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Risikofaktor Mann: Warum Covid-19 für Frauen weniger tödlich ist als für Männer

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Von: Martina Lippl

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Corona Intensivstation
Bei Covid-19 gibt es große Unterschiede im Verlauf. Wer auf der Intensivstation ums Leben kämpft, sind vor allem ältere Patienten. © Sebastian Kahnert/dpa

Eine Corona-Infektion kann sehr unterschiedlich verlaufen. Einige Menschen erkranken besonders schwer an Covid-19. Ein Risikofaktor scheint offenbar das Geschlecht zu sein. Doch warum?

Hamburg - Einige Menschen entwickeln trotz einer Corona*-Infektion keine Symptome, andere kämpfen auf Intensivstationen um ihr Leben. Das Alter gilt bei Covid-19 als ein Risikofaktor für einen schweren oder gar tödlichen Verlauf. Und auch bei Männern und Frauen ist ein deutlicher Unterschied zu sehen. Männer sterben häufiger an oder mit einer Corona-Infektion als Frauen. Das Geschlecht hat also offenbar einen Einfluss auf den Ausgang einer Sars-CoV2-Infektion. Warum Covid-19 bei Männern häufiger tödlich verläuft, versuchen Forscher herauszufinden. Es gibt vermutlich viele Faktoren. Schon das Immunsystem von Frauen funktioniert bei Infektionskrankheiten anders als bei Männern.

Corona-Infektion für Männer tödlicher als für Frauen - Zahl der Todesfälle macht das deutlich

Die Zahl der Todesfälle liegt in der Altersgruppe von 35 bis 59 Jahren bei Männern deutlich höher als bei Frauen. Dabei sind bei Frauen deutlich mehr Infektionsfälle gemeldet worden, schlüsselt der Spiegel auf Basis der Zahlen des Robert-Koch-Instituts* (RKI) auf: Bei den Männern wurden in der Altersgruppe von 35 bis 59 Jahren 1,53 Millionen Coronavirus-Infektionen und 4.293 Todesfälle verzeichnet. Bei den Frauen (35 bis 59 Jahren) mit 1,67 Millionen Corona-Fälle starben 1808. In der Altersgruppe der 60 bis 79-Jährigen starben 23.430 Männer gegenüber 12.466 Frauen.

Corona: Risikofaktor Mann

Schon zu Beginn der Corona-Pandemie wurde beobachtet, dass Männer häufiger schwerer an Covid-19 erkranken als Frauen. Die unterschiedlichen Fallzahlen erklärten Forscher beispielsweise bei Männern und Frauen mit Herzinsuffizienz mit einem erhöhten Schlüsselenzym namens ACE2 (Angiotensin Converting Enzyme 2). Sars-CoV-2 nutzte das Enzym ACE2, als Rezeptor, um in eine Wirtszelle einzudringen und sich dann zu replizieren, also zu vervielfältigen. Und das Blut von Männern weist im Vergleich zu Frauen einen höheren Wert des Schlüsselenzyms ACE2 auf.

Risikofaktoren, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die bei Männern häufiger als bei Frauen vorkommen, standen im Verdacht. Auch, dass Männer häufiger rauchen, wurde als Risikofaktor angesehen. Diese Hinweise entkräftete eine große US-Studie mit 300.000 Patientinnen und Patienten. Männer mussten der Studie zufolge häufiger intubiert werden, lagen länger im Krankenhaus und starben auch häufiger als Frauen, auch wenn die Vorerkrankungen statistisch berücksichtigt wurden.

Covid-19: Was läuft bei Frauen besser?

„Es war schon vor der Coronapandemie bekannt, dass Frauen eine schnellere Immunantwort gegen RNA-Viren aufbauen, zu denen Sars-CoV-2 gehört“, erklärt Marcus Altfeld vom Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie in Hamburg im Spiegel. Der Experte für Immunologie erklärt das mit „ganz ursprünglichen Geschlechterunterschieden“, die es „genauso bei der Maus gibt“.

