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Grausam oder lustig? Das Problem von Tieren als Petfluencer in den sozialen Medien

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Von: Franziska Schuster

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Mit Tieren Geld verdienen: In den sozialen Medien boomen Accounts mit Tieren. Doch hinter den „Petfluencern“ steckt oft mehr Leid, als auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Stuttgart - Mit seinem kleinen Zylinder und den Mini-Söckchen sieht der afrikanische Weißbauchigel „Mr. Pokee“ fast schon menschlich aus. Auf den Rücken gedreht liegt er in der Hand seiner Besitzerin. Die Art und Weise, wie er das Maul dabei aufreißt, lässt es so aussehen, als würde der kleine Igel lächeln. 1,8 Millionen Follower hat das Tier auf Instagram. Und dabei lebt „Mr. Pokee“ bereits seit 2019 nicht mehr. Kurz nach seinem Tod wurde er durch einen Artgenossen namens „Herbee“ ersetzt. Denn der Instagramkanal wird von der Halterin nicht nur aus Spaß an der Freude betrieben, es ist ein richtiges Business.

„Mr. Pokee“ und „Herbee“ sind nur zwei von vielen Tieren, die in vermeintlich niedlichen Postings auf Plattformen wie Instagram oder Facebook präsentiert werden. Die Arbeit als „Petfluencer“ ist inzwischen ein Geschäftsmodell geworden. Egal ob Hunde, Katzen oder exotische Tiere wie der afrikanische Weißbauchigel - sie alle generieren Klicks und oftmals dadurch Geld. Dass die Fotos und Videos der Tiere jedoch gar nicht so harmlos sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen, wissen nur wenige. Wer jedoch genauer darüber nachdenkt, realisiert womöglich, dass es wohl kaum stressfrei für den Igel sein dürfte, in Kleidung gesteckt zu werden. Oder gar ganz gegen seine Natur auf dem Rücken liegen zu müssen. Oder noch besser: Neben einem Fressfeind, einer Katze, für „niedliche“ Fotos vor die Kamera gesetzt zu werden.

Ein Trend, der auch die Tierschutzorganisation Peta mit Sorge beobachtet. „In den letzten Jahren ist es auf jeden Fall zu einem Trend geworden, dass es deutlich mehr Menschen gibt, die mit Tieren werben“, sagt Jana Hoger, Peta-Fachreferentin im Bereich Tierische Mitbewohner, im Gespräch mit BW24*. Nicht immer ist es dabei leicht, zwischen „lustigen“ Inhalten das Tierleid zu unterscheiden und Quälerei zu erkennen.

Tiere erschrecken für Klicks: Wenn mit Tierleid Geld generiert wird

Wohl jeder hat es schon einmal getan: Dem niedlichen Welpenvideo ein Like verpasst, unter dem lustigen Katzenvideo einen Freund markiert. Doch was für uns „niedlich“ oder „spaßig“ aussieht, bringt viele Tiere in stressige Situationen. Man muss sich dabei nur die zahlreichen Videos in Erinnerung rufen, in denen Katzen mit Gurken erschreckt wurden. Während Zuschauer über erschrockene und panisch davon laufende Katzen lachten, schlugen Tierschützer Alarm. „Das ist für uns im ersten Moment lustig, aber die Katzen werden da in Todesangst versetzt. Auch wenn es nur für einen kurzen Moment ist, hat das etwas mit Tierleid zu tun, da man ja ein Tier nicht in eine Situation bringen sollte, in der es sich unwohl fühlt“, sagt auch Jana Hoger.

Der „Gurken-Trend“ ist nur einer von vielen, der immer wieder aus dem Ausland auch in die sozialen Medien nach Deutschland schwappt. Immer mehr Hunde- und Katzenbesitzer kreieren Accounts für ihre Lieblinge, hoffen damit Geld generieren zu können. Doch inzwischen sind es laut Jana Hoger nicht mehr nur „gängige Haustiere“, die auf den Plattformen präsentiert werden. „Immer häufiger sind es auch exotische Tiere, die sich natürlich hier in Deutschland sehr unwohl fühlen“, so die Tierschützerin.

