erneute Absage der Fastnacht nicht vorstellen. „Klar muss man sich da Gedanken machen“, sagte der Zunftmeister der Historischen Narrozunft Villingen, Anselm Säger. „Und wir schaffen es nie, es bei so einer Entscheidung allen recht zu machen. Aber es tut der Gesellschaft gut, dass wieder etwas Gemeinschaftliches passiert.“ Man habe sich deshalb unter den Zünften darauf verständigt, das coronabedingt ohnehin stark reduzierte Programm „laufen zu lassen“.

Bei der VSAN rechnet man damit, dass sich die meisten Zünfte ähnlich entscheiden werden. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass da noch was abgesagt wird“, sagte VSAN-Sprecher Gegg. „Wenn wir wegen jedem Krieg abgesagt hätten, hätten wir in den letzten 50 Jahren wahrscheinlich nie eine Fastnacht gehabt. Und nach dem letzten Jahr freuen wir uns, dass wir überhaupt was machen können.“

Das sei auch eine Lehre aus dem Jahr 1991 gewesen, sagte die Pressesprecherin der Plätzlerzunft Altdorf-Weingarten, Bettina Haider. „Wir können den Menschen nicht helfen, indem wir damit auf etwas verzichten, was wir uns ein Stück weit hart erarbeitet haben.“ Auch deshalb habe man sich nach der Absage während des ersten Golfkriegs eigentlich entschieden, „so was nie mehr zu tun“.

Ignorieren wolle man den Krieg in der Ukraine aber auch bei der Fastnacht nicht, sagt Zunftmeisterin Frankenhauser. Bürgermeister Alexander Geiger spricht deshalb darüber zu den in Weingarten herrschenden Narren: „Auch wenn wir hier schunkeln und fröhlich sind, denken wir doch an die Menschen in der Ukraine - und sind entsetzt über die Entscheidungen, die Wladimir Putin gefällt hat.“ Man wünsche allen, dass Frieden einkehrt, sagt Geiger. „Hier im Kleinen wollen wir alle uns dafür einsetzen. Für den Weltfrieden beten wir.“

Im badischen Lahr wird Oberbürgermeister Markus Ibert (parteilos) indes wegen des Krieges nicht an Fastnachtsveranstaltungen teilnehmen. In der 48.000-Einwohner-Stadt leben etwa 10.000 Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion mit ihren Angehörigen. Sein Mitgefühl und seine Solidarität gelte Menschen in der Ukraine und in Russland. Er sei aber auch in Gedanken bei allen Bürgern aus Lahr und dem Umland, die nun in großer Sorge um ihre Verwandten und Freunde im Konfliktgebiet seien, begründete Ibert seine Absage. In Lahr leben auch 354 Russen und 102 Ukrainer. dpa

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