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Zahl der Privatinsolvenzen deutlich gestiegen

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Der Anstieg der Privatinsolvenzen war Anfang 2021 noch der Reform des Insolvenzrechts geschuldet, nach der Restschulden schon nach drei Jahren erlassen werden können. Doch inzwischen führt die Corona-Krise bei immer mehr Menschen zu Einkommensverlusten und Überschuldung.

Potsdam - Das Ersparte aufgebraucht, das Bankkonto überzogen, die unbezahlten Rechnungen stapeln sich - immer mehr Brandenburger sind überschuldet und geraten in die Privatinsolvenz. Nach einem Rückgang über mehr als zehn Jahre sind die Fallzahlen im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. In den ersten drei Quartalen wurden in Brandenburg laut Statistischem Bundesamt 2027 Privatinsolvenzverfahren eröffnet, nachdem eine außergerichtliche Einigung nicht zustande gekommen war. Das waren 41,4 Prozent mehr Fälle als im gleichen Zeitraum 2020.

Die Insolvenz- und Schuldnerberatungen sprechen von einem teilweise alarmierenden Anstieg der Nachfragen von Ratsuchenden. „Die Kolleginnen und Kollegen in den Beratungsstellen arbeiten häufig an ihren Kapazitätsgrenzen und darüber hinaus“, berichtet Claudia Niemeyer, Referentin für Existenzsicherung im Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg. In einigen Beratungsstellen komme es regelmäßig zu Wartezeiten, manchmal bis zu vier Monaten.

Bei vielen Erwerbstätigen seien die Rücklagen wegen coronabedingter Einkommensverluste aufgebraucht. „Die steigenden Lebenshaltungskosten verschärfen das Risiko einer Ver- und Überschuldung nochmals, so dass wir mit einer weiteren Zunahme der Beratungen rechnen“, sagt Niemeyer.

Auch in den Beratungsstellen des Deutschen Roten Kreuzes haben die Anfragen von Schuldnern spürbar zugenommen, wie Sprecherin Marie-Christin Lux berichtet. „In vielen Fällen geht es um Miet- und Energieschulden. Zunehmend spielen auch nicht mehr bedienbare Kredite eine Rolle.“ Auch Forderungen aus Internetkäufen hätten zugenommen. Sehr starken Beratungsbedarf hätten Menschen im Alter von 20 bis 39 Jahren, sagt Lux. „Viele beziehen Arbeitslosengeld II, sind selbstständig, erhalten eine kleine Rente oder sind alleinerziehend.“

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform führte den Anstieg der vermehrten Privatinsolvenzen im ersten Halbjahr 2021 auf die Reform des Insolvenzrechts zurück, die zum 1. Januar 2021 in Kraft trat. Danach wird Schuldnern ihre Restschuld bereits nach drei statt wie bislang nach sechs Jahren erlassen. Viele Verbraucher hatten ihren Insolvenzantrag bis zum neuen Gesetz zurückgehalten. Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände überwogen dann im weiteren Jahresverlauf aber die Folgen der Corona-Pandemie wie Kurzarbeit und Entlassungen.

Dies bestätigt auch Karola Bresching, Schuldner- und Insolvenzberaterin beim Betreuungsverein Eisenhüttenstadt der Arbeiterwohlfahrt (AWO). „Viele Ratsuchende haben gar nicht gewusst, dass die Laufzeit der Restschuld verkürzt worden ist“, meint sie. Die Vizechefin des Betreuungsvereins erwartet ebenfalls, dass sich die Zunahme der Beratungsfälle fortsetzen wird.

Bereits Ende August 2021 hatte es in Brandenburg mehr eröffnete Privatinsolvenzverfahren gegeben, als im gesamten Jahr 2020. Dabei schneidet die Mark im Bundesvergleich noch relativ gut ab. Das Land hatte in den ersten drei Quartalen 2021 nach Sachsen-Anhalt (29,4 Prozent) den zweitniedrigsten Zuwachs. Bundesweit stiegen die Verfahren im Berichtszeitraum um rund 75 Prozent.

Um die Beratungsleistung auch künftig zu sichern, sieht Niemeyer die Kommunen, die für die Schuldnerberatung zuständig sind und das Land, das für die Insolvenzberatung verantwortlich ist, gleichermaßen in der Pflicht. „Die Anhebung der Pauschalvergütung für die Privatinsolvenzberatung 2019 war wichtig, muss aber dynamisch sein, zum Beispiel angepasst an die steigenden Lohnkosten, und nach nachvollziehbaren Kriterien weiterentwickelt werden.“ Dies gelte auch für die Vergütung der Schuldnerberatung. dpa

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