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Corona-Ursprung: Virologe Drosten spricht über „auffällige“ Beobachtung

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Charité-Virologe Christian Drosten.
Charité-Virologe Christian Drosten. © Christophe Gateau/dpa

Woher kommt das Coronavirus? Aus dem Labor oder ist es ein natürliches Phänomen? Virologe Drosten erklärt aktuelle Erkenntnisse zu Virus-Experimenten in Wuhan.

München – Forscher suchen seit dem Beginn der Corona-Pandemie nach dem Ursprung des Coronavirus Sars-CoV-2. Viele Fragen sind noch offen. Es gibt verschiedene Hypothesen: Von der Fledermaus ist das Coronavirus über ein Zwischenwirtstier auf den Menschen übertragen worden, davon gehen die meisten Wissenschaftler aus. Auch im Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im März 2021 gilt diese Hypothese als „wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich“. Um welches Tier es sich handeln könnte, ließ die WHO offen. Eine andere These: Das Coronavirus ist im Labor in Wuhan entstanden. Diese brisante, aber auch bekannte Labor-Theorie kocht aktuell hoch. Ein Hamburger Physiker schürte vor Kurzem erneut die Theorie des Labor-Unfalls*.

Ursprung des Coronavirus Sars-CoV-2: Drosten hält Ursprung im Tierreich für wahrscheinlicher

Der Berliner Virologe Christian Drosten ist in der Debatte um den Ursprung zwischen die Fronten geraten. Drosten will die Labor-Hypothese nicht ausschließen – hält sie aber weiter für sehr unwahrscheinlich. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) erläutert Drosten seine Position, spricht über neue Erkenntnisse aus Wuhan und wehrt sich gegen Täuschungsvorwürfe zum Ursprung der Pandemie.

Inzwischen sei bekannt, dass in einem Hochsicherheitslabor in Wuhan (China*) Experimente gemacht wurden, um Viren neue Eigenschaften zu verleihen. Drosten habe eine Sache in diesen veröffentlichten Projektberichten nach eigenen Angaben „überrascht“. Doch selbst diese neuen Erkenntnisse seien seiner Auffassung nach kein Beleg für einen unnatürlichen Ursprung von Sars-CoV-2.

Video: Coronavirus: Drosten über Omikron-Subtyp BA2

Veröffentlichte Projektberichte würden zeigen, dass „in Wuhan durchaus Sachen gemacht wurden, die man als gefährlich bezeichnen könnte. Das hätte echt nicht sein müssen. Aber dabei hätte nicht das Sars-CoV-2-Virus herauskommen können“, so Drosten. „Die haben zwar Fledermausviren neue Eigenschaften eingebaut, aber nicht solchen, die als Vorgänger von Sars-CoV-2 infrage kämen.

Das Institut für Virologie in Wuhan habe demnach in einem Projekt der US-amerikanischen NGO „Ecohealth Alliance“ „Gain-of-Function-Experimente“ gemacht. „Dabei wurden Fledermausviren mittels Gentechnik neue Spikeproteine eingebaut. Es zeigte sich, dass die so konstruierten Viren sich besser vermehren konnten. Es wurde auch bekannt, dass Pläne zum Einbau von Furinspaltstellen bestanden, aber das sollte in einem amerikanischen Labor gemacht werden, und das Projekt wurde nicht finanziert“, so Drosten.

Ursprung des Coronavirus: Was ist dran an der Labor-Hypothese?

Die sogenannte Furinspalte ist ein Merkmal von Sars-CoV-2, das es dem Erreger ermöglicht, Zellen der Atemwege zu befallen. In der Gruppe der Coronaviren, zu denen auch das Sars-CoV-2 zählt, kommt das Merkmal eigentlich nicht vor. Bei anderen Coronaviren aber durchaus, erklärt Drosten.

Diese Furinspalte im Oberflächenprotein des Coronavirus ist für Befürworter der Labor-Hypothese ein Hinweis, dass Sars-CoV-2 aus dem Labor kommen muss. Diese Spaltstelle eingebaut wurde.

