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Biennale-Künstlerin: Begriffe wie Nation lösen sich auf

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Deutscher Pavillon auf der Art Biennale
An der Fassade des Pavillons der Art Biennale Venedig im Giardini ist die Aufschrift „Germania“ angebracht. © Felix Hörhager/dpa

Die Biennale in Venedig gilt neben der documenta in Kassel als wichtigste Präsentation von Gegenwartskunst. In der Lagunenstadt nimmt sich die Künstlerin Maria Eichhorn den Deutschen Pavillon vor.

Berlin/Venedig - Die Türen des umstrittenen Baus sind für neugierige Blicke noch fest verschlossen. Im Deutschen Pavillon auf dem Gelände der Biennale in Venedig bereitet die Berliner Künstlerin Maria Eichhorn in diesen Wochen den deutschen Beitrag für die neben der documenta in Kassel international bedeutendste Präsentation von aktueller Kunst vor. Coronabedingt musste die Biennale um ein Jahr verschoben werden. Nun sollen die berühmten Giardini im Stadtteil Castello am östlichen Ende der Lagunenstadt vom 23. April bis 27. November 2022 die weltweite Kunstgemeinde anlocken.

Die in Bamberg geborene Eichhorn war bereits zweimal mit Arbeiten in Venedig, nun hat Kurator Yilmaz Dziewior ihr den Deutschen Pavillon anvertraut. „Diesmal steht meine Arbeit mehr im Fokus der Öffentlichkeit und der Medien“, beschreibt die 59-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin den Unterschied. „Wenn wir aber nicht nur den einzelnen Pavillon, sondern die gesamte Biennale, alle Länderbeiträge betrachten, tritt mein Beitrag wieder zurück und ist einer unter vielen.“

Die Künstlerin folgt auf Namen wie Gerhard Richter (1972), Joseph Beuys (1976), Hans Haacke (1993), Rosemarie Trockel (1999), Isa Genzken (2007) oder Christoph Schlingensief (2011). Mehrfach gab es für die Arbeiten aus Deutschland den Goldenen Löwen, zuletzt 2017 für Anne Imhof.

Immer wieder wurde dabei die Vergangenheit des umstrittenen Baus thematisiert. Die Nazis versetzten ihn 1938 mit faschistischer Herrschaftsarchitektur. Imhof ließ den abgezäunten Pavillon von Dobermännern bewachen, Haacke zertrümmerte den Travertinboden zu einem Haufen von Steinplatten, die an Caspar David Friedrichs „Eismeer“ denken ließen. „Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich Künstlerinnen und Künstler mit dem Pavillon umgegangen sind, welche Aspekte dabei aufgetaucht und Zusammenhänge klar geworden sind“, sagt Eichhorn. „All diese früheren künstlerischen Arbeiten üben ganz selbstverständlich einen Einfluss auf zukünftige Beiträge aus, auch auf meinen.“

Die für Venedig typische Präsentation in nationalen Bauten spielt für die Berliner Künstlerin keine Rolle. „Begriffe wie Nation lösen sich aus meiner Sicht immer mehr auf“, sagt sie. „Auch wenn Kunst in nationalen Pavillons gezeigt wird, bleibt Kunst, wie ich sie verstehe, international und kosmopolitisch, anarchisch, widerständig, politisch und polemisch, fragmentarisch, kritisch und unabhängig davon.“

Eichhorns Arbeiten entstehen häufig als Prozess, der einigen Vorlauf benötigen kann. Mit der pandemiebedingten Verschiebung hat sie für Venedig mehr Zeit gewonnen, was sich auf den Prozess des Entstehens niederschlagen kann. Zur documenta 11 in Kassel gründete sie 2002 eine Aktiengesellschaft, deren Firmenkapital von 50.000 Euro nicht vermehrt werden durfte, sondern als Kunstwerk in bar ausgestellt wurde.

Mitunter bewegen sich große Teile ihrer Arbeiten in der Vorstellungskraft von Besucherinnen und Betrachtern. Sie hinterfragt Betriebssysteme der Kunst. Für eine Ausstellung in Köln ließ sie sich als Mitarbeiterin der Stadt anstellen und dokumentierte ihren komplizierten Arbeitsvertrag als Künstlerin. In London verschaffte sie den Angestellten einer Galerie eine Auszeit, ihre dortige Ausstellung blieb über die gesamte Laufzeit einfach geschlossen.

Auch mit Blick auf Venedig geht Eichhorn davon aus, dass immer etwas zu sehen ist, auch wenn man nichts sieht. „Die Zugänglichkeit meiner Arbeit ist mir vor allem bei diesen großen Ausstellungen sehr wichtig“, sagt sie. „Deshalb versuche ich immer, mehrere Zugangsebenen einzubauen, um es den Besucherinnen und Besuchern zu erleichtern, die Arbeit zu rezipieren. Ich versuche auch immer, ihnen die Entscheidungsfreiheit zu lassen, sich aktiv oder passiv zu meiner Arbeit zu verhalten.“

Immer wieder thematisiert sie die deutsche Vergangenheit. In München drehte sie ausgesuchte Werke einer Sammlung um, die Rückseiten offenbarten die Namen jüdischer Vorbesitzer. Auf der documenta 14 erforschte sie 2017 die Enteignung von jüdischem Besitz. Dafür bestückte sie ein raumhohes Regal mit unrechtmäßig erworbenen Büchern. „Meine Arbeiten befassen sich vor allem mit der Gegenwart“, sagt Eichhorn. „Also: wie gehen wir heute mit den Nachwirkungen unserer Geschichte um?“

Das dürfte auch ihre Arbeit in Venedig beeinflussen. Die Lagunenstadt spielt ebenfalls eine Rolle. „Venedig hat eine magnetische Anziehungskraft, der man sich kaum entziehen kann“, sagt Eichhorn. Sie beobachte aber gleichzeitig die Auswirkungen einer Wirtschaftspolitik mit Mieten, die ins Endlose stiegen, und einem Sozialgefüge, das auseinanderbreche. „Ich sehe in Venedig immer beide Seiten, diesen unglaublichen Charme und diesen Massentourismus, der den Menschen extrem zusetzt und das sensible ökologische Gleichgewicht in der Lagune zerstört.“ dpa

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