Mediziner führen diesen Vorteil darauf zurück, dass das Immunsystem von Frauen im Fall einer Schwangerschaft auch das ungeborene Kind schützen muss. Nach der Geburt muss das Baby vor einer Infektion geschützt werden. In den ersten Monaten profitiert der Säugling von den Antikörpern in der Muttermilch. Das macht aus der Sicht der Evolution auch Sinn.

Covid-19: So unterschiedlich reagieren Frauen und Männer auf eine Coronavirus-Infektion

Bei einer Infektion mit Sars-CoV-2 spielen die T-Zellen im menschlichen Immunsystem eine wichtige Rolle. T-Zellen erkennen und bekämpfen das Virus direkt in der infizierten Zelle. Bei Frauen reagieren die T-Zellen schneller. Bei einer Covid-19-Infektion entwickelten Frauen eine robustere T-Zell-Antwort* auf das Virus als Männer, wie eine im August 2020 veröffentlichte Studie nahelegt. Welche Auswirkungen diese Ergebnisse auf eine Therapie haben könnte, müssten noch untersucht werden. Die Autoren warnten jedoch davor, Behandlungsschemata ausschließlich auf das Geschlecht der Patienten zu reduzieren.

Frauen haben auch eine schnelle Immunantwort aufgrund der sogenannten Typ1-Interferonen. Diese Interferone können unter anderem die Vermehrung von Viren im Körper hemmen. Doch das Immunsystem ist komplex und Interferone nur ein Punkt. Frauen bilden im Schnitt auch schneller Antikörper bei einer Infektion mit RNA-Viren, so Marcus Altfeld. Diese Antikörper würden tendenziell auch länger bestehen bleiben – das gelte auch nach einer Impfung.

X-Chromosom macht vielleicht den Unterschied - auch bei einer Corona-Infektion

Es gibt wichtige Gene, die nur auf dem X-Chromosom zu finden sind. Und: Auf dem X-Chromosom liegen wichtige Gene, die für zentrale Funktionen wie das Immunsystem im Körper verantwortlich sind. Wer zwei X-Chromosome in sich trägt, hat einen Vorteil. Fehler im Erbgut oder ein Gen-Defekt kann das andere X-Chromosom ausgleichen. Gene von Immunzellen können von beiden X-Chromosomen abgelesen werden. Dadurch steht ein vielfältigeres Spektrum an Abwehrmechanismen zur Verfügung. „Diese Zellen haben dann auch eine schnellere Antwort auf RNA-Viren“, so Altfeld.

Die schnelle und starke Immunantwort bei Frauen hat allerdings auch ihre Schattenseiten: Frauen erkranken häufiger als Männer an Auotimmunerkrankungen, wie beispielsweise Multiple Sklerose oder Hashimoto Thyreoiditis. Die Immunabwehr im Körper verwechselt körpereigene Antigene mit Bakterien und Viren und greift sie an.

Auch Hormone, vor allem Sexualhormone, können offenbar einen Einfluss auf die Immunabwehr des Körpers haben. So zeigte sich eher zufällig, dass Frauen über 50 mit einer Sars-CoV-2-Infektion und einer Estradiol-Therapie ein geringeres Risiko hatten, an Covid-19-Folgen zu sterben, als gleichaltrige Frauen ohne eine Hormontherapie. Das Forscherteam an der Berliner Charité untersuchte eigentlich eine Hormontherapie in den Wechseljahren. Männern bei einer Corona-Infektion weibliche Hormone zu geben, ist nach Ansicht von Experte Marcus Altfeld „ein starker Eingriff“. Es gäbe inzwischen gute Medikamente gegen einen schweren Covid-19-Verlauf. Im Spiegel verweist der Hamburger Altfeld auf Paxlovid*. Indes krachen in Deutschland die Infektionszahlen durch die Decke. Die Inzidenz liegt erneut auf einem Rekord-Wert. (ml) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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