Geflüchtete aus der Ukraine warten am Hauptbahnhof
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Geflüchtete aus der Ukraine warten am Hauptbahnhof.

Flüchtlinge in Berlin: Viele Helfer und enorme Aufgaben

Immer mehr Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine erreichen Berlin. Die Hilfsbereitschaft ist groß. Die Frage ist, ob der Senat es schafft, alle unterzubringen, die bleiben wollen, wenn die Zahlen steigen.

Berlin - Eine Woche nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine treffen immer mehr Flüchtlinge in Berlin ein. „Gestern kamen fünf Direktzüge aus Warschau mit insgesamt 3000 bis 4000 Menschen an einem Tag“, sagte Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke) am Donnerstag bei einer Ausschusssitzung im Abgeordnetenhaus. „Heute sind es noch einmal deutlich mehr, die insgesamt kommen.“ Kipping ließ keinen Zweifel an der Dimension der Aufgaben: „Das, was auf uns zukommt, wird enorm“, sagte sie.

Bei der Ankunft von Zügen gab es am Donnerstagmittag zum Teil großes Gedränge auf dem Bahnsteig. Hinweisschilder leiteten die ankommenden Menschen in das erste Untergeschoss des Bahnhofes, wo Dutzende Helfer warteten. Die Bahn und das DRK hatten Informationsstände aufgebaut. Viele Ukrainer wurden zum Ankunftszentrum in Reinickendorf gefahren, wo sie auf Unterkünfte verteilt wurden. Russisch und ukrainisch sprechende Menschen standen als Dolmetscher bereit.

Im Bahnhof stapelten sich in Kisten und auf Tischen gespendete Lebensmittel wie Brötchen, geschmierte Brote, Müsli- und Schokoriegel, Kuchen, Obst, warme Suppe, Kaffee und Hunderte Wasserflaschen. Helfer verteilten das Essen. An anderen Stellen lagen oder hingen zahlreiche Kleidungsstücke für Erwachsene und Kinder. Tische mit Mal- und Bastelsachen standen für Kinder bereit. „Es ist chaotisch, aber wir sind jeden Tag organisierter“, sagte Alina Drokina, eine freiwillige Helferin im Ankunftsbereich.

Anders als 2015 bei der Ankunft von Tausenden Flüchtlingen im Berliner Lageso, dem Landesamt für Soziales, mussten die Ukrainer auch nicht in Hitze oder Kälte draußen warten, sondern wurden im halbwegs warmen Bahnhof betreut und weitergeleitet.

Viele Flüchtlinge kommen privat bei Verwandten oder Freunden unter. Es gibt aber auch viele Berliner wie Doro Friedrich und Andreas Waskowski, die bereit sind, Menschen in den eigenen vier Wänden aufzunehmen. „Es ist eine Verpflichtung. Wir haben Platz, also helfen wir“, sagte Waskowski. Weitere Menschen standen im Bahnhof mit selbst geschriebenen Schildern, auf denen Zimmer oder andere Unterkünfte angeboten wurden.

Die Zahl der Flüchtlinge steigt deutlich. „Am Montag haben wir über unsere Strukturen 350 untergebracht, am Dienstag 1400 - an einem Tag auf den anderen ein Anstieg um den Faktor vier“, sagte Kipping. Am Mittwoch waren es laut der Sozialsenatorin nach vorläufigen Zahlen 1700, von denen allerdings 1000 in andere Bundesländer gebracht worden seien.

„Berlin steht vor einer historischen Herausforderung“, sagte Kipping. Die Dimension sei unfassbar. „Es ist wahrscheinlich die größte Flüchtlingsbewegung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer ganz eigenen und schnellen Dynamik“, sagte die Senatorin.

Seit Donnerstag fahren zusätzlich eingesetzte Pendelzüge sechs Mal täglich zwischen Frankfurt (Oder) an der polnischen Grenze und Berlin. „Die eingesetzten Züge können insgesamt rund 5000 Reisende aufnehmen. Damit verdoppelt die DB das Angebot zwischen der polnischen Grenze und Berlin“, so die Bahn.

Bislang kommen die Menschen mit täglich acht internationalen Fernzügen über Frankfurt (Oder) nach Deutschland. Insgesamt können Flüchtlinge laut Bahn in rund 40 internationalen Fernzügen über Polen, Österreich und Tschechien nach Deutschland einreisen.

Bis Berlin, Dresden, Nürnberg und München reicht der ukrainische Pass oder Personalausweis. Für die Weiterreise können Flüchtlinge den Gratisfahrschein „helpukraine“-Ticket erhalten. Ein Drittel aller Flüchtlinge, die Berlin mit dem Zug erreichen, haben dies nach Bahn-Angaben schon genutzt, um weiterzureisen.

Exakte Zahlen dazu, wie viele Flüchtlinge aus der Ukraine bereits in Berlin seien, gebe es nicht, sagte Kipping. „Ganz viele kommen privat mit Autos und werden von Verwandten abgeholt.“ Die tauchten statistisch nicht auf. Auch bei den Menschen, die mit dem Zug in Berlin ankommen, sei zunächst nicht bekannt, wie viele von ihnen weiterreisen, wie viele zu Verwandten wollten, wie viele untergebracht werden müssten.

In den vergangenen Tagen hatte der Senat von mindestens 20 000 Flüchtlingen gesprochen, die in der Hauptstadt erwartet würden. Berlin müsse sich auf deutlich mehr einstellen, sagte Kipping. Nach bisherigen Erfahrungen wolle ein Großteil der Flüchtlinge aber nicht in Berlin bleiben.

Die Mehrzahl der Menschen, die in Berlin aus dem Zug ausstiegen, werde nach wie vor privat untergebracht. „Und nicht, weil wir uns nicht um die kümmern wollen.“ Bisher habe noch niemand auf dem Bahnhof übernachtet, betonte Kipping. Die Unterbringung der Flüchtlinge sei aber eine enorme Kraftanstrengung. „Wir schaffen jetzt Unterkunftsplätze, was das Zeug hält.“

Kipping drängt außerdem auf ein schnelles Engagement des Bundes bei der Koordination zur Aufnahme der Flüchtlinge. Im Fall eines Asylantrags gebe es ein System für die bundesweite Verteilung der Antragsteller. „Die Kriegsflüchtlinge sollen nach allem, was der Bund gesagt hat, ausdrücklich nicht über das Asylverfahren registriert werden“, sagte sie. „Da muss es ein analoges Verteilverfahren geben“, so die Senatorin. „Wir haben jetzt natürlich bilateral mit einzelnen Bundesländern angefangen und das lief super. Aber das ersetzt nicht die Verantwortung des Bundes.“ dpa

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