Drosten: Furinspalte kein Nachweis für einen nicht-natürlichen Ursprung von Sars-CoV-2

Virologe Drosten hält diese Furinspalte zwar für auffällig, aber es sei „kein Beweis für einen nicht-natürlichen Ursprung“, sagt Christian Drosten im SZ-Interview. Bei Influenza würden solche Furinspalten ständig neu in der Natur entstehen. Im vergangenen Jahr wurden in seinem Labor Proben von Fledermäusen untersucht. Dabei sei sein Team auf zwei Exemplare von Sars-verwandten Viren gestoßen, bei denen nur eine Mutation nötig wäre, „und dann hätten die Viren auch so eine Furinspalte ähnlich der von Sars-CoV-2.“ Wenn nur so eine geringe Änderung im Genom notwendig sei, könne man sich durchaus darauf einstellen, dass sowas auch in der Natur passiere.

Was dort in den Laboren in Wuhan gemacht wurde, hätte nach Ansicht von Drosten schon nach den ersten Vorwürfen besser kommuniziert werden müssen. Zumal einige Leute in den USA* von diesen Versuchen wussten. Mehr Transparenz von den Verantwortlichen vor Ort sowie auch mit dem Institut in Wuhan, das mit der US-Forschungseinrichtung kooperierte.

Der Berliner Virologe findet es auffällig, dass es immer noch erstaunlich wenig Daten über den natürlichen Ursprung in China gäbe. Es fehlten Untersuchungen von Tieren, die als Zwischenwirtstiere – wie Schleichkatzen oder Marderhunde – infrage kämen.

 „Sie werden bekanntermaßen in vielen Teilen Chinas vor allem von der Pelzindustrie gezüchtet und verkauft. Ich hätte eigentlich erwartet, dass mit vollem Enthusiasmus alles auseinandergenommen wird, um den Ursprung zu finden. Den Ursprung des Coronavirus werde man nicht von den USA oder Deutschland aus herausfinden. „Dazu brauche es den Willen Chinas.“

Die WHO hält das Labor-Szenario für „extrem unwahrscheinlich“. Die These, dass das Virus – ungewollt oder gewollt – aus einem Forschungslabor in Wuhan entwichen sei, schlossen die WHO-Experten in ihrem Bericht praktisch aus. Es gebe „keine Beweise für Viren, die eng mit Sars-CoV-2 verwandt sind, in Laboren vor Dezember 2019“.

Drosten will die Labor-Hypothese aber nicht ganz ausschließen: „Es gibt nichts, was es nicht gibt. Ich will es nicht ausschließen, aber es ist derzeit nur eine Möglichkeit“.

Virologe Christian Drosten
Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité. © Political-Moments/Imago

Allerdings: Für die Hypothese vom Labor-Ursprung gäbe es keine vergleichbar hochwertige wissenschaftliche Indizien, wie zum Sars-1-Virus, das zur gleichen Art gehört wie Sars-CoV-2. Sars-1 stammt von der Fledermaus und ging über die Schleichkatze und Maderhunde als Zwischenwirt auf den Menschen über, führt Drosten schon zu Beginn des SZ-Interviews aus. „Wahrscheinlich in den Zwischenwirten verändert sich das Virus dann so, dass es auch den Menschen befallen könne.

Omikron-Rätsel gelöst? Mäuse unter Verdacht

Beim Vorläufer von Omikron sind selbst chinesische Forscher offenbar einen Schritt weiter: Der Vorläufer von Omikron sprang wahrscheinlich von Menschen auf die Maus über, sammelte dort Mutationen, die für eine Infektion bei dem Wirtstier förderlich waren, bevor es wieder auf den Menschen übersprang. Diese Erkenntnis veröffentlichte das Team um Changshui Wei von der Universität der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking Ende Dezember.(ml)*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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