1. Startseite
  2. Deutschland

Schwerer oder milder Verlauf: Wie gut bin ich gegen Corona geschützt?

Erstellt:

Von: Max Partelly

Kommentare

Ein Immunologe spricht über die Faktoren, die den Immunschutz gegen das Coronavirus beeinflussen - was man weiß und was noch nicht.

Braunschweig - Die Temperaturen steigen langsam. Der Winter scheint sich endlich dem Ende zuzuneigen. Parallel erreicht die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland wieder regelmäßig Rekordwerte. Für Experten wie den Virologen Hendrik Streeck ist diese „Doppelspitze“ nicht überraschend. Viele fragen sich jedoch, wie gut ihr Schutz vor Corona und vor allem ihren Varianten wie Omikron ist.

Grundsätzlich sei die Corona-Impfung eine solide Basis für den Schutz vor den Folgen einer Corona-Infektion. Das ist eine Haltung, die viele Experten vertreten. Unter anderem sieht das auch Corona-Experte Luka Cicin-Sain so. Im Interview mit dem RND erklärt der Leiter der Arbeitsgruppe „Virale Immunologie“ am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung welche Faktoren den Immunschutz beeinflussen sowie was man mittlerweile weiß und was noch nicht.

Wie gut sind die Deutschen vor Corona geschützt? Einschätzung laut Immunologe schwierig

Auf die gesamte Bevölkerung gesehen scheint es schwer zu sein, eine Einschätzung eines wirklich ausreichenden Immunschutzes zu geben. Cicin-Sain merkt an, dass „vor allem die neutralisierenden Antikörpertiter“ relevant seien um den Immunschutz bewerten zu können. „Diese sagen uns, inwiefern die Immunität anschlägt – oder eben nicht.“

Eines sei aber gesichert: Wer die Booster-Impfung erhalten hat, der habe ausreichend Antikörper. „Je mehr es davon im Körper gibt, umso mehr wird das Virus erfolgreich außer Gefecht gesetzt.“ Aktuell seien rund 57 Prozent der Bevölkerung in Deutschland geboostert, erklärt Cicin-Sain. Diese Bevölkerungsgruppe habe somit ausreichend Antikörper.

Er erklärt, dass die Booster-Impfung eigentlich die Impfung vollständig macht, dies aber bedauerlicherweise nicht von der Stiko so benannt werde. Dass in Deutschland so viele Menschen nicht geboostert seien, stelle seiner Ansicht nach ein Problem dar.

Schutz durch zwei Impfungen reicht nicht mehr aus: Neue Varianten machten den Booster notwendig

Zur Zeit als die Delta-Variante des Coronavirus dominant war, wurde bei der Effektivität der in Deutschland zugelassenen Impfstoffe von etwa 90 Prozent gesprochen. Diese Zahl verlor laut Cicin-Sain ihre Gültigkeit mit den neuen Varianten. Der Schutz fiel auf etwa 50 oder 60 Prozent.

In diesem Zusammenhang folgert der Immunologe: „Nur die Hälfte der Menschen in der Gruppe der Geimpften hat prozentual gesehen keine schweren Verläufe im Vergleich zur Gruppe der Ungeimpften.“ Mit dem Booster erhöhe sich die Schutzwirkung aber wieder auf über 80 Prozent.

Wie gut ist mein Schutz vor Corona? Es hängt oft auch vom Alter ab

Nach sechs Monaten falle der Antikörpertiter oft ab. Wie es sich mit dem Schutz nach dieser Zeit verhält, sei nicht ganz klar, erklärt Cicin-Sain. Das Alter spiele ebenfalls eine große Rolle dabei, wie gut das Immunsystem funktioniert und die Erkrankung abwehren kann, sodass es zu keinem schweren Verlauf kommen kann.

Generell sei das Immunsystem bei älteren Menschen nicht mehr so stark wie bei jungen Menschen. Deshalb gebe es auch unter Personen, die die Booster-Impfung erhalten haben, öfter Impfdurchbrüche, wenn sie älter sind. Deshalb müsse man bei dem Thema Impfdurchbrüche im Grunde differenzieren.

Diese individuellen Faktoren machen laut Cicin-Sain eine grundlegende Einschätzung schwer. Wie gut die Deutschen geschützt sind, ließe sich nicht pauschal beantworten: „Es ist deshalb auch insgesamt sehr schwierig, zu sagen: Jetzt ist der Moment, wo alle Menschen in Deutschland ausreichend vor dem Coronavirus geschützt sind. Bei jedem und jeder sieht es anders aus.“

Jung, keine Vorerkrankungen und hoher Antikörpertiter: Bin ich zumindest so sicher vor Corona?

Natürlich sei bei gesunden jungen Menschen, die dreifach geimpft sind der Schutz am besten, erklärt Cicin-Sain, jedoch sind es die individuellen Faktoren, die eine allgemeine Antwort erschweren. Die Antikörpertiter variieren dem Immunologen zufolge von Person zu Person stark, was auch durch Experimente belegt werden konnte: „Wir haben das beispielsweise einmal bei unseren geboosterten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der Abteilung gemessen. Da kamen ganz unterschiedliche Werte heraus mit teils um das Zehnfache unterschiedlichen Titerhöhen.“

Der Grund dafür sei ein Zufallsprinzip des menschlichen Immunsystems, erklärt Cicin-Sain: „Antikörper befinden sich willkürlich im Körper. Wenn man Glück hat, hat man zufällig viele Antikörper, die das Spike-Protein erkennen. Wenn man Pech hat, fehlen sie.“ Vorhersagen mittels dieses Wertes seien demnach nicht möglich: „Das alles ist sehr komplex und auch Forschende wissen vieles darüber noch nicht.“

Bester Schutz durch Booster und Genesung von Omikron-Erkrankung?

Es gebe Hinweise darauf, dass Personen, die geboostert und genesen sind, besonders hohe Antikörpertiter haben. Dass der Immunschutz so sehr breit und lang anhaltend ist, sei ebenfalls zu erwarten, meint der Immunologe: „Geboosterte, die auch genesen sind, haben bessere Karten, sich nicht so schnell wieder anzustecken.“

Dies sei aber keine Einladung, sich als geboosterte Person aktiv mit dem Virus infizieren zu lassen. Cicin-Sain hofft darauf, dass keine neuen Varianten den Immunschutz umgehen und sich so irgendwann eine sogenannte Herdenimmunität bilden kann. „Corona wäre dann keine Bedrohung mehr.“ Wie etwaige Corona-Mutationen in Zukunft aussehen werden, ließe sich aber noch nicht vorhersagen. (mda)

Auch interessant

Kommentare