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Brote schmieren für Geflüchtete aus der Ukraine

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Geflüchtete aus der Ukraine in Cottbus
Geflüchtete aus der Ukraine werden in Cottbus empfangen. © Frank Hammerschmidt/dpa

Die lange Zugfahrt ist den ankommenden Geflüchteten aus der Ukraine anzusehen. Jetzt: ein Schluck frisches Wasser, ein Brot, ein paar tröstende Worte in der Muttersprache und ein Moment des Verschnaufens.

Frankfurt - (dpa/bb) - Die freiwilligen Helfer in den grünen Westen auf dem Bahnhof in Frankfurt (Oder) sollen auffallen. „Wir wollen den ankommenden Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine erste Hilfe und Informationen bieten“, sagt die Rentnerin Jolanta Saches. Die gebürtige Polin lebt seit 40 Jahren in der Oderstadt und gehört zu einer Gruppe Freiwilliger, die sich über eine WhatsApp-Gruppe organisiert.

In Brandenburg kommen die Flüchtlinge zunächst per Bahn in Frankfurt (Oder) an. Ein Großteil fährt mit dem Zug weiter nach Berlin. Das Land stellt sich nach Angaben des Innenministeriums vom Montag auf eine höhere Zahl von ukrainischen Kriegsflüchtlingen ein als bisher angenommen. Bisher war für das Land die Zahl von insgesamt 10 000 bis 11 000 Betroffenen geschätzt worden. In der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende im Land wurden seit Beginn des Ukraine-Krieges 1057 Menschen mit Ukraine-Bezug aufgenommen (Stand: Montagmorgen), davon 368 Menschen allein am Wochenende.

Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) zeigte sich am Montag sehr bewegt über die Entwicklungen in der Ukraine. „Unsere Gedanken sind auch heute hier bei den Kindern, Frauen und Männern, bei den Menschen, die um ein nacktes Leben fürchten müssen. Mein Dank gilt allen, die mit einer unglaublichen Solidarität und großem Herzen den Menschen helfen, die jetzt Hilfe brauchen (...)“, sagte Woidke bei einem Termin in Cottbus. „Es ist ein sinnloser und verbrecherischer Krieg, den der russische Präsident befohlen hat. Es ist ein Krieg gegen die Demokratie, gegen die Freiheit und damit auch ein Krieg gegen uns alle.“

Beim Integrationsministerium gingen über die seit vergangenen Mittwoch freigeschaltete Mail-Adresse nach eigenen Angaben etwa 500 Anfragen von Privatleuten ein, die etwa 1200 Übernachtungsplätze für Geflüchtete anboten. Darüber würden die jeweiligen Landkreise und kreisfreien Städte informiert, teilte das Ministerium auf Anfrage mit. Diese Angebote sind vor allem für die Anfangszeit gedacht, wenn kurzfristig, schnell und unkompliziert Unterkünfte vor Ort benötigt werden.

Wenn Helferin Saches in Frankfurt (Oder) über die Begegnungen und Erlebnisse der vergangenen Tage spricht, stockt ihre Stimme immer wieder. Gerade seien im Auto vier Studenten aus Kiew angekommen, die sich zum Frankfurter Bahnhof durchgeschlagen hätten. Sie seien in Kiew beschossen worden, berichtet Saches von dem Gespräch. „Die jungen Leute haben so geweint, weil sie nicht wussten, wie nun weiter. Das ist schwer zu ertragen.“

Die Spendenbereitschaft von Privatleuten sei enorm, sagt Saches, eine von etwa 30 bis 40 Helfern auf dem Bahnhof am Montag. Frankfurter würden Geld vorbeibringen - teilweise nicht unbeträchtliche Beträge. „Dafür kaufen wir in Slubice (Polen) Wasser in Flaschen. Da es dort keine Pfandpflicht gibt, bekommen wir mehr Flaschen für das gespendete Geld“, sagt sie.

In dem Lager auf dem Bahnhof stapeln sich Pakete mit Babywindeln, auch Babynahrung kann bei Bedarf angeboten werden. Die Helfer - auf den Westen steht, ob sie ukrainisch, russisch, polnisch oder englisch sprechen - verteilen nun Wasserflaschen.

„Auf Süßigkeiten besteht kein Appetit“, stellt Saches fest. Auf der Fahrt durch Polen seien die Flüchtlinge damit auf ihren Stopps ausreichend versorgt worden. Die Frankfurter seien dann spontan nach Hause gefahren, hätten Brote geschmiert, belegt und verpackt. „Der herzhafte Imbiss wird nun gern genommen“, sagt sie.

Saches, fast 70 Jahre alt, sei am Sonntag elf Stunden am Bahnhof gestanden. „Heute kann ich nicht so lange hier bleiben, das verkrafte ich nicht“, sagt sie und entschuldigt sich, dass wieder Tränen kommen und sie kaum zu verstehen ist.

Der Frankfurter Oberbürgermeister René Wilke (Linke), der die Flüchtlinge am Bahnhof empfangen hat, wies auf die vielen ehrenamtlichen Helfer hin, die die Betreuung der wachsenden Zahl von Kriegsflüchtlingen auf Dauer so nicht mehr bewältigen könnten. „Wir brauchen hier professionelle Strukturen“, forderte er.

Unterdessen geht auch die Hilfsbereitschaft in anderen Regionen weiter. Am Montagmorgen war vom Landkreis Oberhavel ein Transport mit Hilfsgütern ins 750 Kilometer entfernte Biala Podlaska in Polen aufgebrochen. Dort befinden sich viele Ukrainer, um im Falle einer möglichen Entspannung des Konfliktes so schnell wie möglich in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Für die Unterkünfte, die nun hergerichtet werden müssen, seien 100 Betten und Matratzen, 50 Isomatten und Schlafsäcke sowie Verbandsmaterial auf die Reise gegangen. Aber auch Hygieneartikel sowie fünf Tonnen haltbare Lebensmittel wie Mehl, Öl und Milch seien transportiert worden.

In Potsdam ist im Begegnungscafé des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerkes am Mittwoch ein erstes Treffen geplant. Dort sollen sich Ukrainer und Potsdamer kennenlernen können. dpa

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