Das Problem dahinter: Oftmals steigt durch solche Accounts auch die Nachfrage nach diesen exotischen Tieren enorm an. Beispielsweise werden inzwischen afrikanische Weißbauchigel wie „Mr. Pokee“ für wenig Geld auf Börsen im Internet verkauft. „Die Menschen wissen überhaupt nichts über die Tierart oder über deren angemessene Haltung. Oftmals werden sie fehlernährt und sterben dann nach kürzester Zeit unter diesen haltungsbedingten Krankheiten“, berichtet Jana Hoger. Auch mit Raubtieren wie Füchsen wird immer häufiger auf Instagram geworben. „Man muss sich klar sein, dass es Wildtiere sind, die eigentlich aufgrund ihrer Natur Angst vor dem Menschen haben.“ Für Klicks werden diese dann aber in für sie unnatürliche Situationen gebracht. „Da sehen wir eine ganz große Tierschutzproblematik.“

Petfluencer im Netz: Wo fängt Tierleid an?

Doch wo hören „normale“ Beiträge auf und wo fängt Tierleid an? Ganz so einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten. „Es gibt natürlich gewisse Anzeichen, die man als Mensch erkennen kann, wenn etwas ein Tier in Stress versetzt. Aber gerade bei exotischen Tieren ist das für Laien eher schwierig zu erkennen. Prinzipiell wäre unser Wunsch, solche Bilder oder Videos gar nicht zu unterstützen.“ Generell lässt sich sagen: Wenn ein Tier in eine unnatürliche Situation gebracht wird, in der es sich offensichtlich unwohl fühlt, oder sogar Zeichen von Angst zeigt, ist dies mit Leid verbunden.

Jana Hoger geht in ihrer Definition noch weiter: „Immer dann, wenn ein menschliches Interesse hinter diesen Bildern oder Videos steht, dann hat das nichts mehr mit Freiwilligkeit eines Tieres zu tun. Dann wird das Tier als Objekt verwendet, für einen gewissen Sinn und Zweck - in diesem Fall für Klicks, um Werbung zu machen und letzten Endes um Profit zu generieren. Und da sollte man auf jeden Fall die Finger lassen.“

Woofstock in Kanada
Niedlich oder schon Tierquälerei? Für Videos und Fotos werden Tiere oft in Situationen gedrängt, in denen sie sich unwohl fühlen. © Zou Zheng/dpa

Ihr Tipp: Beiträge auf Social Media meiden oder ignorieren, auf denen eindeutig Tiere kommerziell ausgenutzt werden und in denen offensichtlich ist, dass sich das Tier unwohl fühlt. „Jeder Klick generiert, dass dieses Video oder Foto noch mehr Menschen erreicht“, warnt die Tierschützerin. Ist das Tierleid offensichtlich, wird das Tier beispielsweise gequält, den Beitrag umgehend dem jeweiligen Portal melden.

Französische Bulldogge, Mops und Co.: Qualzuchten erleben Boom durch Internetvideos

Was viele beim Klick auf Video und Bild vergessen: Auch gewisse Zuchten können Tierleid hervorrufen. Qualzuchten wie etwa die französische Bulldogge erleben aktuell einen wahren Hype auf Instagram und Co. Röchelnde und schnarchende Bulldoggen empfinden viele als lustig und unterhaltsam. Doch dahinter stecken gesundheitliche Probleme. Durch die verkürzten Schnauzen bekommen die Tiere nur schwer Luft. „Viele machen sich gar keine Gedanken darüber, was mit diesem Aussehen verbunden ist“, sagt Jana Hoger.

Mittlerweile geht Instagram immerhin gegen Inhalte, die Tierquälerei beinhalten oder sogar Tötungen zeigen, vor. „Es ist natürlich ein guter Anfang. Aber wir sehen, dass die sozialen Medien eben eine sehr große Plattform für Tierquälerei bieten, gerade auch auf YouTube.“ Über das Kontaktformular erhält Peta Baden-Württemberg viele solcher Videos und Fotos zugeschickt. Doch meist sind die Tierschützer hilflos. Woher das Video kommt, wer es erstellt und verbreitet hat, lässt sich nur schwer nachvollziehen.

Jana Hoger wünscht sich im Namen von Peta auch ein Einschreiten des Gesetzgebers. „Die Gesetze, die wir haben, reichen oft nicht aus. Menschen kommen viel zu oft und viel zu leicht mit Tierquälerei davon.“ Auch beim illegalen Welpenhandel in Baden-Württemberg wäre ein Einschreiten des Gesetzgebers wichtig. Es liegt daher an jedem einzelnen, gegen Tierleid im Netz sowie im wahren Leben vorzugehen. So süß auch die Igel „Mr. Pokee“ und „Herbee“ anzusehen sind - ihr Wohl sollte ihrer Halterin und auch den Instagramnutzern mehr am Herzen liegen, als „niedliche“ Bilder. *BW24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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